"40 Geburten sind Pflicht"

30. Oktober 2007, 16:57
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Nur jede 17. Bewerberin erhält einen Platz für den Studiengang Hebammen am FH Campus Wien - Der Beruf erfordert spezielle persönliche Qualitäten

"Der Beruf der Hebamme setzt eine große persönliche Festigkeit voraus", erklärt Studiengangsleiterin Christine Kohlhofer vom FH Campus Wien und fasst damit die vielleicht wichtigste Vorraussetzung für diesen außergewöhnlichen Beruf zusammen: Die "persönliche Reife". Diese Reife, die beim Aufnahmegespräch getestet wird, habe jedoch nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun, betont Kohlhofer, schließlich würden bezüglich des Alters sehr gemischte Gruppen aufgenommen werden: Der diesjährige Jahrgang besteht aus Frauen zwischen 18 und 36 Jahren.

"436 Bewerberinnen für 26 Plätze"

Bevor die Bewerberinnen jedoch zum persönlichen Aufnahmegespräch eingeladen werden, müssen sie zuerst noch einen schriftlichen, so genannten psychometrischen Test bestehen. "436 Bewerberinnen haben in diesem Jahr die Prüfung gemacht, 100 waren zum Gespräch geladen und 26 Frauen sind schließlich genommen worden. Somit erhielt jede 17. Bewerberin in diesem Jahr einen Platz", so die Studiengangsleiterin zu den Zahlen. Aufgrund von Bedarfserhebungen beginnt nur alle drei Jahre eine neue Klasse mit dem Studium.

"Eigene Kinder keine Berufsvoraussetzung"

Zwei Studentinnen, die mit Herbst dieses Jahres ihre Ausbildung begonnen haben sind Christina Schuster-Weingartner und Katharina Fuchs. Sie sind beide 36 Jahre alt und haben jeweils drei Kinder. Das Alter und der soziale Hintergrund dieser zwei Studentinnen ist für diesen Beruf nicht ungewöhnlich, denn so Kohlhofer "es bewerben sich viele Frauen, die schon eigene Kinder haben". Dennoch sind eigene Kinder keine Vorraussetzung. Im Gegenteil: Frauen mit eigenen Kindern seien oft sehr festgelegt vom eigenen Erleben und gerade deshalb wären auch jüngere Studentinnen für eine gemischte Gruppe von Vorteil. Christina schätzt den "anderen Zugang" der jüngeren Kolleginnen.

Ab dem dritten Semester Kinder zur Welt bringen

Hat man es ins Studium geschafft, geht es ziemlich schnell mit der Praxis los. Kohlhofer erläutert: "Neben der Theorie beginnen die Studentinnen mit praktischen Übungen am Phantom Handstellungen und Griffe zu erlernen." Unter dem Begriff Phantom ist hier ein Plastikbaby und eine Nachbildung der weiblichen Anatomie zu verstehen. Im dritten Semester würden die Studentinnen bereits anfangen Kinder auf die Welt zu bringen, so die Studienprogrammleiterin. Und das nicht ohne Grund, denn "jede Studentin muss, um zu ihrer Abschlussprüfung antreten zu können, 40 Geburten selbstständig gemacht haben" erklärt die Expertin. Dank genügend Praktikumsplätzen komme jede Studentin bis zu ihrem Abschluss jedoch auf 50 bis 100 Geburten.

"Neues Leben in Empfang nehmen"

Eine, die es kaum erwarten kann "neues Leben in Empfang zu nehmen" ist Katharina. Bei der ehemaligen Volkschullehrerin entwickelte sich der Berufswunsch Hebamme konkret in der Zeit der Schwangerschaft und Geburt ihres ersten Sohnes. Auch wenn sie diese Thematik schon ihr Leben lang interessiert hat. "Wenn das Thema auf Schwangerschaft und Geburt kommt, dann vergisst du die Zeit", habe ihr Mann immer wieder gesagt, erzählt die Studentin lachend.

"Beruf hat viel mit Intuition zu tun"

Ihr zukünftiger Beruf habe ihrer Meinung nach viel mit Intuition zu tun, um sich auf die Bedürfnisse der Frau einlassen zu können. Aber auch der "wahnsinnig großen Verantwortung", die das Hebamme sein mit sich bringt, ist sich Fuchs bewusst, da man fähig sein müsse, die richtige Maßnahme zum richtigen Zeitpunkt zu setzen. Von ihrem Studium erhoffe sich Fuchs hierfür "das Rüstzeug und das medizinische Wissen", damit sie danach den Anforderungen des Berufes gewachsen ist.

Ethik ist Teil des Studiums

Auch ein so traditioneller Beruf wie der der Hebamme ist vor neuen Herausforderungen nicht gefeit, denn "die Geburt spiegelt gesellschaftliches Denken wieder" stellt Christina fest. Und auch Kohlhofer ist dieser Meinung, denn gerade durch die Pränataldiagnostik würden die Hebammen der Zukunft sehr gefordert werden. Um die werdenden Hebammen auf schwierige moralische Fragen und Entscheidungen vorzubereiten, werden im Rahmen des Studiums auch Ethik-Lehrveranstaltungen angeboten. (Sophie Leitner, derStandard.at, 28.10.2007)

  • "Handstellungen und Griffe werden am Phantom geübt."
    foto: imc fh krems

    "Handstellungen und Griffe werden am Phantom geübt."

  • Auch die Pflege nach der Geburt gehört zu den Aufgaben einer Hebamme.
    foto: imc fh krems

    Auch die Pflege nach der Geburt gehört zu den Aufgaben einer Hebamme.

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