Der Vorbeugeraum - Marlene Streeruwitz

28. Oktober 2007, 10:00
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Sie musste sich an etwas in ihrem früheren Leben erinnern. Für die Grenzerfahrung. Sie saß da und überlegte. Was hatte hinausgeführt an den Rand. Damals

Sie stand auf und beugte sich zum Fenster vor. Die Mittagsonne auf dem wilden Wein über der Pawlatschen im Hinterhof. Die Blätter oben hell und rot. Weiter unten dunkel und rot. Das Grün des Sommers noch zu sehen.

Sie setzte sich wieder hin. Starrte auf das Papier. Das würde die fünfzehnte Einreichung sein. In diesem Jahr hatte sie bei 15 Literaturwettbewerben eingereicht und zwei Filmskripts. Sie hatte zur Stadtgeschichte von Marburg geschrieben. Zur Verbindung von Industrie und Kunst. Zu Umweltschutz. Zu Toleranz. Integration. Kindergeschichten und ob es eine Rolle für die alten Menschen in der Gesellschaft geben konnte. Sie hatte von Hamburg bis Bozen eingereicht. Nur die Wettbewerbe, bei denen auch gelesen werden musste. An denen hatte sie nicht teilgenommen. Die Reisekosten. Die Filmskripts waren auch wegen Geldmangels abgelehnt worden.

Grenzerfahrung. Sie wusste genau, was die anderen schreiben würden. Klettern. Marathon. Überwindungen und bis an die Grenze gehen. Um an die Grenze gehen zu können, musste man innerhalb der Grenzen leben. Außerhalb. Da, wo sie jetzt lebte. Da war das jeder Augenblick. In jedem Augenblick und in jedem Handgriff. Immer war es deutlich. Die Grenze lag hinter ihr.

Die Grenzüberschreitung. Jetzt. So im Nachhinein. Sie waren zu sehen. Die Augenblicke, in denen es geschehen war. Ganz klar und überschaubar. Aber das war erst jetzt und nicht in den Augenblicken. Wie ja überhaupt die Grenze selbst erst sichtbar geworden war, nachdem sie sie überschritten hatte. Das war für eine Soziologin im Nebenfach nicht überraschend. Pauperisierung. Prekarisierung. Entsolidarisierung. Dekadenz und Abstieg. Die Auflösung der Mittelschicht. Mobilitätsprobleme. Wünsche und Begehren. Und als Studentin der Filmakademie hätte sie den Film sehen sollen, der ablief. Aber das war nicht der Fall gewesen.

Verschickung ins Nichts

Sie hatte es währenddessen nie begriffen. Es war ihr nicht klar gewesen, dass es ihre Verschickung ins Nichts gewesen war, wie der nette Edi in der Agentur ihr gesagt hatte, dass er sie ja schätze, aber dass sie Mitarbeiter brauchten, die an die Sache ein bisschen glauben konnten. Dabei hatte sie gedacht, dass ihr Grinsen nicht zu sehen war. Und sie war stolz gewesen, die feministische Kritik unterdrückt zu haben. Wenn 111 nackte Frauen mit Bodypainting in Flammen der Leidenschaft verwandelt werden sollten und bei der Eröffnung der Europameisterschaft im Stadion die Sportleidenschaft anheizen mussten. Und wenn die dann in Heißluftballone steigen sollten und diese Leidenschaft zum Himmel tragen.

Sie sah wieder hinaus. Der alte Süßwarenhändler stand vor der Tür zu seinem Lager in der Pawlatschen. Der Konkursverwalter hatte das Schloss auswechseln lassen. Der alte Mann konnte die Tür nicht mehr aufsperren. Jeden Tag stand er stundenlang vor der Tür und wenn jemand vorbeikam, dann zählte er die Lebensmittel auf, die hinter der Tür verdarben.

Es war ihr anzusehen gewesen. Offenkundig war es zu sehen gewesen, was sie von diesem Konzept hielt. Es war natürlich diese Zuhälterkunst, wie sie Sportfunktionäre und Politiker gut fanden. Das war wie immer. Nackte Frauen und metaphysischer Hokuspokus. Aber die Agentur hatte den Auftrag bekommen. Sie bekam nichts. Keinen Preis. Keinen Auftrag. Nicht einmal die Stelle als Eisverkäuferin bei Da Pallone. Sie war jetzt 33. Nein. Sie war 32 und ein halbes Jahr. Sie sollte sich nicht älter machen.

