"Das Wort Lesbe hörte ich zum ersten Mal mit 30"

29. Oktober 2007, 16:48
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Yvonne Ford hatte ihr "Coming out" mit 49 Jahren - nach zwei Ehen und vier Kindern - Im Gespräch mit dieStandard.at spricht sie über ihr Leben als "Late Bloomer"

Der Begriff "Late Bloomers" bezeichnet Menschen, die erst spät im Leben und oft unerwartet ihre Fähigkeiten entwickeln oder einen Jugendtraum realisieren. In der lesbischen Szene beschreibt der Begriff als "Gegenpol" zu den "Sandkastenlesben" Frauen, die erst spät im Leben ihre Liebe zu Frauen entdeckten und ihr "Coming out" hatten.

Viele dieser Frauen waren davor ein- oder mehrmals verheiratet, haben Kinder, lebten ein "normales" Ehe- und Familienleben. So auch Yvonne Ford, die nach zwei Ehen und vier Kindern mit 49 Jahren "so von der Liebe zu einer Frau erfasst wurde, dass sich ihr Leben völlig änderte". Im Gespräch mit Isabella Lechner beschreibt die "Late Bloomerin" Freuden, Sorgen und Gewissensbisse auf dem Weg dorthin.

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dieStandard.at: Sie hatten mit 49 Jahren ihr "Coming out" und leben nun seit über zehn Jahren mit einer Frau zusammen. Hatten Sie sich schon früher zu Frauen hingezogen gefühlt?

Yvonne Ford: Ich habe früher bereits intensive Freundschaften zu gleichaltrigen Mädchen und später jungen Frauen gepflegt, aber ich konnte das damals nicht als lesbisch benennen - das Wort Lesbe hörte ich zum ersten Mal mit fast 30 Jahren. Nach der Uni habe ich dann mit einer Freundin gelebt, die fünf Jahre älter war – ich war verliebt, aber sie nicht in mich. Sie mochte mich zwar sehr gern, aber war irritiert über die Gefühle, die ich ihr entgegenbrachte. Das war 1970, ich hatte keine Vorbilder und wusste nicht, wie ich mit der Situation und meinen Gefühlen umgehen sollte. Schließlich sind wir getrennte Wege gegangen, ich habe damals sehr getrauert.

dieStandard.at: Wie kam es, dass sie trotzdem geheiratet haben?

Yvonne Ford: Als ich meinen ersten Mann kennen lernte, war das nicht dasselbe Verliebtsein wie bei dieser Freundin. Aber ich bin sehr konservativ aufgewachsen, in den Südstaaten der Vereinigten Staaten, im so genannten "Bible Belt", und Heiraten gehörte eben dazu. Irgendwann dachte ich "Gut, ich glaube, jetzt mag ich diesen Mann genug, um ihn zu heiraten". Am Abend vor der Hochzeit wurde mir bewusst: Diese Entscheidung wird mein ganzes Leben prägen. Das Schlimme war, dass meine Freundin, mit der ich nach der Uni zusammengelebt hatte, bei der Hochzeit anwesend war. Ich habe später noch öfter versucht, Kontakt mit ihr aufzunehmen, ihr zu Weihnachten und zum Geburtstag geschrieben, aber sie hat nicht geantwortet.

dieStandard.at: Wie hat sich ihre Ehe weiter gestaltet?

Yvonne Ford: Ich habe gelernt, meinen Mann zu lieben, aber irgendwann kamen wir an einen Punkt, den es wahrscheinlich in vielen Ehen gibt: Die Arbeit, der Alltag wurden immer wichtiger, unser Beziehungsleben rückte in den Hintergrund. Ich war zwar nicht zufrieden damit, wie es lief, aber ich wollte trotzdem Kinder und habe schließlich drei Töchter und einen Sohn bekommen. Es wäre mir damals nie eingefallen, mich zu trennen: Die Vorstellung, dass ich in meiner Beziehung versagen könnte und meine Kinder mit einer Scheidung zu konfrontieren war zu schrecklich. Wir sind dann alle zusammen nach Deutschland gezogen, wo mein Mann und ich für eine NGO arbeiteten – und ich meinen zweiten Mann kennen lernte, wegen dem ich mich schließlich von meinem ersten Mann trennte.

dieStandard.at: Wie haben Sie dann gemerkt, dass Sie ihr Leben doch mit einer Frau leben möchten?

