Leben eines Diabetikers im Jahr 2007

30. Oktober 2007, 11:32
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Ergebnisse einer Befragung unter Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 und einer ÖGAM Umfrage zum Status Quo von Diabetes in Österreich

In Österreich leiden rund 300.000 Menschen an Typ 2 Diabetes und die erkrankungshäufigkeit steigt. Diabetes mellitus gilt als häufigste Stoffwechselerkrankung in den Industrieländern. Sie ist nicht heilbar und bringt unbehandelt zahlreiche gefährliche Folgeschäden wie Herzinfarkt, Schlaganfall, das diabetische Fußsyndrom, Erblindung, Nierenversagen und andere mit sich. Diabetes beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich und mindert die Lebenserwartung.

Eine aktuelle, österreichweit durchgeführte Umfrage unter Diabetes-Patienten mit einem Rücklauf von bisher rund 200 Fragebögen spiegelt das Wohlbefinden, aber auch die Forderungen und Bedürfnisse der österreichischen Typ 2 Diabetiker wider.

Unterschied Wien – Bundesländer

Ein Viertel der befragten Diabetiker Österreichs gibt an, dass es Ihnen zum Zeitpunkt der Umfrage trotz ihrer Erkrankung sehr gut gehe, immerhin knapp zwei Drittel fühlen sich gut und knapp zehn Prozent stufen ihren Zustand als schlecht beziehungsweise sehr schlecht ein. Hier unterscheiden sich die befragten Wiener von den Betroffenen aus den Bundesländern.

78 Prozent der Wiener fühlen sich trotz Diabetes sehr gut oder gut, 22 Prozent hingegen schlecht oder sehr schlecht. Im Vergleich dazu ergibt die Umfrage in den Bundesländern Werte von 30 Prozent für sehr gut, über 65 Prozent fühlen sich gut. Als schlecht oder sehr schlecht stufte keiner der Befragten aus den Bundesländern seinen Zustand ein.

HbA1c Kontrolle wichtig für Wohlbefinden

Der für die Diabetesbestimmung ausschlaggebende HbA1c-Wert wurde bei 60 Prozent der befragten Patienten innerhalb der letzten drei Monate vom Arzt gemessen, bei einem Drittel ist es länger her. Interessant ist, dass bei 70 Prozent der Patienten, die angeben sich gut zu fühlen, der HbA1c-Wert erst kürzlich gemessen wurde. "Daraus kann man schließen, dass die Messung eine Neueinstellung der Diabetiker durch den Arzt bewirkt und sich die Patienten über eine gewisse Periode hinweg besser fühlen", so der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, Franz Bittner.

Seltener Idealwert

Insgesamt haben nur 30 Prozent der Befragten einen HbA1c-Idealwert von unter 7, darunter befindet sich knapp die Hälfte jener Menschen, die sich trotz ihrer Erkrankung gut fühlen. Dies lässt den Schluss zu, dass die Zielerreichung des HbA1c-Idealwertes nicht nur medizinisch sondern auch psychologisch von extrem hoher Bedeutung für die Betroffenen ist. Rund 16 Prozent kennen ihren HbA1c-Wert gar nicht.

Verbesserungswünsche aus Patientensicht

Zu den Informationsquellen befragt, antworteten vier von fünf Befragten, dass sie ihr Wissen über Diabetes vom Arzt beziehen. Aus diesem Grunde führt auch das ausführliche Gespräch mit dem Arzt das Ranking der Verbesserungswünsche der Patienten an das Gesundheitssystem an.

Defizite

Defizite aus Sicht der Patienten im Bereich Medizin und Gesundheit bestehen in der Kooperation zwischen Allgemeinmedizinern und Fachärzten, der Dauer des ärztlichen Gesprächs gefolgt von Medikamenten, die keine Gewichtszunahme verursachen, gut informierten Allgemeinmedizinern und auf Platz fünf der Wunschliste stehen Medikamente, die nur einmal täglich unabhängig von Mahlzeiten einzunehmen sind.

Der österreichische Patientenbericht Diabetes mellitus Typ 2 zeichnet aber auch klar die Forderungen an den Sozialbereich und die Gesellschaft ab. Diabetiker in Österreich vermissen Öffentlichkeitsarbeit für Diabetes Typ 2, Angabe der Broteinheiten in Gaststätten und einen einheitlichen Diabetikerausweis, besonders deutlicher Wunsch der Wiener Patienten.