Sie setzte sich wieder hin. Vom Sessel aus konnte sie nur noch den Giebel des Holzhauses im Hof sehen. Der wilde Wein dort winzige Blättchen und eine Ranke in den Himmel ragte. Die Blätter gelb durchsichtig im Sonnenlicht.

Gut. Sie machte da jetzt nicht mit. Der Job hätte drei Jahre reichen können. Sie hätte die Models besorgen müssen, die dann bemalt werden sollten. Sie hätte es einrichten müssen, dass die in den Heißluftballons Kleidung vorfanden und nicht nackt in die kalten Höhen aufsteigen hätten müssen. Sie hatte bei den Diskussionen die praktischen Fragen zur Sprache gebracht. Wo diese jungen Frauen. Sie mussten schlank und langbeinig sein und Riesenbusen haben. Der Bodypainter war ein Freund des Chefs gewesen und hatte in den Besprechungen vehement darauf gedrängt, dass er an der Auswahl der Frauen teilnehmen musste. Er musste die Auswahl treffen. Er wolle nicht die schlechten Figuren wegmalen müssen. Er wollte gutes Material. Er hatte das so gesagt. Gutes Material. Und da war die Frage noch nicht gelöst gewesen, wie diese 111 Frauen für die Eröffnungszeremonie bemalt werden sollten. Wann. Wie lange man mit dieser Bemalung herumlaufen konnte, ohne sie zu beschädigen. Oder sich selbst. Und was bei Regen.

Im Außerhalb gefangen

Gut. Sie arbeitete nicht für diese neuen Herren mit ihrer alten Moulin-Rouge-Ästhetik. Das nicht. Aber ihr Ausscheiden bedeutete ja nichts. Irgendjemand anderer machte das dann schon. Mit Weigerung war ja kein Staat mehr zu machen. Und zuerst war sie froh gewesen. Sie war aus der Agentur hinausspaziert und war froh gewesen. Vielleicht war das ja der einzige Luxus, den es noch gab. Nicht mitmachen. Und war das die Grenze. Und sie war hinter dieser Grenze nicht mehr zu sehen. Von da an hatte ja nichts mehr funktioniert. Nur noch Zeitarbeit. Minijobs. Nachhilfen. Der Kurs für Beschäftigungstherapie in der Altenpflege, für den sie den Beitrag gezahlt hatte, der dann nicht zustande kam. Nicht genug Teilnehmer. Aber das Geld erst nach einem halben Jahr zurück. Und immer die misstrauischen Fragen der Beamtin, dass sie doch sicher irgendetwas schwarz verdiene. Man könne doch mit 400 Euro nicht auskommen. Und wirklich. Man konnte nicht. Frau konnte nicht. Aber aufgeben.

Sie stand wieder auf. Beugte sich über den Tisch. Der alte Mann stand nicht mehr da. Das Kopfsteinpflaster des Hofs dunkelgrau. Grasbüschel an der Mauer.

Sie musste sich an etwas in ihrem früheren Leben erinnern. Für die Grenzerfahrung. Sie saß da und überlegte. Was hatte hinausgeführt an den Rand. Damals. Was würde in einer Geschichte so aussehen, als hätte es an den Rand geführt. In einer Geschichte konnte sie es natürlich immer so aussehen lassen. Für die anderen. Etwas, was für sie das Normalste der Welt schien, konnte sie für die anderen an die Grenze schieben.

Sie sah auf ihre Hände. Die Unterarme. Auf dem Tisch liegend. Sie konnte die Geschichte mit der Heidi nehmen. Wie sie mit der Frau, mit der ihr Freund sie betrog, ins Bett gegangen war, um herauszufinden, was er an ihr fand. Aber das war auch wieder eine Grenzüberschreitung gewesen. Das war eine von den Handlungen gewesen, die die Wirklichkeit veränderten. Nach denen nichts mehr so war, wie vorher gedacht gewesen. Kein Schaden, aber alles anders. Oder doch ein Schaden. Und Sex in einer Kurzgeschichte. Das durfte doch nur dieser Operettensex sein und nur keine Wahrheit.

