Mit Kartoffeln einmal um die Welt

30. Oktober 2007, 18:58
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Der niederländische Wissenschafter Rudy Rabbinge hält die Biokraftstoffproduktion in Entwicklungsländern für problematisch - ein STANDARD-Interview

Der niederländische Wissenschafter Rudy Rabbinge hält die Biokraftstoffproduktion in den Entwicklungsländern für problematisch. Es gebe bereits Engpässe in der Lebensmittelproduktion für den Eigenbedarf. Stefan Löffler sprach mit ihm.

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STANDARD: Was haben Sie an Biokraftstoffen auszusetzen? Ist es nicht besser, Sprit aus Pflanzen als aus Rohöl zu gewinnen?

Rabbinge: Sie sehen ein Kartoffelfeld und denken, mit dem Sprit, der sich aus den Kartoffeln herstellen lässt, kann Ihr Auto einmal um die Welt fahren. Doch die Energie, die in den Anbau hineingesteckt wird, ist beträchtlich. Rechnet man den Aufwand mit, daraus Kraftstoff zu machen, bleibt netto wenig übrig. Dabei werden enorme Flächen benötigt, um die Energie für Biosprit zu produzieren. Es entsteht also ein Konflikt, ob man das Land nutzt, um Autos anzutreiben, oder um Menschen und Vieh zu ernähren.

STANDARD: Zeigt dieser Konflikt schon Auswirkungen?

Rabbinge: In den USA geht schon mehr Mais in die Spritherstellung als ins Viehfutter. Die Preise steigen, und es kommt zu Verknappungen. Fast alle der ärmsten Länder sind auf Lebensmittelimporte angewiesen, aber sie können die als Folge dieser Politik gestiegenen Preise nicht aufbringen. In Afrika leiden einige Völker bereits.

STANDARD: Was arme Länder haben, ist immerhin Fläche.

Rabbinge: Und damit können sie in bescheidenem Umfang Energie produzieren. Ein armes Land wie Uganda wendet die Hälfte seiner Wirtschaftsleistung auf, um Energie zu importieren. Eine gute Lösung ist Jatropha, eine anspruchslose Nussbaumart, die gewöhnlich als Hecke um Landflächen gepflanzt wird und nicht um die für Getreide geeigneten Böden konkurriert. Aus den Nüssen lässt sich Biodiesel herstellen.

Oder man kann Süßhirse nutzen: Aus den Kernen macht man Lebensmittel oder Futter und aus der Stärke Biosprit. Das funktioniert in Uganda und einigen anderen Ländern in Afrika: In Mali, Tschad oder Burkina Faso gibt es schon Fabriken, die Jatropha und Hirse zu Sprit verarbeiten. Aber man muss bedenken, dass der durchschnittliche Malier mit 300 Liter Öl im Jahr auskommt, während ein Mitteleuropäer mehr als drei Tonnen, ein US-Amerikaner sogar mehr als fünf Tonnen verbraucht.

STANDARD: Die EU und die USA haben bereits begonnen, Biosprit zu subventionieren. Begrüßen Sie das?

Rabbinge: Für diese Politik werden mehrere Argumente angeführt: Zunächst die Knappheit von fossilem Öl ...

STANDARD: Die ist offensichtlich.

Rabbinge: Das ist die Frage. Langfristig müssen wir weg vom Öl, mittelfristig sehen wir Fortschritte bei der Erschließung von Ölfeldern. Heute kommen wir an Öl heran, das früher aus technischen oder finanziellen Gründen nicht förderbar war. Die Knappheit wird durch die ölfördernden Länder geschaffen. Als zweites Argument wird der Kohlendioxidausstoß genannt. Die Einsparung durch Biosprit ist aber begrenzt. Das dritte Argument ist das geopolitische: Der Westen will in der Energieversorgung nicht von der arabischen Welt und Russland abhängig sein. Das hat dazu geführt, dass den herkömmlichen Treibstoffen Biosprit beigemischt werden muss.

STANDARD: Seit wann warnen Wissenschafter, dass sich die Energieprobleme nicht mit Biomasse lösen lassen?

Rabbinge: Seit zwanzig Jahren.

STANDARD: Warum wurden sie nicht gehört?

