Abwehr der Netz-Spione

30. Oktober 2007, 18:42
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Während man in Österreich über Polizei-Trojaner diskutiert, bemühen sich mehrere Forschergruppen um einen besseren Schutz der Privatsphäre im Web

Während man in Österreich über Online-Fahndung und Polizei-Trojaner diskutiert, bemühen sich mehrere Forschergruppen um einen verbesserten Schutz der Privatsphäre im Internet. Und meinen, dass den wenigsten Usern klar zu sein scheint, wie viele Datenspuren sie hinterlassen.

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Kaum jemand käme auf die Idee, mit einem Rechtsanwalt oder einem Geschäftspartner per Postkarte zu kommunizieren. Bei ihrer elektronischen Kommunikation haben die meisten Menschen weniger Bedenken, jedenfalls verwenden nur wenige ein Verschlüsselungsprogramm. Daher können E-Mails von Dritten gelesen und theoretisch sogar verändert werden, ohne dass es der Empfänger bemerkt.

„Man sollte hier keine Panik verbreiten“, sagt Reinhard Posch, Informatik-Professor an der TU Graz. „Aber es ist sicher nicht ratsam, vom Firmencomputer aus unverschlüsselte Mails zu schreiben, die der Chef nicht zu Gesicht bekommen darf.“

Außerdem sind die Spuren der elektronischen Kommunikation nicht so einfach zu tilgen, gelöschte Mails können wieder hergestellt werden. Auch beim Surfen im Internet hinterlässt man bekanntlich Spuren: Jedes Mal, wenn wir eine Seite besuchen, sieht ihr Betreiber im Regelfall die IP-Adresse, die verrät, von welchem Computer aus der Abruf erfolgt. Die Suchmaschine Google speichert – seit Beginn ihres Bestehens – alle Suchanfragen mit der IP-Adresse.

Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Öffentliches Recht an der Harvard University, sieht Handlungsbedarf in Bezug auf das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, zumal immer bessere Werkzeuge entwickelt werden, die die gesammelten Daten auch verknüpfen und auswerten können: „Auch in der Interaktion mit anderen muss das Recht gewahrt bleiben, selbst zu entscheiden, von wem, unter welchen Bedingungen und zu welchen Zwecken die persönlichen Daten verwendet werden.“ Eine mögliche Lösung sieht der Internetrechtsexperte in einem Ablaufdatum für Daten: Nach einer bestimmten Zeit sollten Daten automatisch gelöscht werden. Damit würde das Vergessen anstelle des Erinnerns wieder in den Vordergrund rücken, wie es in der Geschichte der Menschheit jahrtausendelang die Norm war. Und das Bewusstsein für den Wert der Privatheit wieder steigen.

Sensibilität stärken

Mit verschiedenen Aspekten von Privatsphäre und ihrem Schutzbeschäftigt sich auch das Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in einem Forschungsschwerpunkt. Projektleiter Walter Peissl betont vor allem die Notwendigkeit, die Sensibilität in der Gesellschaft im Umgang mit dem Netz zu verstärken: „Viele Menschen bewegen sich im Internet viel zu sorglos. Manche Benutzer geben sehr persönliche oder intime Details über sich in Foren, Blogs und anderen Bereichen des Web 2.0 bekannt“, sagt Peissl. „Ich bezweifle, ob sie sich immer bewusst sind, dass diese Dinge auch in zehn oder zwanzig Jahren noch abrufbar sind.“ Vor allem Teenagern müsse man mögliche Konsequenzen des freizügigen Umgangs mit persönlichen Daten bewusst machen. Das könnte zum Beispiel über die Schule erfolgen.

Aber nicht nur private User, auch Unternehmen gehen nach Ansicht der Experten oft fahrlässig mit ihren Daten um. „Leiter kleiner Unternehmen sagen, sie hätten keine Zeit, sich mit IT-Sicherheitsfragen zu beschäftigen“, sagt Reinhard Posch. Nicht selten bezahlten sie dies dann mit dem Verlust wichtiger Daten, weil ein USB-Stick oder ein Laptop vergessen wurde und fremde Personen darauf zugreifen.

Abhilfe soll die Bürgerkarte schaffen. „Wir haben hier ein Konzept entwickelt, das sicherer und einfacher ist, als die übliche Codierung mit Passwörtern“, sagt Posch, der als „Chief Information Officer“ seit 2001 die IT-Strategie des Bundes betreut. Der Zugang zu den Daten funktioniert hier zum Beispiel über eine Karte und einen PIN, also im Grunde wie eine Bankomatkarte.

Eine andere politische Maßnahme in Zusammenhang mit Sicherheit und digitaler Welt sorgt indes zurzeit für Aufregung: die geplante Einführung der Online-Überwachung bestimmter Personen. „Wir müssen uns hier im Vorfeld genau überlegen, was wir für den propagierten Zuwachs an Sicherheit durch eine Online-Durchsuchung wirklich einkaufen“, fordert Walter Peissl. „Denn Überwachung ist für eine Gesellschaft nie folgenlos“, ist der Soziologe überzeugt. Allein das Wissen oder auch nur das Gefühl, dass man überwacht werden könnte, verändere das Verhalten einer Gesellschaft. Menschen unter Überwachung tendierten dazu, sich so zu verhalten, wie sie annehmen, dass es von ihnen erwartet wird. Auch Veränderung, Entwicklung und Fortschritt würden langfristig durch Überwachung eingeschränkt. Denn sie entstünden dadurch, dass sich Menschen „abweichend“ verhalten.

Ähnliche Bedenken hat Peissl auch in Bezug auf die von der EU beschlossene Vorratsdatenspeicherung. Es gehe dabei eben nicht nur darum, dass der Kommunikationsweg im Falle eines Verbrechens nachvollzogen werden kann, sondern ob der Gesellschaft prinzipiell mit Vertrauen oder mit einem Generalverdacht begegnet wird – für den Soziologen ein „empfindlicher Unterschied“. (Sabina Auckenthaler/DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2007)

  • Trojanische Pferde im Netz sind nach wie vor eine Gefahr für die Privatsphäre der User. Eigene Unachtsamkeiten sind aber das größte Problem.
    illustration: der standard/friesenbichler

    Trojanische Pferde im Netz sind nach wie vor eine Gefahr für die Privatsphäre der User. Eigene Unachtsamkeiten sind aber das größte Problem.

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