Pogusch, mein erstes Mal

30. Oktober 2007, 17:00
75 Postings

Griaß di, Teil I: Bernhard Hlavicka verschlägt es zum ersten Mal ins Wirtshaus Steirereck. Sein Fazit: Steirische Topküche in der System-Schihütte

Es gibt Institutionen, die sich sehr rasch etablieren und wenn man sie nicht gleich am Anfang besucht, vergißt man irgendwann darauf. So kam es, dass ich erst jetzt – elf Jahre nach Eröffnung – zum ersten Mal ins Steirereck am Pogusch kam. Die Erwartung war hoch und um es kurz zu machen, sie wurde zum Großteil – im positiven wie im negativen – voll erfüllt.

Es ist, wie nicht anders zu erwarten, an diesem sonnigen Wochenende bummvoll, aber wir hatten bereits im Mai reserviert. Das Ambiente ist sehr steirisch und die aufmerksame Masse an Kellnern und Kellnerinnen fügt einen freundlich-zwanglos in die Mühle des Betriebes ein. Der Lärmpegel ist hoch, die Tischdichte eng und es wird allerorts fleissig geraucht. Die Gäste stammen überwiegend aus Wien, aber die Kellner könnten aus der Steiermark sein.

Großer Grammelstrudel

Nach langer Konzentration auf die schwarze Karte fällt die Entscheidung immer noch schwer. Ein Schluck vom Isabellatraubensekt hilft auch nicht sehr. Die Qual der Wahl, alles klingt gut.

Besonders herausragend ist in der ersten Vorspeisenrunde die Grammelstrudelsuppe. Dichte Rindsuppe mit ausbalanciertem Strudel. Die klassische Kürbiscremesuppe wird mit saurem Kürbisgemüse aus dem Glas serviert – einfach und gut. Die gedämpfte Forelle auf Rahmgurkennudeln mit Erbsen ist eher langweilig im Sinn von sehr zurückhaltend gewürzt. Und das Eierschwammerltartare erfreut sich knackiger Spritzigkeit durch Essig und Zwiebel.

Weinstraße durchs Lokal

Zwischendurch suchen wir im begehbaren Weinkeller nach Trinkbarem. Das Kammerl hat sich – vermutlich im Laufe der Zeit – zu einer Weinstraße durchs halbe Lokal verlängert. Willkommene Beschäftigung gelangweilter Gäste oder Einsparung des Sommeliers? Nein, es gibt einen solchen, aber er hat sich uns leider nicht vorgestellt. Aufmachen muß man die Flaschen dann doch nicht selbst. Die Auswahl ist riesig, die Kalkulation sehr kulant. Wir konzentrieren uns auf steirischen Wein und haben Glück mit einem Sämling vom Gross und einem feinen 2004er Olivin. Dazwischen hat sich noch ein Blaufränkisch vom Schönberger geschummelt, auch sehr pointiert am Gaumen zu köstlichen 24,90.

Die 2. Runde wurde eröffnet. Artischocken mit Topinamburcreme sehen hübsch aus und schmecken auch hübsch. Die Sulz vom Styria Beef ist kegelfömig. Macht nichts. Dennoch perfekt aromatisiert mit feinem Fruchtessig und nicht ertränkt in Kernöl, sondern zart eingesetzt.

Dreimal Lamm

Ziemlich zufrieden sind die verschiedenen Reaktionen in der Runde auf die diversen Hauptspeisen. Das dünne Beiried vom Almochsen mit gebratener Kürbisschnitte sieht nicht nur prächtig aus – 1,5 große flache Fleischstücke, in der Mitte rosa, darüber in dunklem Orange der gebratene Kürbis in breiten Streifen, es paßt einfach und dazu ein würzig-käsiges Erdäpfelgratin. Harmonisch und sehr intensiv.

Das Pogusch-Lamm bestehend aus drei verschiedenen Stücken (Filet rosa, Bauchfleischbraten und Schulter) ist vielfältig in Textur und Aroma und perfekt gebraten. Das Sulmtaler Backhenderl könnte teilweise etwas saftiger sein. Dafür ist der Erdäpfelendiviensalat dazu wie bei Mama. Ebenfalls gut, der gefüllte rote Paprika. Unser Schweinsbratenspezialist am Tisch kann dem Bauernbratl keine Höchstnote verleihen, meint aber, dass das Sauerkraut sensationell ist. Die besten Schweinsbraten gäbe es übrigens angeblich im Waldviertel, was noch überprüft werden muß - oder bei Herrn Hilberg zuhause.

Schokooverdrive

Nachspeisentechnisch gibt es einen ziemlichen Schokoladeoverdrive an unserem Tisch. Das Schokomousse wird im Weidling für 2 Personen serviert. Etwas zu viel Schlagobers in der Masse machen es mollig. Die Schokoladeknödel sind riesig und aus Topfen. Wahnsinnig flaumig.

Die geeiste Bitterschokolade mit Pattaya Mango und Passionsfrucht schießt allerdings den Vogel ab. Schon optisch eine wirkliche Freude: 4 dünne Schoko-Parfaitscheiben bedeckt mit jeweils einer dünnen Scheibe Mango oder Passionsfrucht. Bei letzterer oft auch die köstlichen Kerne als Tupfer. Insgesamt ein schönes Spiel aus Frucht und Schokolade am Gaumen.

Melange im Maß

Je später der Abend umso unangenehmer fällt dann der Rauch und der Geräuschpegel ins Gewicht. Wir probieren einen guten Espresso – auch einen aus Ecuador, widerstehen aber der Versuchung eines Espresso plus Zigarillo für 3,50 Euro. Gigantomanisch kommt der Melange dafür daher, mit einer Schaumkrone, die jedem Oktoberfest-Maßkrug Konkurrenz macht.

Leider ist kein Platz für Käse. Dieser sieht tatsächlich köstlich aus, obwohl seine Präsentation etwas befremdlich anmutet. Der Käse wird nämlich auf kleinen Tellern mit Frischhaltefolie bedeckt mitten im Lokal gestapelt. Platzproblem? Übergangslösung? Gegenüber liegen die Brunellos, deren Anblick ist schöner. Von den Reitbauers ist man, was Käsepräsentation, betrifft anderes gewöhnt, haben sie doch quasi den Käsewagen in Österreich eingeführt und auch alle möglichen sonstigen Wägen.

Alles in allem sehr preiswert für großteils perfekte, steirische Topküche. Allerdings schon lange kein Wirtshaus mit Witshauscharme mehr, sondern eher vollgestopfte System-Schihütte mit hohem Unterhaltungswert.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
  • Griaß di: Lange Autoschlangen vor dem Wirtshaus auf dem Pogusch.


Hier geht's zum Bericht von Harald Fidler

Wirtshaus Pogusch
Pogusch 21, A-8625 Turnau
03863/2000 oder /5151
Do-So 10-24 Uhr, Küche: 11:30-22 Uhr

Acht Personen: 520 Euro

    Griaß di: Lange Autoschlangen vor dem Wirtshaus auf dem Pogusch.

    Hier geht's zum Bericht von Harald Fidler

    Wirtshaus Pogusch
    Pogusch 21, A-8625 Turnau
    03863/2000 oder /5151
    Do-So 10-24 Uhr, Küche: 11:30-22 Uhr

    Acht Personen: 520 Euro

Share if you care.