Zwischen damals und heute

26. Oktober 2007, 18:48
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"Thomas Harlan - Wandersplitter" heißt Christoph Hübners Dokumentarfilm, der in konzentrierter Form zwischen einer spezifischen Biografie und der Geschichte des 20. Jahrhunderts vermittelt

Der Filmemacher und Schriftsteller Thomas Harlan ist aus vielen Gründen eine Figur von öffentlichem Interesse. Er hat mit Rosa und Heldenfriedhof zwei außerordentliche Bücher über die nationalsozialistischen Täter und die Wahrheitssucher nach dem Krieg geschrieben. Er hat mit kontroversen Filmen wie Wundbrand auch auf das Erbe reagiert, das er von seinem Vater mitbekam: Veit Harlan, Regisseur von Jud Süß und Kolberg, bedeutendster Künstler und einflussreichster Propagandist des Nazi-Kinos. Und wenn man so will, dann hat er seine Lebensgeschichte darauf verwandt, dieses Erbe seines Vaters auszuschlagen (und dabei vielleicht auch eine Möglichkeit zu finden, ihn selbst als Person anzunehmen).

Der Dokumentarfilmer Christoph Hübner nahm von Thomas Harlan zum ersten Mal Notiz, als er in der Süddeutschen Zeitung ein Foto sah: Veit Harlan auf dem Krankenbett, kurz vor seinem Tod, neben ihm sein Sohn, damals noch dunkelhaarig, mit einem Blick, in dem kein Hass zu erkennen ist. Diese intime Szene hat Thomas Harlan auf seinem Weg durch die europäische Nachkriegsgeschichte nach außen gefaltet. Er hat sich weit von seiner Familiengeschichte entfernt, ist aber über die nationalsozialistischen Verbrechen, deren Erforschung er sich viele Jahre gewidmet hat, immer wieder darauf zurückverwiesen worden.

In dem Film Thomas Harlan - Wandersplitter erstattet Harlan vor der Kamera von Christoph Hübner von all diesen Dingen Bericht, soweit dies geht bei der beschränkten Zeit angesichts eines übervollen Lebens. Harlan lebt heute in der Nähe von Berchtesgaden. Gelegentlich ein Blick in die Berglandschaft, das ist alles, was in Wandersplitter an Außenwelt zu sehen ist. Die weitaus meiste Zeit ist die Kamera in dem kleinen Krankenzimmer, in dem Harlan in einer halbnahen Einstellung sitzt und spricht.

Er spricht so, als hätte er selbst den Film schon vor Augen, er teilt seine Berichte schon beim Reden in Kapitel ein, verweist beim Reden auf spätere oder frühere Kapitel, und antizipiert manchmal sogar schon die Montage.

Wenn Harlan heute über die Vergangenheit spricht, dann tut er dies beinahe literarisch: Er verdichtet auf anschauliche Situationen und will es nicht nachträglich besser wissen als etwa 1945 in Berlin, als er als halbwüchsiger Junge das Kommen der Russen als Befreiung erlebte.

Die Differenz zwischen damals und heute interessiert Christoph Hüber an dieser Stelle: Er lässt die Kamera laufen, stellt aber keine Frage. Harlan, der seine Erzählung selbstbewusst mit einer kleinen Sentenz abgerundet hatte, sieht sich also genötigt, nach einer kleinen Pause noch einmal anzusetzen. In Momenten wie diesem gewinnt Wandersplitter eine große Dimension. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.10.2007)

27. 10. Urania 16.00; Wh.: 28. 10. Stadtkino 18.00
  • Er spricht so, als hätte er selbst den Film schon vor Augen: Der Filmemacher und Autor Thomas Harlan gibt vor Christoph Hübners Kamera Auskunft über sein Leben.
    foto: viennale

    Er spricht so, als hätte er selbst den Film schon vor Augen: Der Filmemacher und Autor Thomas Harlan gibt vor Christoph Hübners Kamera Auskunft über sein Leben.

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