Ein Blick hinter die Kulissen der Macht

26. Oktober 2007, 20:32
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Wer die Macht abgeben muss, braucht einen Memoirenschreiber. Einen, der die Biografie des Auftraggebers mit Emotionen auflädt und für Auflage sorgt

Objektivität ist hier nicht das oberste Ziel, schon gar nicht für den britischen Ex-Premier Adam Lang, der seinen Ghostwriter gerade durch einen merkwürdigen Unfall auf Martha's Vineyard verloren hat. Robert Harris macht in seinem neuen Roman Ghost (Deutsch von W. Müller, € 20,60, Heyne) einen Blick hinter die Kulissen: naturgemäß geht das nicht ohne Zynismus. Sein Ich-Erzähler wird von London in die USA verfrachtet und soll das schlechte Manuskript seines Vorgängers vollenden.

Adam Lang entpuppt sich als charmant, aber ziemlich unzuverlässig, was die korrekten biografischen Details betrifft, und der Neue beginnt zu stöbern. Er findet Dinge, die keinesfalls an die Öffentlichkeit sollen. Harris hat die Story durchaus nicht im Bereich der reinen Fiktion angesiedelt. Seine Erfahrungen aus der journalistischen Nähe zu Tony Blair schimmern durch. Der Ghostwriter versucht das Rätsel zu klären, warum Lang sich von den USA in den Irakkrieg hat hineinziehen lassen, warum er ein folgsamer Befehlsempfänger der USA gewesen ist und warum er zugelassen hat, dass vier britische Staatsangehörige von den Amerikanern im Namen der Terrorbekämpfung gefoltert wurden. Letzterer Skandal verspricht eine enorme Auflagensteigerung der Memoiren, und der Ghost-writer, pendelnd zwischen investigativem Journalismus und Hagiografie, weiß nicht mehr, wem seine Loyalität gelten soll. Ghost ist das bisher flachste von Harris' Werken.

Die Antikenromane wie Pompeij oder Imperium, wo geschildert wird, wie man ein Volk so manipuliert, dass es freiwillig nach einem Diktator schreit, sind dem neuen Thriller aus der Gegenwart vorzuziehen. (i.s., ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.10.2007))

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    cover: heyne
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