Neue Innerlichkeit

29. Jänner 2008, 13:58
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In High-Tech-Uhren kommen heute ganz andere Materialien als in der Vergangenheit zum Einsatz

Es tut sich was in den Küchen uhrmacherischer Alchimie. Messing, Stahl, Berylliumbronze und künstlicher Rubin als Grundzutaten mechanischer Uhrwerke haben zwar noch lange nicht ausgedient. Aber sie bekommen zunehmend Konkurrenz. Keramik, Magnesium, Nickel, Saphir und Silizium gelten als wichtige Stoffe der zeitbewahrenden Zukunft.

Silizium, der Grundstoff elektronischer Multifunktionalität, ist hart, leicht, amagnetisch, korrosionsfest und verfügt auch ohne aufwändige Nachbearbeitung über eine extrem glatte Oberfläche. Das gestattet die Herstellung ölfreier Hemmungen. Weil er zudem eine hohe Elastizität aufweist, eignet sich der Werkstoff auch zur Herstellung präziser Unruhspiralen. Das haben Patek Philippe und Breguet bereits bewiesen.

"Freak"-Karussell

Ulysse Nardin, der einschlägige Pionier, geht einen Schritt weiter. Zum einen versah er die Silizium-Hemmräder seines "Freak"-Karussells mit einer synthetischen, nano-kristallinen und extrem harten Diamantschicht. Das Resultat nennt sich "DIAMonSIL". Die Beteiligung an Sigatec, einem Spezialisten für selektive Photolithographie, führte kürzlich zu "InnoVision". Die innovative Projektstudie zeigt, dass es ganz ohne Öl gehen kann. Silizium-Werkbrücken mit integrierten Lagerbuchsen machen Rubine und Schmiermittel überflüssig. Die kleinen Löcher lassen sich in Silizium-Bauteilen fünfmal genauer anbringen als in gefrästen Messingbrücken.

Weil Brücken oder Platinen mitunter höheren mechanischen Belastungen ausgesetzt sind, als Silizium verträgt, werden sie durch Nickel-Applikationen verstärkt. Schließlich vermag Sigatec auch Silizium-Bauteile mit zwei oder gar drei Ebenen zu fertigen, wie die komplexe Kombination aus Wechsler und Sicherheitsstift der "Dual Ulysse"-Hemmung im "Freak" zeigt. "Innerhalb des kommenden Jahres", so Ulysse Nardin-Eigentümer Rolf Schnyder, "werden wir Erfahrungen mit diesen Neuerungen sammeln und danach entscheiden, was in Serie gehen wird."

"Big Bang"-Gehäuse

"Master Compressor Extreme LAB", das extreme Armband-Tourbillon von Jaeger-LeCoultre kommt ebenfalls ohne Öl aus. Sein Automatikkaliber 988C zeigt, was heutzutage alles möglich ist. Die Doppel-T-förmige Unruh mit variablem Trägheitsmoment besteht aus einer Platin-Iridium-Legierung. Das mindert die Luft-Reibung und den Energiebedarf der Schwingungen. Ein Silizium-Hemmrad kooperiert mit Ankerpaletten aus synthetischem Diamant. Das Schwing- und Hemmungssystem arbeitet in einem ultraleichten Tourbillon-Käfig aus Magnesium. Im Federhaus sorgt neuartiges Graphitpulver für minimierte Reibung. Beim Rotor mit Keramik-Kugellager dient Karbonfaser als leichtes, aber stabiles Chassis, Platin-Iridium als äußere Schwungmasse. Schließlich bestehen die Lagersteine aus "Easium" und die Zentralbrücke aus "Ticalium", einer Aluminiumlegierung mit Titankarbid-Beimischung.

Bei Hublot ist am 3. Oktober der "roll out" des neuen Kalibers HUB44 erfolgt, gefertigt im eigenen Haus auf neuesten Maschinen. Es basiert auf dem bekannten Valjoux 7750. Seine Platine, Brücken und Kloben sowie der Gehäusekorpus werden aus dem störrischen Material Ag5 gearbeitet. Diese Legierung besteht aus Magnesium (5%), Mangan (2,3%) und überwiegend Aluminium. Das "Big Bang"-Gehäuse ebenso. Die graue Farb-Einheit gewährleistet eine "Titanex"-Behandlung. Gerade einmal 78 Gramm Gewicht sprechen für sich.

"One of a Kind"

L.U.C, die Chopard-Manufaktur, hat Aluminium entdeckt. In der neuen "Tech Twist SL Titane" dient das silbrige Metall zur Anfertigung des Tourbillons. Lediglich 0,16 Gramm bringt das eigentliche Drehgestell auf die Waage. Stahl wäre 2,5-mal schwerer. Alle 62 Tourbillon-Komponenten wiegen zusammen nur 0,39 Gramm. Weil sich der neuartige Drehgang nicht verstecken muss, rotiert er unter einer transparenten Saphirglasbrücke.

Von der Serienfertigung ist Frédérique Constant bei seiner "Zerodur"-Unruh noch ein gutes Stück entfernt. Der Newcomer debütierte kürzlich im exklusiven Automatikkaliber mit der kryptischen Bezeichnung FC-935SZABS4H9. Anlass war die Wohltätigkeitsauktion "One of a Kind". Zum bekannten Silizium-Ankerrad gesellt sich dort eine einzigartige Unruh aus jenem Material, das sich seit Jahrzehnten bei "Ceran"-Kochfeldern bewährt. Temperaturschwankungen begegnet es also mit größter Gelassenheit. Alles Weitere wird und muss die Zukunft zeigen. (Gisbert L. Brunner/Der Standard/rondo/02/11/2007)

  • Chopard Tech  Twist SLTitane
    foto: hersteller

    Chopard Tech Twist SLTitane

  • Ulysse Nardin  InnoVision
    foto: hersteller

    Ulysse Nardin InnoVision

  • Hublot HUB44
    foto: hersteller

    Hublot HUB44

  • Jaeger-LeCoultre  Master Compressor Extreme LAB
    foto: hersteller

    Jaeger-LeCoultre Master Compressor Extreme LAB

  • Frédérique Constant  Zerodur
    foto: hersteller

    Frédérique Constant Zerodur

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