ÖGAM Umfrage unter Allgemeinmeinmedizinern

Parallel zur noch laufenden Patientenbefragung führte auch die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) eine Umfrage unter Allgemeinmedizinern durch, um den Status Quo der Diabetesbehandlung in der hausärztlichen Praxis zu erheben. Die ÖGAM beschäftigt sich seit Jahren gemeinsam mit den Landesgesellschaften intensiv mit der Diabetikerbetreuung und hat im Zeitraum Juni bis Juli 2007 österreichweit Allgemeinmediziner um deren Meinung gebeten. 611 Fragebögen wurden zur Auswertung herangezogen.

Laut ÖGAM-Umfrage 2007 ist der Stellenwert der Diabetikerbetreuung durch Allgemeinmediziner bei 93 Prozent der befragten Ärzte von großer Bedeutung. Im Durchschnitt behandelt ein Allgemeinmediziner 50 Patienten mit Typ 2 Diabetes pro Jahr in seiner Praxis und diagnostiziert zusätzlich drei bis vier neue Fälle pro Quartal.

Diagnose

Die "zwei mal nüchterne Blutzuckerbestimmung" in Kombination mit dem "Oralen Glukosebelastungstest" wird von zwei Drittel der Befragten zur Diagnose bevorzugt. Nur ein Viertel verlässt sich allein auf die "zwei mal nüchterne Blutzuckerbestimmung" und nur 8,7 Prozent auf den Oralen Glukosebelastungstest.

Behandlung

"Mehr als die Hälfte der Patienten wird laut epidemiologischer Untersuchungen nicht ausreichend behandelt…", so die Diabetes-Expertin Kautzky-Willer vom AKH Wien. "Die Behandlung der betroffenen Patienten erfolgt, laut der ÖGAM Befragung zu mehr als 50 Prozent mit oralen Antidiabetika, die idealer Weise laut einem Viertel der befragten Ärzte keine Hypoglykämie (Unterzuckerung) verursachen sollten", so Ingrid Pichler, Vize-Präsidentin der Niederösterreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (NÖGAM). Die behandelnden Ärzte bestätigen aber den vorhandenen Bedarf an schnell wirksamen Substanzen. (red)

Wissen: Innovationen in der Therapie

Seit der Entwicklung der ersten antidiabetischen Tabletten (alte Sulfonylharnstoffe und Metformin hat die Forschung große Fortschritte gemacht, sodass heute eine Vielzahl von Medikamenten mit unterschiedlichem Wirkmechanismus zur Verfügung stehen, die eine differenzierte Therapie ermöglichen. Bei der Substanzklasse der Glitazone sind jetzt Kombinationspräparate mit Metformin verfügbar, was die Compliance der Patienten verbessert. Zudem wurden in den letzten Jahren Langzeitergebnisse für Pioglitazon (ProActive; Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen bei Hochrisikopatienten) und Rosiglitazon (ADOPT) publiziert.

Neben kurz- und langwirksamen Insulinanaloga, wecken jüngst vor allem Medikamente, die auf dem Inkretin-Konzept basieren, Hoffnung bei den Betroffenen.

Eine neue Substanz aus der Gruppe der Gliptine erweitert die Therapieoptionen bei Diabetes Mellitus Typ 2. Bisherige Studien zeigen, dass Gliptine die langzeitige Blutzuckerkontrolle, gemessen an HbA1c-Werten, ähnlich gut wie Sulfonylharnstoffe verbessern. Im Vergleich zu Sulfonylharnstoffen soll es nicht zu einer Gewichtszunahme kommen. Zudem sollen Gliptine vergleichsweise seltener Hypoglykämien (Unterzuckerung) verursachen.

Neben kurz- und langwirksamen Insulinanaloga, die aufgrund der geänderten Pharmakokinetik bessere Wirkprofile erreichen können, teilweise mit weniger Hypoglykämien verbunden sind und vor allem zu einer größeren Patientenzufriedenheit führen, weckten jüngst vor allem Medikamente, die auf dem Inkretin-Konzept basieren, Hoffnung bei den Betroffenen. Die Österreich-Zulassung dieser Medikamentengruppe erfolgte geradezu in Rekordzeit und wirke sich sehr positiv auf Wohlbefinden und in weiterer Folge auf die Patienten-Compliance aus.

Wissen: Österreichischer Patientenbericht Diabetes

Der österreichische Patientenbericht Diabetes ist eine Auswertung einer aktuellen, gezielten Patientenumfrage mittels ausführlichen Fragenkataloges. Realisiert wurde dieses Projekt in Kooperation mit dem Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend, dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, der Ärztekammer Österreich, der Österreichischen Diabetes Gesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin und der Wiener Gebietskrankenkasse.

  • Artikelbild
    foto: standard/matthias cremer
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