Ein Umzug – grau in grau

9. Jänner 2008, 17:23
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Die Notunterkunft für Asylwerber, das Wiener "Haus Jupiter", wird früher als geplant geschlossen - Die Bewohner erfuhren vor sechs Tagen davon

Der Himmel ist grau, die Straße ist grau, das Haus Jupiter in der Gänsbachergasse 3 in Wien-Landstraße ist es auch, am winterlich kalten Montagmorgen. Die Stimmung unter den Asylwerbern, die vor sechs Tagen erfahren haben, dass sie ab Montag umgesiedelt werden, spiegelt die Farbe in ihrer Bedrücktheit wider.

130 Menschen wohnen im Notquartier für Flüchtlinge des Roten Kreuzes, das 2003 eröffnet wurde und im März kommenden Jahres geschlossen werden sollte. Der Fonds Soziales Wien (FSW), unter dessen Zuständigkeitsbereich die Asylwerberbetreuung fällt, hat am 23. Oktober die Schließung des Hauses bekanntgegeben. "Die Menschen fühlen sich überrumpelt", sagte ein Vater von zwei Kindern, der Sprecher der Bewohner ist. In den kommenden zwei Wochen werden sie aus dem abbruchreifen Haus in andere Unterkünfte übersiedelt. Doch das sei nicht der Kritikpunkt, sondern: "Sie konnten sich nicht darauf einstellen". Gerade Kinder, die nun seit zwei Monaten zur Schule und in den Kindergarten gingen und die von den Ereignissen in der Heimat ohnehin traumatisiert seien, würde das aus der neu gewonnenen Stabilität herausreißen. Nicht nur sie: Ein Mann trat in Hungerstreik, brach ihn nach einem Gespräch mit dem Roten Kreuz aber wieder ab.

Abtransport

Andreas Zenker, Pressesprecher des Roten Kreuzes, ist beim Abtransport der ersten Möbel und Umzugskartons dabei. Seine rote Rotkreuz-Jacke sticht aus dem tristen Geschehen heraus. "In anderen Häusern, die keine Notquartiere sind, sind jetzt Plätze freigeworden", sagt er und wischt das Argument weg, dass eine Übersiedlung im Sommer oder eine längerfristige Ankündigung weniger psychischen Stress verursacht hätte. "Ich verstehe die Aufregung nicht," sagte auch ein Sprecher vom Fonds Soziales Wien. "Den Menschen wird etwas Besseres geboten."

Interessiert stellen sich einige Jupiter-Bewohner zu den FSW- und RK-Vertretern, offenbar, um sich diese Version anzuhören. Denn wie bekannt wurde, dürfen weder sie noch Mitarbeiter des Hauses darüber sprechen, was geschah, bevor Medien auf der Bildfläche erschienen sind. Etwa darüber, dass den Asylwerbern angedroht wurde, dass die Grundversorgung – die wöchentlichen 35 Euro pro Person – gestrichen würde, sollte sich jemand dem Umzug widersetzen. Um die Kinder würde sich dann das Jugendamt kümmern. Die bisherige Heimleiterin wurde ihrer Position enthoben und erhielt Hausverbot, erzählen Betroffene, die nicht namentlich genannt werden möchten, weil sie Konsequenzen fürchten. Zenker weist diese Anschuldigung zurück: Die Heimleiterin befinde sich im Krankenstand. Auch Christian Neumayer vom FSW bezeichnet die angeblichen Drohungen als nicht haltbar.

"Kein gutes Licht"

"Da steht Aussage gegen Aussage", entgegnet Grünen-Integrationssprecherin Alev Korun, welche bei der Räumung dabei ist. "Das wirft alles andere als ein gutes Licht auf die Vorgangsweise des FSW." Einige Heimbewohner wissen bis dato nicht, in welche Unterkunft sie übersiedeln, und befürchten, dass die Zimmer für mehrköpfige Familien zu klein sein werden "Ich kam nicht nach Österreich, um Probleme zu haben", sagt ein Tschetschene. (Marijana Miljkoviæ/DER STANDARD – Printausgabe, 30.10.2007)

  • Ein Bewohner der Wiener Asylwerber-Unterkunft "Haus Jupiter" trägt seinen Teppich, einen der wenigen bunten Farbkleckse in der grauen Umgebung, zum Transporter. Er muss in ein anderes Quartier.
    foto: christian fischer

    Ein Bewohner der Wiener Asylwerber-Unterkunft "Haus Jupiter" trägt seinen Teppich, einen der wenigen bunten Farbkleckse in der grauen Umgebung, zum Transporter. Er muss in ein anderes Quartier.

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