Billiges Vergnügen

29. Oktober 2007, 20:01
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Hintergründige Situationskomik: "Tejút" von Benedek Fliegauf

Gelände an der Peripherie. Auf einem zerklüfteten Hügel trainieren zwei Trickradfahrer ihre Fähigkeiten. Es erfordert einiges an Kraft und Ausdauer, um sich die unwegsame Anlage hinauf - und wieder hinunterzuarbeiten. Und als wäre die Aufgabenstellung an sich noch nicht absurd genug - es gibt schließlich keinen praktischen Grund, sich in dieser Form und über dieses Hindernis fortzubewegen -, beginnt im Bildhintergrund auch noch plötzlich ein Baum zu qualmen.

Ein Auto hält am Straßenrand. Jemand steigt aus, beginnt mit undurchschaubaren Vorbereitungen - und das billige Vergnügen, das sich dann buchstäblich vor den Augen des Publikums entfaltet, entwickelt ganz unerwartet eine eigentümliche Poesie. Ähnlich wie der Auftritt der beiden jugendlichen Turner, deren Tanz hoch oben auf einem Dach vor der nächtlichen Lichterkulisse einer Stadt diesen Bilderbogen beschließen wird:

Tejút/The Milky Way heißt die Sammlung von zwölf höchst visuellen Minidramen, die sich der ungarische Bühnenbildner und Filmemacher Benedek Fliegauf ausgedacht hat. Jedes davon beginnt mit der Etablierung eines spezifischen Schauplatzes unter freiem Himmel. Und dort gehen dann jene Dinge vor sich, die nach und nach einen überraschenden erzählerischen Mehrwert freigeben.

Kleine Missgeschicke

Es geht um kleine Missgeschicke oder um komische Nebeneffekte von (alltäglichen) Vorgängen und Situationen. Der Regisseur und Autor - der nebenbei noch Ausstattung, Kostüme und einen Teil der Originalmusik besorgte - dreht dabei mal mehr, mal weniger stark an der Schraube in Richtung Fiktion. Von klassischen One-Joke-Movies unterscheiden sich die einzelnen Episoden unter anderem dadurch, dass sie die entsprechende Pointendramaturgie unterlaufen, aber auch im Tonfall.

Die absurde, leicht wehmütige Komik des Films hängt nämlich nicht zuletzt mit seiner unbeirrbaren und ungerührten Perspektive, mit dem vorgegebenen Blick zusammen: Die einzelnen Geschichten, die jeweils einige Minuten dauern, sind in einer einzigen Einstellung aufgenommen. Die Ansichten sind entsprechend großformatig und weitläufig. Die Personen bleiben in ihrem jeweiligen räumlichen Umfeld tendenziell anonyme Statisten.

Das gibt den Episoden auch nicht selten den Charakter von Sozialexperimenten, von Versuchsanordnungen zu menschlichem Verhalten - Fehlleistungen inklusive. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 30.10.2007)

30. 10. Künstlerhaus 16.00; Wh.: 31. 10. Metro 11.00
  • Versuchsanordnung in der Schräge - hier entfaltet sich gleich eines von zwölf absurden Minidramen.
    foto: viennale

    Versuchsanordnung in der Schräge - hier entfaltet sich gleich eines von zwölf absurden Minidramen.

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