Überbrückbare Distanzen

26. Oktober 2007, 18:57
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Die junge französische Schauspielerin und Regisseurin Mia Hansen-Løve stellt mit der in Wien und Paris angesiedelten Familiengeschichte "Tout est pardonné" ihr sehenswertes Langfilmdebüt vor

Ihr Kollege Serge Bozon präsentiert mit "La France" eine weitere Stilübung. Beide Arbeiten wurden von David Thions Les Film Pelléas produziert.

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Es beginnt in der Morgendämmerung, mit Stadtansichten. Man befindet sich in einem französischen Film, der seinen Ausgang in "Wien, 1995" nimmt. In Wien, so scheint es, ist die Welt noch in Ordnung. Aufgehoben in einem großbürgerlichen Familienverband feiert die kleine Pamela (Victoire Rousseau) ihren sechsten Geburtstag. Mit Annette, ihrer Mutter (Marie Christine Friedrich), und Victor, ihrem Vater (Paul Blain), wird sie bald darauf in dessen Heimatstadt Paris übersiedeln.

Dort wird die Beziehung der Eltern vordergründig an den Depressionen und der Drogenabhängigkeit Victors scheitern. Viele Jahre später wird dann die Frage virulent, ob und wie man an diese unvermittelt abgerissene Geschichte noch anknüpfen kann - und ob Victors Verhalten vergeben werden kann.

Tout est pardonné/Alles ist verziehen heißt Mia Hansen-Løves Film. Die französische Schauspielerin, Jahrgang 1981, die auch eine Zeit lang für die Cahiers du Cinéma als Kritikerin tätig war, stellte damit im Mai in Cannes ihr Langfilmdebüt vor. Eine in klare, ruhig montierte Bilder gesetzte Erzählung, in der sich kaum merklich die Perspektive und die Schwerpunkte von einer Generation zur nächsten verlagern.

Victors Schwester bemüht sich schließlich um Kontaktaufnahme, und auf ebenso bemerkenswerte wie beiläufige Weise gelingt es dem Film, die Beziehung von Vater und Tochter zwischen Nähe und Fremdheit, zwischen einer grundlegenden Verbundenheit und der Kompliziertheit der Verhältnisse so zu vermitteln und auszutarieren, dass ein paradoxer Eindruck von Leichtigkeit entsteht.

Produziert hat den Film, der ursprünglich mit dem verstorbenen Humbert Balsam geplant war, schließlich David Thions Les Films Pelléas. Mit La France ist bei der Viennale noch eine weitere Arbeit aus dem Pelléas-Programm vertreten: Mit dessen Regisseur Serge Bozon (Mods) hat Thion schon früher zusammengearbeitet. Diesmal lässt Bozon eine junge Frau namens Camille (Sylvie Testud) während des Ersten Weltkriegs nach ihrem Ehemann, einem Soldaten suchen. Als Junge verkleidet stößt sie bald auf einen kleinen Trupp. Und der Leutnant (Pascal Greggory) erlaubt ihr schließlich, sich den Männern anzuschließen, die ein Geheimnis teilen.

Bozon inszeniert dieses Kriegsdrama fast ausschließlich unter freiem Himmel. Die graublauen wollenen Uniformen verschwinden mitunter fast in der vorwinterlichen Landschaft, oder sie werden vom Schwarz der Nacht verschluckt. Ab und an werden einfache Instrumente angeschlagen und Lieder angestimmt. Während verwandte Interventionen in Mods als ein stimmiger Verstärker von Atmosphären und von Bozons antinaturalistischem Zugang fungierten, wirkt dies hier vorwiegend verschroben. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.10.2007)

"Tout est pardonné", 29. 10. Urania 21.00; Wh.: 30. 10. Gartenbau 13.00; "La France", 29. 10. Gartenbau 13.00; Wh.: 30. 10. Urania 21.00
  • Lässt sich der Bruch einer jahrelangen Abwesenheit überwinden? Pamela (Constance Rousseau) als Teenager in "Tout est pardonné".
    foto: viennale

    Lässt sich der Bruch einer jahrelangen Abwesenheit überwinden? Pamela (Constance Rousseau) als Teenager in "Tout est pardonné".

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