Last Exit Liesing

30. Oktober 2007, 20:44
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Der islamische Friedhof in Wien ist seit Jahren eine Baustelle

Wien - Ein windschiefes Baugerüst, eine verrostete Betonmischmaschine, halb ausgerissene Büsche am Wegesrand: Der islamische Friedhof in Wien-Liesing wirkt nicht so, als würde er demnächst fertig werden. Dabei hätten eigentlich schon vor Jahren die ersten muslimischen Wiener am südlichen Stadtrand ihre letzte Ruhe finden sollen.

Zwei Jahrzehnte dauerten die Verhandlungen zwischen der islamischen Glaubensgemeinschaft und der Stadt Wien in Sachen selbst verwalteter Begräbnisstätte mit nach Mekka ausgerichteten Gräbern. Nachdem man sich vor sechs Jahren auf ein 35.000 Quadratmeter großes Areal, das sich im Besitz der Gemeinde befindet, geeinigt hatte, fing's aber erst an, richtig kompliziert zu werden: Erst fehlte das Geld, dann ging die beauftragte Baufirma in Konkurs, zuletzt wurde ein Brandanschlag verübt. Diesen Herbst hätte der erste islamische Friedhof der Stadt - Hauptsponsor ist der Opec-Fund - dann aber endlich offiziell seine Pforten öffnen sollen. Daraus wird aber vorerst wieder nichts.

Waschungen

"In ein paar Wochen wird das Hauptgebäude so weit ausgebaut sein, dass wir darin Waschungen vornehmen können", sagt Anas Schakfeh, Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). "Begraben werden die Leute aber vorerst noch auf dem Zentralfriedhof." Die Pläne, nach denen die einzelnen Parzellen angelegt werden, seien nämlich noch nicht fertig. Auch bezüglich Ausstattung ist man noch nicht so weit. "Die Bestattung Wien stellt uns ein paar Geräte zur Verfügung, auf Dauer müssen wir uns da aber etwas überlegen", sagt Farid Soliman, Leiter der Friedhofskommission.

Dass die schwierige Umsetzung des 1,4 Millionen Euro teuren Projekts vielleicht auch mit dem Umstand zu tun haben könnte, dass die islamische Gemeinschaft in Wien sehr heterogen ist und viele Muslime nicht in Österreich begraben werden wollen, lässt der IGGiÖ-Präsident nicht gelten: "Wir haben eine Umfrage gestartet, und dabei ist herausgekommen, dass ein Großteil der in Wien lebenden Muslime auch hier begraben sein will", sagt Anas Schakfeh. Das trifft allerdings nur auf die zweite und dritte Generation zu. Wer als "Gastarbeiter" nach Österreich gekommen ist, kehrt nach dem letzten Atemzug nämlich lieber in die alte Heimat zurück. Vor allem Türken lassen sich lieber in ihrem Geburtsland begraben.

3000 Gräber

Auf dem Grundstück zwischen Großmarktstraße und Laxenburger Straße finden 3000 Gräber Platz. Im zwölfeckigen Hauptgebäude aus Backstein sollen sich künftig die Trauerfamilien zum Beten zusammenfinden, im Nebengebäude werden die Toten gewaschen. Und irgendwann wird auch jemand in die kleine Portierswohnung einziehen, um Tag und Nacht auf dem Friedhof mitten im Industriegebiet nach dem Rechten zu sehen.

Dann könnten auch die Tore wieder offen bleiben - zumindest am Tag. Nach einem Vandalenakt, bei dem letzten Sommer schwarze Kreuze auf die grauen Friedhofsmauern gemalt wurden, bleiben die nämlich zu. Übermalt hat man die Kreuze allerdings noch nicht. (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 31.10./1.11.2007)

  • In ein paar Wochen sollen hier die ersten Toten gewaschen werden, begraben werden sie aber weiterhin am Zentralfriedhof: Die Tore zu Wiens erstem islamischem Friedhof bleiben vorerst verschlossen
    foto: soliman

    In ein paar Wochen sollen hier die ersten Toten gewaschen werden, begraben werden sie aber weiterhin am Zentralfriedhof: Die Tore zu Wiens erstem islamischem Friedhof bleiben vorerst verschlossen

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