Emergency Biennale Istanbul: Chronik des Verschwindens

26. Oktober 2007, 16:24
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Bis Anfang November findet in Istanbul die 10. Biennale zeitgenössischer Kunst im Zeichen globalen Krieges statt - Zum Projekt "Emergency Biennale"

Das nomadische, geopolitische Projekt "Emergency Biennale", 2005 in Grozsny von Kuratorin Evelyne Jouanno gestartet, wird als Sonderschau von Ceren Erdem in einem ehemaligen türkischen Bad organisiert:

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Mit der Fähre quert man den Bosporus nach Kadiköy, das im asiatischen Stadtteil liegt. "Emergency" wird mit Arbeiten von über 60 Künstlern nach acht weltweiten Stationen im Halk Egitim Merkezi, kurz KAHEM, einem republikanischen Kulturzentrum, präsentiert. Auf der Suche nach der Ausstellung wird man, angekommen, nach unten verwiesen, vorbei an der Kantine mit einnehmendem Atatürk-Portrait und Kaffeegeruch, weiter in das unterste Kellergeschoß. Mit jedem Stockwerk werden die Räume kleiner und schmäler, die Decke drückt. Die Luft ist stickig, die Mauern sind feucht. Hier vermutet man keine Ausstellung. Neonlicht taucht den engen Gang in eine atmosphärische Eprouvette. Das großformatige Foto an der Wand zeigt eine Muslima mit der Aufschrift: "Je veux un mot vide que je puisse remplir – Ich möchte ein leeres Wort, das ich füllen kann".

Die Gewalt ist nicht beendet: "Der einzige Unterschied ist, dass die Menschen wieder auftauchen"

Die Installation befindet sich in einem Hamam, der erst vor wenigen Jahren in dem Gebäude aus den 30er Jahren eingerichtet, aber schon bald wieder vergessen wurde. Das ist "Emergency". Der Gang führt zu einem winzigen Raum mit Lichtschacht aus Glasfliesen, die Schatten der vorübereilenden Besucher von der Raumdecke auf die Installation werfen. Das ganze Szenario wirkt beengend. Einer am Boden liegenden Puppe fehlen die Beine, der Rumpf ist – wie die Extremitäten – mit Gaze quasi balsamiert. Am zentralen Hamam-Stein und in den Duschnischen sind Videos, Skizzen, Notizen und Portraits von Kriegsopfern und/oder Vermissten installiert. Viele sind einfach an die Wand geheftet. Ein Duplikat jeder Arbeit wird nach Grozsny, Schauplatz der Auseinandersetzung mit dem globalen Thema Krieg, gesendet. Engagierte Videos und Stills zeigen Frauen mit Fotos von vermissten Männern oder Nahestehenden aus Kriegsgebieten. Zeitungsartikel und Cartoons illustrieren wechselnd arabische oder amerikanische Feindbilder. Die originäre Ausstellung in Grozsny, 2005, wird dokumentiert. Der Kreml verkündet, der Krieg in Tschetschenien sei vorbei, am Wiederaufbau werde gearbeitet. Natalia Jestemirowa, Mitarbeiterin der Bürgerrechtsgruppe "Memorial", betont in einem Gespräch, dass die Gewalt nicht aufgehört hat: "Wir erfahren ständig von Folterungen und neuen Verschleppungen. Der einzige Unterschied ist, dass die Menschen wieder auftauchen".

