Die Sensibilität der Arbeitslosen

29. Oktober 2007, 19:41
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Christian Petzold erzählt in "Yella" von einer Frau, die auf der Suche nach Arbeit in den Westen zieht und dabei eine fremde Zwischenwelt betritt – Der Filmemacher im STANDARD-Interview

Mit Cristina Nord sprach der Regisseur über Gespenstergeschichten, die Bewegung von Arbeitslosen und das Filmen von Hotels.

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Standard: Herr Petzold, "Yella" hat zwei Eltern, "Carnival of Souls" von Herk Harvey und "Nicht ohne Risiko" von Harun Farocki. Der erste ist ein Horrorfilm aus dem Jahr 1962, der zweite eine Dokumentation über Risikokapitalverhandlungen aus dem Jahr 2004. Wie kam es zu dieser Verbindung?

Petzold: Harun Farocki und ich, wir haben immer darüber nachgedacht, mit welchen Bildern man den modernen Kapitalismus beschreiben kann. Man versucht ja, Private-Equity-Leute als Heuschrecken zu präsentieren. Das heißt, man setzt alte Monster für etwas Modernes ein. Aber das Moderne ist keine Heuschrecke. Die Frage ist: Was ist das Neue, und wie kann man es erzählen?

Standard: Als Gespenstergeschichte?

Petzold: Seit Harun und ich zusammen Drehbücher schreiben, findet viel von seiner dokumentarischen Arbeit einen Niederschlag in den Filmen. Bewerbungsseminare für Langzeitarbeitslose kamen zum Beispiel in Die Beischlafdiebin vor. Und Nicht ohne Risiko ist fast ein modernes Shakespeare-Drama. Merkwürdigerweise taucht immer der Tod auf, das Geisterhafte dieser Existenzen, die zugleich so wahnsinnig modern sind. Alles ist Wellness, Körper, Hotel, Glas, Leder, Burberry, und trotzdem haben sie Angst vorm Sterben. Standard: Wie kam "Carnival of Souls" ins Spiel?

Petzold: Den habe ich oft gesehen, als ich 17, 18 war. Dann noch einmal vor sechs Jahren. Aber der hat ja gar nicht so viel mit Yella zu tun. In Carnival of Souls geht es um jemanden, der vom Totenreich gerufen wird.

Standard: Aber es gibt sehr viele Ähnlichkeiten: der Sturz von der Brücke, die neue Stadt, das Hotel, in dem Yella einen Mann kennenlernt. Ich glaube sogar, dass das Geräusch der Krähe, das in "Yella" auftaucht, auch in "Carnival of Souls" vorkommt.

Petzold: Das kann sein. Ich habe ihn extra nicht noch mal angeguckt, weil er lange ein prägender Film für mich war. Deshalb ist es unvermeidlich, dass ich Spuren davon in meinem eigenen Werk finde. Ich glaube sogar, dass es bei Harvey auch die Sonne gibt, die durch die Baumwipfel sich bricht. Woran ich mich sehr gut erinnern kann, ist, dass die Frau schon vor dem Sturz von der Brücke, noch im Wagen mit ihren Freundinnen, nicht mehr zu der Gemeinschaft gehört.

Standard: Wie Yella, wenn sie nach Hannover geht. Am Anfang, noch in Wittenberge, sagt Ben, Yellas Ex-Mann, zu ihr: "Du hast eine Arbeit gefunden, eine gute, ich sehe es daran, wie du gehst." Sieht man, ob jemand eine Arbeit oder keine hat, an seinem Körper?

Petzold: Ja. Diejenigen, die keine Arbeit haben, haben eine bestimmte Sensibilität. Sie erkennen am Gang, an der Erhabenheit, an der Selbstsicherheit der anderen, wer zu ihnen gehört und wer nicht. Jemand wie Ben, der im Begriff ist, nicht mehr an der Marktwirtschaft teilzunehmen, der ausrangiert wird, der kann erkennen, wie jemand geht, der - wie Yella - nicht mehr zum Prekariat gehört.

Standard: Wie überträgt sich dieses Wissen auf die Schauspieler?

Petzold: Es reicht ihnen, sich daran zu erinnern, wie sie ein Casting gewonnen oder verloren haben. Schauspieler haben in ihrem Leben sehr oft Personalchefs vor sich sitzen - in Form von Regisseuren, Inspizienten, Redakteuren. Sie sind in der Situation eines Einstellungsgesprächs. Und sie sind umgeben von anderen Schauspielern, denen es schlecht geht, weil sie wegen Hartz IV kein Arbeitslosengeld mehr bekommen.

Standard: "Yella" hat eine große Affinität zu Wasser, Auen und Bäumen, zugleich spielt moderne Büroarchitektur mit ihren Glasfassaden eine zentrale Rolle.

