Zwei in Einzelhaft

26. Oktober 2007, 18:45
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Masahiro Kobayashis prämierte Verhaltensstudie "Ai no yokan"

Eine Frau steht einer Stimme aus dem Off Rede und Antwort. Ihre Tochter hat eine Mitschülerin getötet. Der Vater dieses Mädchens, ein Witwer, weigert sich, eine Entschuldigung der Mutter der Mörderin anzunehmen.

Eine Zeitungsnotiz über den Mord lieferte dem japanischen Regisseur Masahiro Kobayashi (Bashing) den Ausgangspunkt zu seinem zehnten Spielfilm, Ai no yokan, der in diesem Jahr beim Festival von Locarno ausgezeichnet wurde. Allerdings wird schon mit der Eröffnung des Films deutlich gemacht, dass hier in der Folge weder mit einem Psychodrama noch mit einem Thriller zu rechnen sein wird - zumindest nicht in der herkömmlichen Bauart.

Auf den Prolog, der die Frau und den Mann noch zeitlich und räumlich voneinander trennt, folgt in erster Linie eine intensive Studie von Verhaltensweisen, Situationen und Handlungsabläufen: Ein Jahr später hat Junichi - den der Regisseur selbst spielt - sein Vorhaben umgesetzt, seinen Lebensunterhalt fortan mit schwerer körperlicher Arbeit zu verdienen.

Seine Tage verbringt er am Hochofen in einer kleinen Gießerei, abends kehrt er in ein einfaches Gästehaus zurück, in dem er ein Zimmer bewohnt.

Er geht in den Speiseraum, nimmt sich sein Essen, setzt sich mit dem Rücken zu den übrigen Bewohnern an einen Tisch. Manchmal liest er danach noch ein wenig in Solschenizyns Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch. Noriko (Makiko Watanabe) dagegen steht in der Küche, bereitet den Männern täglich ihre Mahlzeiten zu. In komplementären Sphären verbringen die beiden schweigend ihre Tage.

Irgendwann kommt man in dem überschaubaren räumlichen Rahmen allerdings buchstäblich nicht mehr aneinander vorbei - und die Konfrontationen der beiden in den Fluren oder auf der Straße (weicht man aus, bleibt man stehen, fordert man eine Reaktion heraus) haben manchmal fast den Gestus eines Improvisationstanzes.

Der Film, in dem nicht viele Worte fallen, erzählt die Geschichte dieser langsamen Annäherung nämlich weniger - er entwickelt sie vielmehr aus der Anschauung, aus der fast dokumentarischen Beobachtung der täglichen Routinen und der kleinen Abweichungen: Tagtäglich geht Junichi in den Speisesaal, und eines Abends beginnt er, sein Essritual zu variieren; jeden Tag bereitet Noriko das Essen zu, und auch dabei ist irgendwann Abwechslung gefragt. Und irgendwann hat sich etwas grundlegend verändert. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.10.2007)

27. 10. Künstlerhaus 16.00; Wh.: 28. 10. Metro 11.00
  • Zwei, die nicht aneinander vorbeikommen: Masahiro Kobayashi und Makiko Watanabe in "Ai no yokan".
    foto: viennale

    Zwei, die nicht aneinander vorbeikommen: Masahiro Kobayashi und Makiko Watanabe in "Ai no yokan".

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