Manon Loizeaus Video "Chronique d´une disparition - Chronik des Verschwindens" ist besonders berührend: Die französische Reporterin zeigt die landesweit einzige Geburtsstation in Grozsny und Bedingungen der Frauen, Kinder zur Welt zu bringen, in Räumen, in denen Sauerstoffflaschen im Entbindungsraum deponiert sind und bei Angriffen jederzeit explodieren können. Haissa, Leiterin der Geburtsklinik, meint: "Es ist ein ständiger Kampf ums Leben. Alles kann passieren." Wasser wird am Herd erhitzt, Frauen gebären auch auf den engen Gängen. Die Station ist überfüllt. Russische Wachposten kontrollieren jeden Zugang. Werdende Mütter dürfen nachts nicht aufgenommen werden, Väter haben keinen Zutritt. Die Geburtsklinik ist ein geheimer, geschützter Ort des Widerstands. Sie sichert den Fortbestand der tschetschenischen Bevölkerung, von einer Million auf 500.000 Einwohner dezimiert. Geburten sind wichtiger als anderswo, die Station spiegelt den Kampf ums nackte Leben wider. Viele erreichen das 20. Lebensjahr nicht, unzählige Frauen sind krank. Sie leiden an akuten Mangelerscheinungen, viele sterben bei der Entbindung. Die Zahl der Fehl-, Frühgeburten und Missbildungen sowie Erkrankungen der Atemwege ist überdurchschnittlich hoch: Einer von zehn Säuglingen stirbt noch vor dem ersten Lebensjahr. Dennoch wünschen sich viele Frauen bis zu fünf Kinder – auch mehr, selbst wenn die Zukunft schlicht nicht vorstellbar ist.

"Anfangs wussten wir nichts über den Hamam im Keller"

Evelyne Jouanno hat "Emergency" 2005 in Grozsny initiiert. Jede Station hat einen lokalen Kurator. Diese Netzwerke werden über das Gesamtprojekt zusammengeführt. "Emergency" zeigt Tschetschenien als globales Problem. "Die Situation ist ähnlich wie im Kosovo oder Irak. Es grenzt an ein Wunder, diese Kriege zu überleben. Die Gewalt wurde beobachtet oder vielleicht auch ignoriert", so Kuratorin Ceren Erdem. Loizeaus Video ist Anna Politkovskaja gewidmet: Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin wurde am 7. Oktober 2006 vor ihrem Moskauer Wohnhaus erschossen, die Tat ist bislang nicht aufgeklärt. Rund ein Dutzend Verdächtige befinden sich derzeit in Haft. Europa ist schlecht über Tschetschenien informiert. Wie viele Tote gibt es? Was ändert sich mit der Machtübernahme Ramsan Kadyrows? Das ist in der Türkei anders: "Vielleicht, weil Tschetschenien so nahe ist. Es wurde darüber berichtet, wenn auch nicht täglich und in den großen Schlagzeilen. Es gab viele Demonstrationen gegen diesen Krieg." Ausschnitte werden auch auf der Biennale in Venedig, im türkischen Pavillon, präsentiert. Loizeau arbeitete mit übermittelten oder gefundenen Fotos, auch über Internet. "Manons Fotos und Videos zeigen Vermisste", so Erdem. Die Reporterin hat die politische Situation Tag für Tag verfolgt.

Jede Arbeit wird dupliziert und zur Parallelausstellung in Groszny entsendet. Daher ist die Aufmerksamkeit für das Projekt laut Erdem besonders wichtig. Das Atatürk-Kulturzentrum KAHEM ist stark frequentiert und erreicht nicht nur Biennale-Publikum, sondern auch andere Zielgruppen: "Anfangs wussten wir nichts über den Hamam im Keller. Ich habe lange in diesem Stadtteil gewohnt und bin unzählige Male daran vorbei gegangen, meine Hochschule war in unmittelbarer Nähe. Ich dachte immer, es sei ein populärer, traditioneller Ort, für zeitgenössische Kunst nicht geeignet."

Räume werden sichtbar gemacht

Alleine die Suche erwies sich als spannend: Der Hamam wurde für die Biennale wieder entdeckt. Bewusstsein für moderne Architektur ist in der Türkei laut Erdem so gut wie nicht existent. Eine besondere Herausforderung war, auf die Grenzen dieses Raumes mit "neuen Ideen und Lösungen für die Biennale" zu reagieren. Die Sonderschau sollte nicht in Verbindung mit der Biennale im Antrepo in Kadaköy, Istanbul Modern oder Unkapani gezeigt werden, sondern einen anderen – offenen und kritischen – Beitrag ermöglichen. Binnen einer Woche wurden die Videoarbeiten installiert, Zeichnungen, Fotos und Notizen an den feuchten Wänden befestigt, die noch bis Anfang November in Istanbul zu sehen sind. (Doris Lippitsch aus Istanbul/derStandard.at, 26.10.2007)

>>> "Not only possible but also necessary: Optimism in the Age of Global War"

