Die flüchtige Ehre des Leutnants K.

29. Oktober 2007, 19:43
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Die Hinfälligkeit imperialer Größe, die Absurdität von Nationalismen und Abgrenzungen jeglicher Art

An wenigen Orten werden sie offenkundig wie auf dem alten Marinefriedhof von Pula, dem einstigen Hafen der k. u. k. Kriegsflotte.

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Pula/Wien - "K. u. k. Marinefriedhof Pola" steht auf der deutschsprachigen Tafel neben dem Eingang. Die italienischsprachige darunter spricht nur von einem Marinefriedhof. Damit wird Rücksicht genommen auf italienische Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten. Denn nach dem Ersten Weltkrieg wurde Pola italienisch. Am 5. November 1918 marschierten italienische Truppen ein. Vier Tage zuvor war das Flaggschiff der k. u. k. Kriegsflotte, die "Viribus Unitis", von italienischen Kampfschwimmern versenkt worden.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges fiel Pola/Pula an Jugoslawien, seit dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens ist es kroatisch. Auch in der kroatischen Inschrift auf der Tafel beim Denkmal im Innern des Friedhofes kommt das "K. u. k." nicht vor.

Ein anderes Imperium

Wer hierher gekommen ist, um in Habsburgernostalgie zu schwelgen und von vergangener imperialer Größe zu träumen, wird schnell an die Hinfälligkeit glorioser Reichsideen erinnert. Pula hat auch schon Glanz und Untergang eines anderen Imperiums erlebt. Das römische Amphitheater zeugt davon.

Vor allem aber ist es die Absurdität von Nationalismen und Abgrenzungen jeglicher Art, die ein Gang unter den Zypressen und Palmen des Marinefriedhofes vor Augen führt. Man kann sich vorstellen, dass Herzmanovsky-Orlando hier für sein kakanisches Panoptikum Anleihen genommen hat.

Da scheinen Korvetten- und Fregattenkapitäne mit der ganzen breiten Pracht ihrer Adelsgeschlechter auf, einschließlich der im Dienst erworbenen Auszeichnungen, etwa aus dem fernen Japan. Und gleich nebenan, lapidar: "Benjamin Grabinger, k. k. Maschinist, geboren 8. März 1827, gestorben 13. Juli 1880". Darunter: "Die trostlose Gattin". Unfreiwillige Komik, nach heutigem Sprachgefühl.

Mitten drin plötzlich das Grab eines Muslimen, mit arabischer Inschrift und Halbmond. Und am Rand ein jüdisches Grab: Davidstern, Name, Sterbedatum, sonst nichts.

Wiederum an einer Außenmauer, aber nicht zu übersehen: die Gedenkstätte für zwei Seeleute, die "heroisch an der Revolution teilnahmen": der Tscheche Frantisek Koucký und der "Jugoslawe" Ljubomír Kraus wurden am 11. Mai 1918 durch Erschießen hingerichtet.

Der Marinefriedhof wurde am 2. Oktober 1862 eingeweiht. 1960 wurde er von der Gemeinde Pula zum historischen Denkmal erklärt, doch fehlten die Mittel für die Instandhaltung. Nach langen Verhandlungen gelang es der Kriegsgräberfürsorge des Österreichischen Schwarzen Kreuzes 1990 mit der Stadtgemeinde Pula einen Vertrag über die Erhaltung des Marinefriedhofes abzuschließen, wie Dieter Winkler, Wiener Landesvertreter des Schwarzen Kreuzes, in einem Beitrag für den Kulturführer 2007 des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) rekapituliert. Im Mai 1997 erfolgte die Wiedereinsegnung.

Trapp und Hofer

Auf 80.000, unter ihnen auch Opfer von Epidemien und zahlreiche Tote des Zweiten Weltkriegs, schätzt Winkler die Zahl der auf dem Friedhof Begrabenen. Zu den Prominentesten zählen die Eltern des Gründers der Trapp-Familie und der Neffe Andreas Hofers, Andreas von Hofer.

Aber was bedeutet Prominenz im Angesicht des Todes und dessen, was über ihn hinausweist? Was bedeutet Nation? Und was bedeuten heute Begriffe, die von Machtstreben und Ideologien missbraucht wurden?

"Ehre und Pflicht, bis Herz und Klinge bricht" steht auf dem Grabstein des Leutnants Friedrich Kowár, gestorben im 23. Lebensjahr. Woran, wissen wir nicht. Aber seine Auffassung von Ehre und Pflicht können wir uns vorstellen. Heute haben wir die Freiheit, diese Auffassung abzulehnen. Doch Ablehnung allein ist wohl zu bequem. Nach einer Stunde zwischen den Gräbern von Pula nimmt man auch diese Botschaft mit. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2007)

  • Ehre und Pflicht - und Tod mit 23 Jahren; Nation und Religion: Auf dem alten Marinefriedhof von Pula werden Begriffe, Gewissheiten und Abgrenzungen infrage gestellt. In Einzel- und Massengräbern liegen schätzungsweise 80.000 Tote.
    foto: kirchengast

    Ehre und Pflicht - und Tod mit 23 Jahren; Nation und Religion: Auf dem alten Marinefriedhof von Pula werden Begriffe, Gewissheiten und Abgrenzungen infrage gestellt. In Einzel- und Massengräbern liegen schätzungsweise 80.000 Tote.

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