Marionetten am Vertrauensfaden

29. Oktober 2007, 20:04
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Ein Film auf den Spuren eines anderen: Der taiwanische Regisseur Hou Hsiao-hsien lässt sich mit seiner jüngsten luftigen Kinoerzählung am Faden eines roten Luftballons durch Paris geleiten

Mögen die Zeiten auch vorüber sein, in denen Bilder- und Kinderbücher allein von den Routen fliegender Luftballons bestimmt wurden: Natürlich weiß immer noch jedes Kind, was das heißt - loslassen, einen immer kleiner werdenden farbigen Punkt verfolgen, bis er verschwindet. Und keinen Gedanken daran verschwenden, was diese Schwerelosigkeit gewährleistet.

Le Ballon rouge hieß 1964 ein Film von Albert Lamorisse, in dem die Wanderschaft eines Kindes mit Ballon quer durch Paris nicht weniger vermittelte als diese wortwörtliche Freude an der Leichtigkeit - eine gute Ausgangsposition für das Porträt einer Stadt und ihres Lebensgefühls.

Den taiwanischen Regisseur Hou Hsiao-hsien mag, wann immer er diesen Film sah, ein Gefühl von Verwandtschaft beschlichen haben. Er selbst hat ja in Filmen wie Milennium Mambo oder Goodbye South, Goodbye oder The Puppetmaster auch immer wieder Bilder, oft lange Einstellungen aneinandergereiht zu Stimmungsporträts, wie an einem dünnen Faden, der schnell reißen kann, wäre da nicht eine Sicherheit und ein Vertrauen in den direkten Blick: auf offene Räume und Personenkonstellationen, in denen man kaum noch "Hauptfiguren" ausmachen kann.

Jetzt ist Hou Hsiao-hsien selbst nach und durch Paris gezogen. Das Musée d'Orsay hat die Finanzierung (s)eines Remakes Le voyage du ballon rouge in die Wege geleitet. Und ähnlich wie schon bei Michael Hanekes Code inconnu hat der französische Filmstar Juliette Binoche ihren guten Ruf in den Dienst einer guten Sache gestellt, um einfach zu tun, was Filmstars immer tun können sollten: mit Regisseuren zu arbeiten, die man achtet und respektiert, auch wenn sie alles andere als Mainstream produzieren.

Im Fall von Le voyage du ballon rouge heißt dies: Binoche spielt eine Puppenspielerin beziehungsweise eine Frau, die Marionetten ihre Stimme verleiht. Und so, wie man dabei im Halbdunkel verschwindet, um die Konzentration nicht von den magisch bewegten Marionetten abzulenken, trägt sie auch als "Star" des Films mehr zu dessen Seele bei, als dass sie sich in den Vordergrund spielen müsste.

Eigentümlich erschöpft, aber beständig neugierig hat sie da also als allein erziehende Mutter eines siebenjährigen Buben (Simon Iteanu) eine taiwanische Filmstudentin (Song Fang) als Babysitterin engagiert, und wie von selbst kommt so alles zusammen, was gutes Kino-Kino ausmacht: Erinnerungen an Bilder die (von Paris) schon gemacht wurden; die Wahrnehmung von Dingen und Situationen, die einem wie akute Kommentare zu einem für Improvisationen offenen Drehbuch in die Quere kommen; ein Spiel, in dem "professionelle" Akteure gegenüber kindlichen Laien eher im Nachteil sind. Aber nein, auch hier bleibt Binoche angreifbar und souverän zugleich.

Das Einzige, was ein wenig nervt, sind digitale Tricks, ohne die scheinbar nicht einmal mehr Kino wie dieses sein Auslangen findet. Der rote Ballon, der sich am Anfang über einer Metro-Station herunterlässt, um den kleinen Simon auf einer U-Bahn-Fahrt zu begleiten und nicht mehr zu verlassen: Dass dieses Symbol sehr ersichtlich meist eine Animation ist, fällt dem, der da genau hinsieht, durchaus unangenehm auf. Trotzdem: höchste Empfehlung! (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 30.10.2007)

30. 10. Gartenbaukino 18.00; Wh.: 31. 10. Stadtkino 13.00
  • Angreifbar und souverän zugleich: Der französische Filmstar Juliette Binoche geht in Hou Hsiao-hsiens "Le voyage du ballon rouge" einmal mehr neue Wege.
    foto: viennale

    Angreifbar und souverän zugleich: Der französische Filmstar Juliette Binoche geht in Hou Hsiao-hsiens "Le voyage du ballon rouge" einmal mehr neue Wege.

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