Yvonne Ford: Ich hatte parallel zu meinen Ehen immer platonische Freundschaften zu Frauen gepflegt. Diese Freundschaften bedeuteten mir sehr viel und ich habe mir neben Kindern und Beruf bewusst immer viel Zeit dafür genommen. Ich konnte mich mit diesen Frauen austauschen und habe sie sehr gerne gehabt – sie waren einfach wichtig für mich. Und plötzlich, mit 48, lernte ich eine Frau kennen, die ich mehr als die anderen mochte – und da waren sie wieder, die "alten Gespenster": Ich habe diese Frau sogar im Traum mit dem Namen meiner ersten Liebe angesprochen. Erst merkte ich nur, dass ich mich von ihr angezogen fühlte, dann wollte ich immer mehr Zeit mit ihr verbringen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich jemals so verlieben würde

dieStandard.at: Wie haben Sie es Ihrer Familie beigebracht?

Yvonne Ford: Das war die grauenhafteste Zeit meines Lebens – ich möchte da nie wieder durchgehen müssen: Ich wusste, ich werde meinen zweiten Mann nach fünf Jahren Ehe wegen dieser Frau verlassen. Meine jüngste Tochter war damals 13, ich hatte die Kinder schon einmal aus ihrer Familienkonstellation herausgerissen und in eine neue Beziehung mit hinein genommen und nun sollte das auch wieder zu Bruch gehen. Ich hatte unsagbare Schuldgefühle deshalb.

Mein damaliger Mann hatte es außerdem abgelehnt, sich räumlich zu trennen, er wollte sich nicht scheiden lassen, also lebten wir zunächst alle unter einem Dach weiter. Für viele Männer ist diese Situation auch deshalb so schwierig, weil sie es schrecklich finden, für eine Frau verlassen zu werden. Sie fühlen sich gekränkt, zweifeln an sich, weil sie das Gefühl haben, keine Frau halten zu können. Man sollte trotz allem versuchen, respektvoll miteinander umzugehen, aber kein Verständnis erwarten – das kommt vielleicht später.

dieStandard.at: Haben Ihre Kinder die neue Situation schließlich akzeptiert?

Yvonne Ford: Vom heutigen Standpunkt aus gesehen habe ich damals den großen Fehler gemacht, meinen Kindern nicht von Anfang an die Wahrheit zu sagen, warum ich mich trennen wollte. Ich habe mich dafür geschämt und andere Gründe vorgeschoben – aber schließlich kam es ja doch heraus. Dass die Kinder nicht von vornherein wussten, was los war, hat alles nur schwieriger gemacht. Heute würde ich es ihnen gleich sagen.

Anfangs haben die Kinder meine Freundin für die Trennung von meinem Mann verantwortlich gemacht. Für die, die damals noch zuhause lebten, war es sicher schwieriger, als für die, die schon ihr eigenes Leben führten. Heute, als Erwachsene, gehen sie alle besser damit um, auch meine jüngste Tochter hat sich mit mir versöhnt. Sie hat damals einfach die Flucht nach vorne angetreten und in der Schule offen gesagt: "Meine Mutter hat eine Freundin und ich gestehe ihr das zu."

dieStandard.at: Wie ging es Ihrer Freundin damals?

Yvonne Ford: Die Frau, die ich liebte, machte eine schreckliche Zeit mit mir durch - viele Sandkastenlesben sagen nicht umsonst: "Nie wieder eine verheiratete Frau!"

dieStandard.at: Und Ihre Eltern?

Yvonne Ford: Meine Eltern sind heute über 80 Jahre und sehr konservativ. Sie waren schon perplex, dass ich überhaupt so weit weg von der Familie nach Europa ging und haben das abgelehnt. Meine Beziehung zu einer Frau hat besonders meinen Vater sehr entsetzt, er findet keinen Weg, damit umzugehen: Er kann nicht verstehen, wie ich mich nach zwei Ehen und mit den Kindern plötzlich so verändern kann - für ihn ist das ein "Abkommen vom rechten Lebensweg". Dabei habe ich mich, wie gesagt, auch als Mädchen schon zu anderen Mädchen hingezogen gefühlt, das war immer latent vorhanden, aber meine Eltern haben es nur als Entwicklungsphase gesehen, die vorübergeht.

dieStandard.at: Was hat Ihnen durch die schwierige Zeit des "Umbruchs" hindurch geholfen?

