"Es gibt keine Nationalgeschichte"

26. Oktober 2007, 22:50
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Hans Ottomeyer, der Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin im STANDARD-Interview

Ein "Gegenkonstrukt" zur Unwissenheit und Geschichtsverdrossenheit der Jugend sei das Deutsche Historische Museum in Berlin, sagt sein Direktor Hans Ottomeyer.

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STANDARD: Ihr Museum beginnt bei den Germanen.

Ottomeyer: Die Frage war: Soll man Geschichte verengen auf Faschismus, Militarismus oder eine lange Erzählung bieten, beginnend mit der römischen Zivilisation in Germanien vor dem Hintergrund der germanischen und keltischen Stammeskultur?

STANDARD: Was soll überhaupt ein "Haus der Geschichte"?

Ottomeyer: Ein Museum kann Selbstvergewisserung bringen. Das bedeutet, kritisch auf die eigene Geschichte zurückzuschauen. Das geht mit den authentischen Zeugnissen, die uns Geschichte hinterlassen hat. Das ist kein Trödel. Und: Die Unbildung unserer Schulabgänger ist schon bestürzend. Die Schulbausbildung hat sich seit den 60er-Jahren von der Vermittlung der Geschichte, hat sich ganz fern von der Kulturgeschichte gestellt. Wir sind ein Gegenkonstrukt, um dieser Unkenntnis und Geschichtsverdrossenheit abzuhelfen. Ich schäme mich nicht, unseren Studenten zu vermitteln, was eine Kirche ist und was Menschen früher drin gemacht haben. Die fragen das echt.

STANDARD: Die Frage der Fragen: Wie deutsch ist es?

Ottomeyer: Wir haben am Anfang sehr klar festgestellt, dass Deutsch keine Rasse, keine Nation ist, sondern eine Volkssprache, im Gegensatz zu Latein. Wir haben dann gezeigt, dass dieser Sprachbegriff zunehmend auf ein Territorium mit dramatisch wechselnden Grenzen angewendet wird - in der großen Landkartenprojektion sehen Sie das Heilige Römische Reich in seinen verschiedenen Formen. Man muss sich auch ganz klar machen, es gibt keine Nationalgeschichte. Jede Nationgeschichte ist auch immer die Geschichte der Nachbarländer.

STANDARD: Das gilt ja wohl auch für Österreich.

Ottomeyer: Es gibt keine Nationalgeschichte, nur eine europäische Geschichte. Das war auch etwas Befreiendes, dies in unserer Dauerausstellung umzusetzen. Ich bin kritisiert worden, dass ich nicht versucht hätte, die Geschichte des nationalen Gedankens zu erzählen, sondern mich da rausgestohlen hätte in die Geschichte Deutschlands und Europas. In einer Erlösung aus der Geschichte durch unsere gemeinsame europäische Tradition. Da kritisieren oft ausländische Besucher: Was hat denn das mit Deutschland zu tun, dass Napoleons Hut hier hängt? Aber er hat das Heilige Römische Reich gesprengt. Das Faszinierende finde ich, dass wir zwar in Europa an die 70 Ländersprachen haben, aber eine gemeinsame nonverbale Tradition über Bilder, Symbole, Kleidung, Lebensgewohnheiten.

STANDARD: Welchen Ratschlag hätten Sie als Museumsdidakt für ein österreichisches Haus der Geschichte der Republik?

Ottomeyer: Man muss ganz sicher den Eingang bei 1918 wählen. Man sollte anbieten, die Geschichte bis 2000 zu begehen. Man müsste auch einen Weg anbieten, der von der Geschichte des Hauses Österreich spricht, davon, wo Österreich herkommt: als Erzherzogtum und als habsburgische Erblande. Ohne das kann ich die weitere Geschichte nicht verstehen. Man wird auf die Geschichte des Landes, seine Bevölkerung, auf seine Mentalitäten, auf die Religionszugehörigkeit und seine doch sehr unterschiedliche Zusammensetzung nicht verzichten können. (DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.20.2007)

Zur Person
Hans Ottomayer (61), Literatur- und Kunstgeschichtler, seit 2000 am HM in Berlin.
  • "Authentische Zeugnisse sind kein Trödel" (Ottomeyer). Die "Germania" von Friedrich August Kaulbach, gemalt zu Kriegsbeginn 1914, Deutsches Historisches Museum, Berlin.
    foto: deutsches historisches museum

    "Authentische Zeugnisse sind kein Trödel" (Ottomeyer). Die "Germania" von Friedrich August Kaulbach, gemalt zu Kriegsbeginn 1914, Deutsches Historisches Museum, Berlin.

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