"Not only possible but also necessary: Optimism in the Age of Global War"

Der Biennale-Titel bezieht sich auf globalen Krieg, die politische Lage in der Türkei sowie neoliberale Ökonomie. Seit Tagen toben heftige Gefechte zwischen der Arbeiterpartei PKK und dem türkischen Militär. Grünes Licht für Militäreinsatz im Nordirak ist in Ankara erfolgt. Die USA, Türkei und der Irak wollen Anfang November in Istanbul auf Ministerebene beraten, wie Angriffe der kurdischen Rebellen gestoppt werden können. "Das ist der globale Krieg, von dem Biennale-Kurator Hou Hanru spricht – nicht nur Gewalttätigkeit an Kriegsschauplätzen", so die Kuratorin, die keine Befürworterin der Regierung ist. "Wir sprechen hier nicht von Revolution, sondern davon, Politik zu ändern. Man kann nicht erwarten, dass Menschen alles akzeptieren. Menschenrechte müssen respektiert, Gesetze geändert und verbessert werden. Für das Referendum gibt es kein Programm, keine Informationen, sondern nur vage Ideen oder Vermutungen." Die Möglichkeit, zu diskutieren und öffentlich eine Haltung einzunehmen, sei dadurch nicht gegeben. Erdem führt das darauf zurück, dass eine Opposition in der Türkei fehle: "Wir haben keine linke Partei. Es gibt kein kontroverses Gewicht, keine Alternative zur Regierung. Oft ändert nur Wirtschaft ein System, das funktioniert – oder eben nicht."

Noch vor dem Referendum am 21. Oktober warnte Oppositionschef Deniz Baykale im "Standard" vor einer möglichen Staatskrise. Die CHP wollte das Referendum verschieben. Der Passus einer möglichen Direktwahl des 11. Präsidenten war letztendlich für die regierende AKP problematisch: Die Formulierung wurde zu einem Zeitpunkt gewählt, als der Ausgang der Parlamentswahlen ungewiss war. Nach dem Wahlerfolg war das Referendum bereits festgelegt. Die Direktwahl des Präsidenten wurde bei geringer Wahlbeteiligung von 71 Prozent der Türken befürwortet. Die Amtszeit wurde von sieben auf fünf Jahre und die Legislaturperiode von fünf auf vier Jahre reduziert. Premier Recep Tayyip Erdogan forderte zudem die Änderung des Strafrechtsparagrafen 301, die "Beleidigung des Türkentums", der Zeitpunkt – vor oder nach der Verfassungsänderung – ist laut Botschafterin Heidemaria Gürer nicht bekannt.

Die Sonderschau fokussiert die geopolitische Situation der Türkei zwischen Mittlerem und Nahem Osten, ex-sowjetischen Ländern und Europa – einem Dazwischen. Dieser Prozess ist laut Erdem noch lange nicht beendet. Viele internationale Konzerne haben Fabriken in der Türkei. Die Arbeitskraft ist mittlerweile nicht mehr so billig wie in Zentralasien oder Afrika, die Situation ist in abgeschwächter Form aber dieselbe wie in diesen Entwicklungsländern. Auch diese Konflikte spiegeln sich in "Emergency" wider: "Die Modernisierung Europas ist beendet, Istanbul aber ist nach wie vor mit Stadtplanung und Verkehrsinfrastruktur beschäftigt. Möglichkeiten und Zweifel sind gleichermaßen groß. Hou Hanru sieht genau darin jenen Optimismus, der im Titel zum Tragen kommt." (Doris Lippitsch aus Istanbul/derStandard.at, 26.10.2007)

  • Emergency-Entrée: Je veux un mot vide que je puisse remplir
    foto: lippitsch

    Emergency-Entrée: Je veux un mot vide que je puisse remplir

  • Manon Loizeaus Video, Emergency-Sonderschau Biennale Istanbul 2007
    foto: lippitsch

    Manon Loizeaus Video, Emergency-Sonderschau Biennale Istanbul 2007

  • Kunstbiennale Istanbul im Antrepo, Kadaköy, 2007
    foto: lippitsch

    Kunstbiennale Istanbul im Antrepo, Kadaköy, 2007

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