Tückischer Kaffee an der Ostsee

31. Oktober 2007, 17:00
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Die Hafenmetropole an der Ostsee zeigt Touristen ihr Geschichtsbewusstsein. Türkischen Kaffee sollte man übrigens besser nicht mehr bestellen

Um es gleich zu sagen: Gdánsk ist eine Stadt mit historischem Hintergrund wie nur was. Die mehr als 1000 Jahre alte, ehemals deutschsprachige Freistadt war oder ist von jeher aufgrund ihrer Lage an Ostsee und Bernsteinstraße bedeutende Handelsmetropole und Drehscheibe der Kulturen.

Wahrscheinlich auch gerade deshalb brachte sie Berühmtheiten wie Daniel Gabriel Fahrenheit, Andreas Schlüter, Arthur Schopenhauer, Günter Grass, Lech Walesa, Dariusz Michalczewski und nicht zuletzt Donald Tusk hervor. Dann wäre noch Klaus Kinski zu nennen, der aus dem nahegelegenen mondänen Badeort Sopot stammte, wo zudem Adolf Hitler im Kasino den einzigen schriftlichen Befehl zum Völkermord unterzeichnet haben soll. Mit dem Beschuss der Westerplatte hat hier der Zweite Weltkrieg begonnen und mit der Streikwelle im Sommer 1980 genau genommen auch der Zerfall der Sowjetunion.

An der "langen Küste", am Kai, nahe dem Krantor direkt an der Alten Mottlau, gibt's ein Restaurant nach dem anderen. Gegenüber auf der Insel Spichrzów leuchtet der schlichte rote Backsteinbau eines Hotels in der Abendsonne, davor liegt der Museumsfrachter "Soldek" vor Anker und der Duft von gegrilltem Fisch in der Luft. Im Frauentor spielen zwei Ukrainer auf ihren Akkordeons Bach, und spätestens wenn man einen Glasorgelspieler zu hören bekommt, denkt man unweigerlich an Die Blechtrommel von Günter Grass. Der Roman erzählt auch von einer Stadt, die nach dem Befreiungsangriff der Roten Armee, also nach der Bombardierung, völlig zerstört darniederlag. Heute hat man fast den Eindruck, als wäre nichts geschehen. Aus der Not, alles nach Originalplänen rekonstruieren zu müssen, machte man nach dem Krieg eine Tugend: die polnische Restauratorenschule.

Echtes Disney-Kostüm

Die Innenstadt von Gdánsk - von Kritikern als "Disney World" wegen der Stahlbetonbauten im mittelalterlichen Kostüm verspottet - ist dennoch eine wahre Fundgrube für Menschen mit einem Faible für Kunstgeschichte. Denn nicht alles ist Schein. Die Marienkirche etwa, die größte aus dem Mittelalter stammende Backsteinkirche weltweit, beeindruckt nicht nur durch ihre Ausmaße. Abgezählte 400 Treppen steigt man auf den Glockenturm, von wo aus man einen beeindruckenden Ausblick über die Stadt hinweg aufs Meer oder die Werft mit ihren großen Kranen genießt, die aus der Ferne wie Industrie-Insekten aussehen. In der Kirche finden sich Meisterwerke wie die Danziger Schöne Madonna, der Hauptaltar und gut erhaltene Fresken.

Über die gigantische astronomische Wanduhr wird berichtet, dass deren Erschaffer von den Schergen des Bürgermeisters geblendet wurde, auf dass er erblinde und kein ähnliches Werk für jemand anders herstellen könne. Der Schöpfer der Skulptur des Gekreuzigten in der Kapelle der elftausend Jungfrauen soll den Freund seiner Tochter zur Vorlage an die Wand genagelt haben. Am Tag darauf habe er sich selbst erhängt. Fast unschuldig wirken da die beiden Restauratoren, denen man bei der gemächlichen Herstellung von Ersatzteilen für Engel zuschauen kann.

Bohème für Zugereiste

Hinter der "kosciól Mariacki" liegt die Frauengasse, hier spürt der Zugereiste allein schon wegen des Kopfsteinpflasters, der engen bunten Häuschen mit Steinbrüstungen, der Bernsteingeschäfte, des Kunsthandels und der Cafés den Flair der Bohème.

Im Kamienica etwa kann man bei Nina Simone als Hintergrundmusik Ansichtskarten schreiben, eine Kleinigkeit essen und dabei den Reiseführer studieren. Bestellt man dann auf Anraten dessen einen "für Polen so typischen türkischen Kaffee", verzieht die Kellnerin schon einmal ihr Gesicht. In Polen sei schon längst westliches Lebensgefühl angesagt, man trinke heute Espresso, "kawa turecka" erinnere nur an die Zeiten des Kommunismus, wo man einfach nichts anderes hatte. Die Geschichte stockt als saure Milch im türkischen Kaffee.

Der "lange Markt" wiederum, ein weitläufiger Platz mit Gastronomie, Banken, Souvenirläden und dem Rathaus, zieht massenhaft Touristen an. Fast unbeachtet steht da mitten in dem Gewurl eine Plakatwand, auf der Fotos aus der Zeit appliziert sind, wo es eben noch keinen Espresso gab. Man versteckt die Tage der jüngsten Vergangenheit nicht vor den Touristen. Ein Hinweis macht auf die Solidarnosc-Dauerausstellung aufmerksam, die in der Nähe der Danziger Werft, ehemals "Lenin-Werft", untergebracht ist. Zu dem oft abgelichteten eisernen Tor, über das ein Elektriker kletterte, der prompt Streikführer wurde und später Staatspräsident, pilgern wenige Touristen.

Bilder von Lech Walesa und Johannes Paul II., dazwischen üppiger Blumenschmuck, der täglich von alten Frauen mit Kopftüchern gegossen wird, und ein Souvenirshop machen das Tor selbst zu einer Gedenkstätte, zu einem Gebrauchsaltar. Das Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter gleich nebenan wirkt dabei etwas vergessen. Die Ausstellung besteht zurzeit aus ein paar rostigen, im Freien aufgestellten Schautafeln mit Aufnahmen aus den Streiktagen, und ein aufgebockter russischer Panzer passt wie ein beinloser Wachhund auf den "Geist der Freiheit" von damals auf.

Heute produziert die Werft nach wie vor gigantische Ozeanfrachter, doch Teile des Areals liegen brach. Leere Gebäude werden dann zum Teil aufgekauft oder von Künstlern, Musikern und Theatergruppen genutzt. Die gelebte Symbiose aus Geschichte und Aufbruch steht hier vielleicht stellvertretend für ganz Gdánsk - ein bisserl Blechtrommel und Espresso eben. (Armin Baumgartner/Der Standard/Printausgabe/27./28.10.2007)

Info: Polen Info
Gdánsk


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    Die Altstadt von Gdánsk - am Besten zu sehen von der Marienkirche aus.

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    Langer Markt in Gdánsk.

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    Der Lange Markt in Danzig besteht seit dem 17. Jahrhundert und ist jener Platz, an dem die wohlhabenden Bürger wohnten. Hier befinden sich das Rechtsstädtische Rathaus, der Artushof, das Goldene Tor und das Grüne Tor.

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    Der Artushof ist eines der Wahrzeichen Danzigs. Das Gebäude war eins der Treffpunkt reicher Kaufleute und Adliger.

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    Der Danziger Hauptbahnhof.

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    Schiffsanlegestelle an der Mottlau.

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