Yvonne Ford: Psychotherapie war damals für mich sehr wichtig, um zu erkennen: "Wo kommt diese Entscheidung her, was bedeutet das für mich?". Ich würde allen Frauen in ähnlichen Situationen raten, sich professionelle Hilfe zu suchen, denn der psychische Druck ist sehr groß: Ich konnte mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren, nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Das kann ernsthafte Depressionen auslösen, die man nur schwer alleine bewältigt. Manche Frauen beginnen neben der Ehe heimlich eine Affäre zu einer Frau, aber irgendwann wächst der Druck und es wird immer schwieriger, zwischen den "zwei Welten" zu wechseln.

dieStandard.at: Wie geht es Ihnen heute als "Spätberufene"?

Yvonne Ford: Gut, mein Lebenswandel ist zwischen mir, meinen Kindern und meiner Partnerin kein Thema mehr. Nur die Schwierigkeiten mit meinen Eltern belasten mich noch immer. Ich vermisse die Möglichkeit, mit ihnen darüber zu reden, wie es mir geht, weil sie mit meinem Leben nichts anfangen können. Ich habe immer den Eindruck, sie wollen es nicht genauer wissen, also beschränken sich unsere Gespräche auf "Small Talk".

dieStandard.at: Sie engagieren sich heute selbst in Vorträgen und Workshops für "Late Bloomers". Was bewegt Frauen, die erst spät ihre Liebe zu Frauen entdeckt haben, im Alltag?

Yvonne Ford: Die meisten Late Bloomers haben ihr Coming out zwischen 40 und 50, manche aber auch viel später: Ich kenne eine Frau, die sich erst mit Ende 60 geoutet hat, das finde ich sehr mutig. Die erste Beziehung als "Late Bloomerin" muss nicht immer halten – oft folgt darauf eine Zeit des Alleinseins und der Wunsch, gleich gesinnte Frauen kennenzulernen oder sich zu engagieren. Das ist gar nicht so leicht, denn es gibt kaum Angebote für diese Zielgruppe, selbst im Internet findet man kaum etwas oder nur oberflächliche Informationen. Lesbische Aktivitäten werden oft von viel jüngeren Frauen frequentiert oder von Sandkastenlesben, die schon in den 70er-Jahren aktiv waren und sich dann ins Privatleben zurückgezogen haben. Sie haben häufig eine andere Entwicklung, andere Lebensthemen und -interessen. Trotzdem sind diese Kontakte besser als keine und aus diesen ergeben sich vielleicht wieder andere Begegnungen.

Auch die Beziehungen zu ehemals guten Freundinnen müssen nach dem "Coming out" nicht immer halten: Meine damaligen, wie ich glaubte, besten Freundinnen haben ihre Beziehung zu mir abgebrochen, weil ich mich verändert habe, nur die damals locker geführten Freundschaften hielten. Ich hatte damals jedoch den naiven Glauben, dass sie alle zu mir halten und sich mit mir freuen würden. Vermutlich habe ich als latent lesbische Frau meine Freundschaften zu Frauen anders gestaltet als später, als ich in einer Beziehung mit einer Frau lebte – sie hatten vielleicht das Gefühl, dass ich ihnen nun einen wichtigen Teil der Freundschaft entziehe. Die neue Partnerin war eine größere "Konkurrenz" als der Ehemann.
(Isabella Lechner/dieStandard.at, 28.10.2007)

Zur Person:

Yvonne Ford (59) wurde in den USA geboren und lebt seit 1979 in Frankfurt/Main. Sie arbeitet als freiberufliche Englischtrainerin im Gesundheits- und Sozialwesen, als Autorin und Coach, ist geschieden und vierfache Mutter (3 Töchter, 1 Sohn).

Ihr "Coming out" hatte sie vor zehn Jahren. Seitdem gestaltet sie die lesbische Szene bei verschiedenen Initiativen in Deutschland aktiv mit, darunter beim "Lesbischen Herbst", wo sie sich besonders für die Interessen von "Late Bloomers" einsetzt.

Link:

Die Initiatorinnen des Lesbischen Herbsts starten in Kürze eine eigene Website für Late Bloomers - www.late-bloomers.de soll in wenigen Tagen online gehen.

Forum für Lesben 49plus:

www.lesbischezeiten.de

Nachlese:

Kennen Sie Lesben über 49? - Die deutsche Initiative "Lesbischer Herbst" befasst sich mit dem Sichtbarmachen lesbischer Frauen im "jungen Alter"

  • Yvonne Ford hatte nach zwei Ehen und vier Kindern mit 49 Jahren ihr "Coming out".
    foto: privat
    Yvonne Ford hatte nach zwei Ehen und vier Kindern mit 49 Jahren ihr "Coming out".
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