Stierhunger

31. Oktober 2007, 07:00
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Linda Stift wählte für das Erzählen der Geschichte einer an Bulimie leidenden Frau eine außergewöhnliche Herangehensweise

Es beginnt ganz harmlos. Mit einem Stück Gugelhupf. Ein einziges harmloses Stück marmorierten Kuchens bildet den Auslöser für den Rückfall in die Bulimie. Linda Stift erzählt in ihrem Roman "Stierhunger" die Geschichte einer Frau, die nach fünfzehn Jahren "Freiheit" von der Ess-Brech-Sucht wieder in deren Klauen genommen wird. Die Begegnung mit einer wildfremden Frau vor der Auslage einer Konditorei wird ihr zum Verhängnis:

"Das erste Kuchenstück hatte ich nach anfänglichem Zögern mit einigem Genuss gegessen, das zweite hatte Frau Hohenembs mir gegen meinen Willen aufgedrängt, das dritte nahm ich mir unaufgefordert selbst, weil es ohnehin schon egal war. Ich hatte vergessen, dass es nie egal war, gleichgültig wie viel man aß, man musste nicht weiteressen, nur weil es egal war, man konnte trotzdem aufhören."

Aufhören, ja natürlich. Aber nicht, wenn man - besser frau - an Bulimie erkrankt war. Und so schildert Linda Stift den Mechanismus dieser Sucht aufs Genaueste, indem sie das Verschlingen des Gugelhupfs wie folgt beschreibt: "Das nächste Stück schnitt ich schon dicker, auf das dritte häufte ich löffelweise Marillenmarmelade... und das vierte tauchte ich in eine Jumbotasse mit kaltem Kakao, den ich mir inzwischen angerührt hatte. Das letzte Stück schnitt ich nochmals in zwei Teile, hielt in jeder Hand eines, jeweils dick mit Butter bestrichen, und biss abwechselnd davon ab, während ich in der Hocke den Kühlschrank inspizierte. Ich holte alles heraus, was einigermaßen essbar war, und aß es, schnell und stumm... Eine leichte Trance legte sich wie ein Seidentuch über mich. Ich ging ins Bad und würgte alles wieder heraus".

Ein einmaliger Rückfall, versucht sie sich zu suggerieren. Doch genauso wenig wie sie Frau Hohenembs entkommen kann, gelingt es ihr zu einem "normalen" Essverhalten ohne anschließendem Erbrechen zurückzukehren. Im Gegenteil: Von Tag zu Tag ergreift die Bulimie mehr und mehr die Herrschaft über ihr Leben, bestimmt den Tagesablauf, zwingt sie, ihren Job aufzugeben und aufgrund der hohen Geldbeträge für die immensen Mengen an Lebensmitteln ihr Konto zu überziehen, die sozialen Kontakte einzuschränken. Essen und Kotzen sowie der Ekel vor sich selbst dirigieren ihr Leben.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem ihr alles zuviel ist. Sie weiß, sie muss ihr Leben ändern, doch die mehrmals geplante Flucht - weg von Frau Hohenembs, weg von der Bulimie - misslingt.

Trotz des ernsten und traurigen Themas, das dieses Buch zum Inhalt hat - manche Textpassagen sind in der Tat schwer verdaulich - liest es sich in großen Zügen wie ein humorvoller Krimi, in dem Drama und Witz einander abwechseln. Aufklärerisch, stimmig und sehr zu empfehlen! (dabu/dieStandard.at 31.10.2007)

Linda Stift:
Stierhunger
Roman
Deuticke Verlag 2007
ISBN-13: 978-3552060685
Euro 17,00
  • Artikelbild
    foto: deuticke
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