"Der Stammtisch soll sich aufregen"

27. Oktober 2007, 18:17
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Das "Haus der Geschichte" soll auf der Wiener Donauplatte entstehen. Inhaltlich soll es eher provozieren, als nur "großkoalitionäre Rumpelkammer" sein

Wien - Das von der Koalition geplante "Haus der Geschichte der Republik Österreich" (HGÖ) hat noch kein endgültiges Konzept. Aber schon einen möglichen Standort. Wenn es nach Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (und Wiens Bürgermeister Michael Häupl) geht, wird das HGÖ auf der Donauplatte entstehen, stadtauswärts gleich links von der Reichsbrücke, im Schatten der beiden geplanten Riesentürme von Dominique Perrault (siehe Illustration) und praktisch vor der "Copa Kagrana". Außerdem soll es nach dem Wunsch des Kanzlers eine "signature architecture" bieten. Auch um auf die erhofften 250.000 Besucher pro Jahr zu kommen.

Das Geld dafür müsste zumindest großteils Finanzminister und ÖVP-Chef Wilhelm Molterer hergeben. Demnächst sollen Molterer und Gusenbauer den Stand der Dinge in Sachen HGÖ besprechen. "Es wird eine gemeinsame Lösung geben", sagt ein Sprecher Molterers.

Es liegt ja eine vom Kanzleramt in Auftrag gegebene "Evaluierung" jener "Roadmap" vor, die vorläufig noch als Grundlage für das HGÖ-Projekt dient. Diese Evaluierung durch vier internationale Experten ist allerdings relativ kritisch, was die "Kernaufgabe" des Museums betrifft.

Es gibt ausländische Beispiele, die von der Historikerkommission für die Erarbeitung der "Roadmap" auch besucht wurden. Das "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" in Bonn bietet mit einer Fülle von Objekten (etwa Salonwagen Hermann Görings, der auch von Adenauer und Willy Brandt benutzt wurde) eine chronologisch erzählte Geschichte - auch Trivialgeschichte - des Aufstiegs aus den Nachkriegstrümmern bis heute (www.hdg.de). Das "Deutsche Historische Museum" im Zeughaus in Berlin (mit einem Anbau von I. M. Pei) schlägt gleich den Bogen von den Germanen über das Heilige Römische Reich bis ins 20. Jahrhundert (www. dhm.de). Beide sind auf Initiative des "ewigen Kanzlers" Helmut Kohl entstanden, der die deutsche Geschichtsbetrachtung von der Fixierung auf den Nationalsozialismus lösen und ein breiteres Panorama bieten wollte.

Der Effekt ist jeweils beeindruckend, aber nicht unbedingt vorbildhaft.

Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb, der der "Roadmap"-Gruppe bewusst nicht angehörte und in Sachen HGÖ auch Gusenbauer berät, ist gegen eine mit Artefakten unterfütterte chronologische Erzählung "Wie sich die Republik aus Not und Hass zur heutigen Erfolgsstory entwickelte".

Exponate im Kontext

Ohne Exponate werde man nicht auskommen, aber sie müssten in einen Kontext gestellt werden. Und der solle durchaus provokativ wirken: "Man sollte sich auf wenige, zentrale Themen konzentrierten, die aber den Stammtisch aufregen. Es darf kein Museum für Historiker werden, das ist es jetzt, sondern es muss die Mythen der Nation genau hinterfragen. Sonst geht uns ja keiner hinein. Am besten übergibt man das Projekt professionellen Ausstellungskreativen". Man möge sich etwa das neue "Europamuseum" in Brüssel ansehen (Europamuseum). Einzelne Großereignisse kön- ne man von verschiedenen Standpunkten untersuchen.

Und weil der Verdacht einer "großkoalitionären Grottenbahn" (der grüne Kultursprecher Zinggl) schon im Raum steht, könne man, so Rathkolb, durchaus auch die Sicht des sogenannten "Dritten Lagers" berücksichtigen. Denn die Geschichte der Republik, besonders der Ersten, sei über weite Strecken auch die eines starken Deutschnationalismus, sagt Rathkolb, Herausgeber der Kreisky-Erinnerungen. Rathkolb äußert sich auch einigermaßen undiplomatisch über das "Roadmap"-Konzept (unter der Federführung von Günter Düriegl und Stefan Karner): "Ohne Pfiff." Eben- so über die beiden Ausstellungen zum Erinnerungsjahr 2005, die in der "Roadmap" als mögliche Vorbilder für die Gestaltung des HGÖ genannt wurden: "Das neue Österreich" im Belvedere (Rathkolb: "brav") und "Österreich ist frei" auf der Schallaburg ("Rumpelkammer").

Die Schallaburg-Ausstellung wurde von Stefan Karner gestaltet, der sich auch für das HGÖ eine objektorientierte Machart vorstellt und die Bevölkerung zu Ablieferungen aufrufen will: "Der Dachboden ist das Archiv der Österreicher." Karner wird übrigens gemeinsam mit dem Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Lorenz Mikoletzky, im März 2008 die Ausstellung "90 Jahre Republik Österreich" gestalten, die von etlichen Eingeweihten als Vorwegnahme des HGÖ gesehen (befürchtet) wird. Karner wollte nichts sagen, ehe er nicht die "Evaluierung" kenne.

Keine "herkömmliche Nationalgeschichte"

Wenn auf der Donauplatte ein architektonischer Meilenstein entsteht, dann darf der Inhalt des HGÖ keine "herkömmliche Nationalgeschichte" sein, darin sind sich die meisten Experten einig. "Es darf keine traditionelle Erfolgsgeschichte in Koalitionsdarstellung werden", sagt Zeithistoriker Gerhard Botz. "Entscheidend ist, dass es kein Museum wird" (Günter Düriegl).

Unbedingt müsse die zentrale Rolle Österreichs als "großer mitteleuropäischer Staat vor 1918" (John Boyer, University of Chicago) und selbstverständlich Österreich als Einwanderungsland dargestellt werden.

Denn wenn 30 Prozent der Schüler, die durchmarschieren werden, einen "Migrationshintergrund" haben, wäre es ziemlich sinnlos, sie ausschließlich mit Ikonen des "echten Österreichertums" zu konfrontieren. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.10.2007)

  • Auf der Wiener "Donauplatte", vor der "Copa Kagrana", könnte das "Haus der Geschichte der Republik Österreich" entstehen, auf der Fläche zwischen der Reichsbrücke (ganz rechts) und den geplanten Megatürmen (Bild) des Architekten Dominique Perrault.
Foto: DER STANDARD/Visualisierung © beyer.co.at
    foto: der standard/visualisierung © beyer.co.at

    Auf der Wiener "Donauplatte", vor der "Copa Kagrana", könnte das "Haus der Geschichte der Republik Österreich" entstehen, auf der Fläche zwischen der Reichsbrücke (ganz rechts) und den geplanten Megatürmen (Bild) des Architekten Dominique Perrault.
    Foto: DER STANDARD/Visualisierung © beyer.co.at

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