Schulperspektiven: Wie man nichts lernt

11. Jänner 2008, 15:16
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Alle Beteiligten im Streit um die Neue Mittelschule versicherten, dass sich "etwas bewege" - Plädoyer für eine schulpolitische Denkpause - Von Karl Heinz Gruber

Nach zwei verheißungsvollen Initiativen zu Beginn des Jahres steht Österreich - frei nach Shakespeare - ein bildungspolitischer "Winter unseres Missvergnügens" bevor. Sowohl die Einsetzung einer Expertenkommission durch SP- Bildungsministerin Schmied als auch die Etablierung der "Perspektivengruppe Bildung" der ÖVP gaben Anlass zur Hoffnung, die beiden großen bildungspolitischen Lager wären bereit, ihre seit Jahrzehnten bestehenden ideologischen Schützengräben zu verlassen und sich dem anzunähern, was die OECD "evidence-based policy" nennt, also eine Bildungspolitik, die auf rationalen Argumenten und gesicherten wissenschaftlichen Fakten beruht.

Dass die Bundes-ÖVP nicht an einer Schulreform interessiert ist, war schon vor der Totalverweigerung der letzten Tage bekannt. Es gab in den letzten Monaten zahlreiche dünnlippige Bekenntnisse zu "Schulvielfalt" und "Wahlfreiheit der Eltern", im Klartext zur Beibehaltung von schulischer Apartheid und der damit verbundenen sozialen Segregation. Aber es hätte ja sein können, dass die Perspektivengruppe von der Offenheit, dem Pragmatismus, der Liberalität und der Lernbereitschaft der Leitls, Mitterlehners, Schützenhöfers und Edlinger-Ploders in der ÖVP angesteckt wird.

Humorresistenz

Wie kamen die (aus irgendeinem Grunde anonym bleibenden) Mitglieder der Perspektivengruppe zu ihren Perspektiven? Hätten sie ein bisschen Humor gehabt, hätten sie sich "zum Aufwärmen" mit der Schrift De pictura des italienischen Renaissance-Architekten und Kunsttheoretikers Leon Battista Alberti beschäftigen können. Sie hätten dabei nicht nur allerhand Interessantes über die Perspektive in der Renaissancemalerei erfahren sondern von Alberti auch den wichtigen Rat erhalten, sich bei der Lösung neuer Aufgaben von den Scheuklappen der Tradition zu befreien.

Da aber Humor nicht zu den Stärken der ÖVP zu gehören scheint, hätte man von der Gruppe wenigstens erwarten dürfen, dass sie sich unter Nutzung der Methoden und Instrumente der modernen Bildungsplanung ( "horizon scanning", "visioning", "scenario planning") der Klärung folgender Fragen zuwendet: Welche Strukturen und Praktiken des österreichischen Schulwesens halten einer kritischen Prüfung stand? Was sind dysfunktionale ideologische Altlasten? Was sind absehbare Herausforderungen an das Schulsystem und wie gehen andere europäische Länder damit um? Und schließlich: Was sind unsere Visionen ("Perspektiven") und unter welchen Bedingungen sind sie realisierbar?

Nichts davon. Hingegen wird eine Forderung erhoben, die in ihrer bizarren Obsoletheit im Widerspruch zum Mainstream der europäischen Schulentwicklungstrends, im Widerspruch zu den Perspektiven der Industriellenvereinigung und der Sozialpartner und erst recht im Widerspruch zu den Reformplänen von Bildungsministerin Schmied steht: Die ÖVP fordert "die Stärkung der Hauptschule als berufsbildende und lehrberufsausbildende Mittelstufe ..." Ja, Sie haben richtig gelesen. Während alle europäische Länder danach trachten, allen ihren Schülern bis zum Ende der Schulpflicht einen möglichst hohen gemeinsamen Sockel von "polyvalenter" Allgemeinbildung (französisch so treffend "tronc commun" - "gemeinsamer Rumpf" - benannt) zu verschaffen, auf dem weiterführende allgemeinbildende oder berufsbildende Bildungswege aufbauen, soll es in Österreich "Lehrberufsausbildung" ab dem 10. Lebensjahr geben und die Unterschiede zwischen Hauptschule und AHS- Unterstufe sollen vergrößert werden. Wie groß der Lernbedarf selbst im "liberalen Flügel" der ÖVP ist, stellte der Leiter der ÖVP-Perspektivengruppe, Umweltminister Josef Pröll, unter Beweis, als er in einem Standard-Chat allen Ernstes behauptete, es gäbe keine sozialen Barrieren im österreichischen Bildungssystem.