Sie konnte da nicht hindenken. Sie wandte sich vom Fenster ab. Diese Geschichte zu schreiben. Es wäre eine solche Schwerarbeit gewesen. Es war schon so, dass sie in diesem Außerhalb gefangen war und die Grenze weit weg. Sehr weit weg. Wie der Vladi. Sie schaute ihre Hände an und musste sich anstrengen, die Geschichte mit dem Vladi zu erinnern. Da, wo sie jetzt dachte. Da, wo sie jetzt war. Da, wo sie alles versuchen musste, ihre Fähigkeiten doch noch anzuwenden. Da konnte sie sich an Herzeleid nicht erinnern. Da war es richtig, dass der Vladi in London so gut untergekommen war. Und sie konnte ihn auch nicht mehr in diesem Hotel treffen. Gleich am Flughafen. Ryan Air und gleich das Hotel. Das Zimmer. Alles glatt und glänzend. Rot und hellgrün. Man hatte keine Zeit wissen können und keinen Ort. Da.

Und die Grenze weit weg

Wahrscheinlich war das die Grenze gewesen. Dieses Hotelzimmer in Stansted. Sie war nie jemals so unglücklich gewesen, und der Vladi hatte ihr nicht helfen können. Dekadent. Sie war abgeschafft. So, wie sie sein hatte wollen, war sie abgeschafft. Sie bekam ja nicht einmal mehr den Job einer Eisverkäuferin. Dabei sah sie jünger aus, als sie war. Das immerhin.

Sie stand wieder auf. Ging zum anderen Fenster. Sie beugte sich vor. Stützte sich auf das Fensterbrett. Es sprangen viele. Gerade. Immer wieder war zu hören. Zu lesen. Irgendjemand war wieder aus dem Fenster gesprungen. Durch das Fenster gesprungen. Immer Personen, die auch so abgeschafft waren. Keine Förderung. Kein Platz. Kein Interesse. Keine Anerkennung. Keine Sympathie. Kein Leben. Going hungry, ging ihr durch den Kopf. Die Pirandello-Geschichte fiel ihr ein. Die Nackten kleiden. Es war eine andere Liebe. Die fehlte und keine Chance darauf.

Sie richtete sich auf. Das mit dem Vorbeugeraum. Das hatte ein Mann von der Polizei gesagt. Die Computerfahndung fände im Vorbeugeraum statt. Der Moderator hatte sich dem Mann von der Polizei gleich so zugebeugt. Als wäre ein Signal in diesem Satz verborgen gewesen. Oder in diesem Wort. Vorbeugeraum. Sadistische Vorstellungen stiegen mit so einem Wort auf. Vorbeugeraum. Niemand hatte gefragt, was das sein sollte. Wo das sein sollte. Alle hatten gleich gewusst, was das war. Und wo. Der Vorbeugeraum.

Sie stand am Fenster.

Vorbeugeraum. War das nur ganz einfach wörtlich zu nehmen. War das der Raum, in dem sie zusammengetrieben wurden und beobachtet. Kontrolliert. Durchgeimpft. Gezüchtigt. Und wenn einer oder eine sich daraus befreien wollten. Dann gab es nur das Fenster. Sich hinausbeugen. War dann das Fenster die Grenze. Ging es darum, aus dem Vorbeugen ins Hinausbeugen zu geraten. Waren die, die sich aus den Fenstern fallen ließen. Waren das die Klügeren. Die, die es begriffen hatten, von wo aus sie sich wegbeugen mussten. Beugen. Beugehaft. Was für Wörter. Sie schaute auf das Kopfsteinpflaster unter dem Fenster. Wenn das die Grenze war. Dann war sie da. Aber wie das beschreiben. Wie das erzählen. Wie in 10.000 Zeichen und wie aus dem Vorbeugeraum entkommen und dann noch sprechen können.

Sie ging an den Tisch zurück. (Marlene Streeruwitz, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.10.2007)

Marlene Streeruwitz lebt als Schriftstellerin und Regisseurin in Wien. Sie studierte Slawistik und Kunstgeschichte. 1996 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Verführungen. Seither schrieb sie zahlreiche Romane, Theaterstücke, Novellen und politische Essays. Ihr jüngster Roman Entfernung erschien 2006 bei S. Fischer.
  • Die Schrift- stellerin Marlene Streeruwitz: "Sie stand wieder auf. Ging zum anderen Fenster. Sie beugte sich vor. Stützte sich auf das Fensterbrett. Es sprangen viele. Gerade. Immer wieder zu hören. Zu lesen. Irgend- jemand war wieder aus dem Fenster gesprungen."
    foto: heribert corn

    Die Schrift- stellerin Marlene Streeruwitz: "Sie stand wieder auf. Ging zum anderen Fenster. Sie beugte sich vor. Stützte sich auf das Fensterbrett. Es sprangen viele. Gerade. Immer wieder zu hören. Zu lesen. Irgend- jemand war wieder aus dem Fenster gesprungen."

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