Petzold: Wir haben größtenteils auf dem Expo-Gelände in Hannover gedreht, was wie eine Weltausstellung des Kapitalismus ist. Der Kapitalismus soll dort sehr schön aussehen. Es gibt keine Fabriken, keine Kinderarbeit und keine Ausbeutung. Zugleich hat die Natur einen festen Ort in diesen Entwürfen. Die Parklandschaften sind nicht dazu da, dass man sich darin aufhält, sondern dazu, dass sie ein Panorama ergeben.

Standard: Und in Wittenberge ist das anders?

Petzold: Wittenberge ist eine richtige Stadt. Die hat einen richtigen Fluss. Die hat einen Hafen, die hat ein Werk. Die Elbauen sind die Parks der Menschen, die dort leben. Aber Wittenberge ernährt Yella nicht mehr. Weder emotional - die Liebe ist kaputt - noch ökonomisch - es gibt keine Arbeit dort. Die Frauen verlassen diese Städte im Osten, auch wenn sie hinterher von ihrer Heimat angezogen werden.

Standard: In den Tagungsräumen und in den Hotelzimmern gibt es immer wieder querformatige Bilder, auf denen die Farben verschlieren. Wie eine wiederkehrende Markierung: Man leistet sich moderne Kunst. Zugleich gibt es einmal diese Aufnahme, bei der Hans Fromm, der Kameramann, aus einem Zugfenster heraus gefilmt hat.

Petzold: Ja - dieses unscharfe Bild, das entsteht, wenn man zu nah an Bäumen vorbeifährt. Als Kind hat man das wie einen Trip genossen. Die Bilder im Hotel erinnern an die Schönheit, an den Rausch dieser Erfahrung, verbrauchen sich aber unheimlich schnell. Diese Bilder greifen etwas ab, was sie überhaupt nicht einlösen können. Wie auch die Hotels. Die versprechen Sexualität und Verführung. Adorno kommt in Minima Moralia darauf, dass Hotel und Bordell denselben Wortstamm haben. Hotels sind an großen Handelswegen entstanden, es waren Orte der Vermischung, des Abenteuers, der Prostitution. Das steckt ja in den Hotels heute noch drin. Man muss mal schauen, wie Geschäftsleute einchecken und sich umschauen. Es gibt einen Männerüberschuss von 72 Prozent, trotzdem glauben alle, in dieser Nacht könnte ihnen ein Abenteuer passieren. Das einzige Abenteuer ist, ob man den Pornokanal eins oder zwei wählt.

Standard: Sie filmen aber trotzdem sehr gerne in Hotels.

Petzold: Als Jean Renoir nach dem Krieg in Amerika blieb, sagte er, seine Heimat sei nicht Frankreich, sondern das Kino. Aber diese Heimat, wie Renoir sie begriff, ist nicht mehr da. Heute muss man sich in der Heimatlosigkeit einrichten, und die muss sich auch im Film widerspiegeln. Für mich geschieht das, wenn ich Hotels, Autos und Schließfächer filme.

(Christina Nord, DER STANDARD/Printausgabe, 30.10.2007)

Zur Person:
Christian Petzold, geboren 1960 in Hilden, ist einer der profiliertesten deutschen Filmemacher. Er studierte zunächst Germanistik und Theaterwissenschaft, später Regie an der Film- und Fernsehakademie in Berlin (DFFB). Seine Lehrer waren unter anderem die Essay- und Dokumentarfilmemacher Harun Farocki, Hartmut Bitomsky oder der Filmpublizist Helmut Färber. Nach einer Reihe von für das Fernsehen produzierten Filmen (Pilotinnen, Cuba Libre) feierte er mit Die innere Sicherheit - dem Drama um ein junges Mädchen, das aufgrund der politischen Vergangenheit seiner Eltern zu einem nomadischen Dasein gezwungen ist - einen großen Erfolg bei Kritik und Publikum. Es folgten die Fernseharbeiten Toter Mann, Wolfsburg und der Spielfilm Gespenster.

Neben Angela Schanelec, Ulrich Köhler und Thomas Arslan gilt Petzold als ein Vertreter der "Berliner Schule", einer Gruppe von Filmemachern, die an der DFFB studiert haben und sich der Durchdringung der gegenwärtigen Wirklichkeit mit den Mitteln eines formal avancierten Kinos verpflichtet sehen.

31. 10. Gartenbau (Abschlussgala) 19.30; Wh.: 23.00
  • Eine Grenzgängerin, die sich ihre Chance auf ein neues Leben nicht nehmen lassen will: Nina Hoss als Yella in Christian Petzolds gleichnamigen Film - in Berlin erhielt sie für ihre Darstellung einen Silbernen Bären.
    foto: viennale

    Eine Grenzgängerin, die sich ihre Chance auf ein neues Leben nicht nehmen lassen will: Nina Hoss als Yella in Christian Petzolds gleichnamigen Film - in Berlin erhielt sie für ihre Darstellung einen Silbernen Bären.

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