Rabbinge: Aus den genannten drei Gründen. Es gibt genügend Entscheidungsträger, die an sie glauben. Das geopolitische Argument zeigt bei Politikern starke Wirkung. Dabei kann der Beitrag von Biosprit nie groß genug sein.

STANDARD: Gerade hat sich den Bauern durch Energiepflanzen eine neue Einnahmequelle erschlossen, und Sie wollen sie ihnen wieder wegnehmen.

Rabbinge: Aber um die Bauern müssen wir uns nicht sorgen, denn die Nachfrage nach Lebensmitteln und Futter steigt auf Dauer.

STANDARD: Kann man Biomasse effizienter nutzen als nur zur Gewinnung von Sprit?

Rabbinge: Ich bin ein großer Anhänger einer biologischen Industrie, also dass man durch Pflanzen hochwertige Produkte wie Aromen, Duftstoffe oder Medikamente herstellt.

STANDARD: Grüne Gentechnologie ist aber sowohl in Österreich als auch in den Niederlanden alles andere als populär.

Rabbinge: Solange es keine Lebensmittel sind, ist die Akzeptanz da. Vielleicht sind diese Verwendungen nicht so bekannt, aber es gibt sie.

STANDARD: Eine effiziente energetische Nutzung von Pflanzen sehen Sie nicht?

Rabbinge: Doch. Wenn man die Photosynthese richtig nutzt, hat man praktisch organische Solarzellen.

STANDARD: Wie funktioniert das?

Rabbinge: Die Photosynthese läuft ja in drei Schritten. Sie beginnt mit dem photochemischen Schritt, bei dem Photonen aus dem Sonnenlicht absorbiert werden, wodurch energiereiche Moleküle entstehen. Diese Moleküle bilden dann zusammen mit Kohlenstoff und Wasser Zucker, wobei sie einen großen Teil ihrer Energie verbrauchen. Aus dem Zucker entstehen dann wiederum unter Einsatz von Energie Trockensubstanzen wie Fett, Proteine, Zellulose oder Lignin. Das ist die Biomasse, die man, wiederum unter Energieeinsatz, zu Alkohol, also Biosprit, umwandelt.

Am Ende des Prozesses ist offensichtlich nur noch ein Bruchteil der Energie übrig. Warum setzen wir nicht direkt beim photochemischen Teil an? Man legt Grünflächen an, um die Photonen aufzufangen, und absorbiert aus den energiereichen Molekülen mithilfe von Enzymen oder Wasserstoff direkt die Energie. Man geht also nicht den Weg über die Pflanze, weil dabei die meiste Energie verlorengeht.

STANDARD: In der Theorie klingt das ja sehr gut, aber gibt es organische Solarzellen auch in der Praxis?

Rabbinge: Siemens stellt sie bereits her, aber sie sind im Moment noch teuer. Wenn wir genügend investieren, steht ein neuer Weg offen.

STANDARD: Er ist kaum bekannt, oder?

Rabbinge: Es läuft einiges an Forschung dazu, das Hauptproblem ist aber die "Korrektur nach oben". Die größte Hürde ist, dass Energie trotz gestiegenen Ölpreises immer noch relativ billig ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2007)

Zur Person
Der in Kampen in den Niederlanden geborene Rudy Rabbinge (60) ist Professor für nachhaltige Entwicklung an der Universität für Landwirtschaft im niederländischen Wageningen. Er ist Politiker und gehört der Arbeitspartei an. 1964 bis 1971 studierte er Landwirtschaft und Umweltkunde. Rabbinge hat dem Wissenschaftlichen Beirat der niederländischen Regierung und bis vor kurzem der "Ersten Kammer" des Parlaments angehört. Er leitete außerdem die Kommission für Entwicklungszusammenarbeit. (stlö)

Links
  • Biosprit aus Jatropha-Nüssen macht Sinn für Länder wie Uganda, die, obwohl sie pro Kopf wenig Energie benötigen, enorme Anteile ihrer Wirtschaftsleistung für Ölimporte ausgeben, so Rudy Rabbinge.
    foto: der standard/wageningen ur

    Biosprit aus Jatropha-Nüssen macht Sinn für Länder wie Uganda, die, obwohl sie pro Kopf wenig Energie benötigen, enorme Anteile ihrer Wirtschaftsleistung für Ölimporte ausgeben, so Rudy Rabbinge.

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