Schulreform besteht nicht im Setzen "legistischer Meilensteine" nach dem Muster - 1776 Einführung der Schulpflicht, 1869 Reichsvolksschulgesetz, 1962 Schulorganisationsgesetz, 2007 Neue-Mittelschule-Gesetz. Natürlich brauchen Reformen Rechtssicherheit, aber mindestens so wichtig ist ein umfassender nationaler Lernprozess, an dem die Eltern, die Lehrerschaft und - siehe Josef Pröll - die Politiker teilhaben.

Es wäre schön, müsste man die folgende Frage nicht stellen, aber: Warum hat Ministerin Schmied mit ihrem Gesetzesentwurf nicht zugewartet bis "ihre" Kommission ihren Bericht vorgelegt hat? Zeitdruck? Hat das österreichische Schulsystem elf Jahre Gehrer'sche Eiszeit ausgehalten, wird es auch die Denkpause bis zum Vorlegen des Berichts der Expertenkommission aushalten, ehe die "große Reform der Sekundarstufe I" nach einem wohlüberlegten Masterplan voll und zügig einsetzt. Eine Denkpause wäre keinswegs eine Zeitvergeudung, sondern sollte ganz im Gegenteil für ein nationales Brainstorming zur Schulreform genutzt werden, das eigentlich schon begonnen haben könnte, denn nach der Homepage des Bildungsministeriums gehört es zu den Aufgaben der Expertenkommission, "Bildungsthemen ins Zentrum des öffentlichen Diskurses zu rücken". Die vor einigen Jahren in Frankreich inszenierte "Grand Debat" und die weiter zurückliegende englische "Great Debate" bieten sich als eindrucksvolle Beispiele dafür an, wie man der Uninformiertheit und den unbegründeten Ängsten der Eltern vor der Gesamtschule sowie der Skepsis und dem Unbehagen der Lehrerschaft entgegentritt.

Für die ministerielle Expertenkommission liegt die Latte nicht weniger hoch als für die ÖVP-Perspektivengruppe. Auch sie wird eine Stärken-Schwächen-Analyse des bestehenden Schulsystems vornehmen müssen, sie wird ausländische Reformerfahrungen aufzuarbeiten haben, sie wird verschiedene Gesamtschulmodelle erwägen und das für Österreich tauglichste Modell vorschlagen müssen, sie wird Curricula und Differenzierungsformen präsentieren müssen, die auch AHS-Lehrenden als realisierbar erscheinen, und sie wird das Timing und die flankierenden Maßnahmen einer österreichweiten Umsetzungsstrategie überlegen müssen.

Zwei Jubiläen

Was passiert, wenn die Vorschläge der Kommission sehr viel innovativer und kreativer ausfallen als der vorliegende Gesetzesentwurf, der von Kompromissen bereits schwer gezeichnet ist? Es ist kaum vorstellbar, dass die ministeriellen Experten die "Neue Mittelschule" als dritte, abwählbare Schulform neben AHS und Hauptschule konzipieren werden, oder dass sie so etwas vorschlagen wie jenes (inzwischen zurückgezogene) "niederösterreichische" Modell eine Pseudo- Gesamtschule, das Kindern mit 10, 12 und 14 Jahren einen Schulwechsel zugemutet hätte.

Mit etwas schwarzem Humor hätte Österreich heuer die runden Jubiläen zweier misslungener Gesamtschulreformen feiern können. Vor 80 Jahren wurde mit dem Hauptschulgesetz 1927 die Glöckel'sche Reform zur "Allgemeinen Mittelschule", ein Experiment, das damals europaweit Beachtung und Anerkennung gefunden hatte, von der Christlichsozialen Partei beendet. Und vor 25 Jahren wurden mit der 7. SchOG-Novelle 1982 die Gesamtschulversuche der Siebzigerjahre eingestellt, weil die ÖVP dem Schulversuch trotz positiver Evaluierungsergebnisse ihre Zustimmung entzog. Die ÖVP muss etwas dazulernen. Ein weiteres Gesamtschuldesaster kann sich Österreich nicht leisten. (Karl Heinz Gruber/DER STANDARD-Printausgabe, 31. Oktober/1. November 2007)

*Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.
  • Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.
    foto: standard/urban

    Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.

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