Wer Gewalt verjuxt ...

24. Oktober 2007, 20:14
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Cormac McCarthys Roman "No Country for Old Men", verfilmt von den Gebrüdern Joel und Ethan Coen.

Ein vielversprechendes Unterfangen mit exzellenten Akteuren, aber etwas enttäuschendem Ergebnis.

"Texas Noir" - auf diesen knappen Nenner brachte ein Rezensent der New York Times jenen 2005 erschienenen Roman, in dem der US-Romancier Cormac McCarthy seinen ohnehin kargen, an William Faulkner gemahnenden Schreibstil weiter verknappte. Und, ja doch, definitiv zwei große amerikanische Genres - Western und Hardboiled Crime Fiction - mächtig und mit sichtbarer Freude am erzählerischen Holzschnitt ineinander verwob.

No Country for Old Men: In einem Texas der Gegenwart, das in dieser spröden Härte ohne weiteres auch in "naher Zukunft" verortet werden könnte, treffen einmal mehr Einzelgänger-Archetypen der amerikanischen Populärmythologie aufeinander: der stoische Sheriff, der einsame Jäger und, eigentlich auch sehr einsam, ein Serienkiller. Weitere nicht unwesentliche Rollen spielen ein Koffer mit zwei Millionen Dollar, Drogen und eine Landschaft, die in ihrer pittoresken Härte nur noch vom Slang der Protagonisten übertroffen wird.

Ein hervorragender Stoff für die Brüder Joel und Ethan Coen, möchte man meinen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die beiden Filmemacher und Autoren seit ihrem Debüt Blood Simple seit jeher ein Faible für heftig überzeichnete Gewalt, diverse amerikanische Dialekte und spärlich-effektive Dialoge an den Tag legen. Von Barton Fink über Fargo, The Big Lebowski, O Brother Where Art Thou? bis zum Man Who Wasn't There gestaltet sich das Werk der Coens zusehends als fortgesetzte Vermessung der USA, ihrer Mentalität(en) und bevorzugten Fiktionen.

Wenn nun in Texas ein weiterer, geradezu logischer Zwischenstopp eingelegt wird, dann ist jedoch das Resultat nicht ganz so begeisternd wie die oben genannten Filme. Dies liegt weniger an Schwächen des Drehbuchs, das der unzerstörbaren Romanvorlage immerhin einige coole Dialoge verdankt. Und ein Ensemble aus Charakterköpfen wie Tommy Lee Jones, Woody Harrelson, Javier Bardem sowie Josh Brolin ist natürlich auch immer erfreulich. Insgesamt leidet No Country for Old Men aber doch beträchtlich unter einem Hang zur bizarren Farce, der in vielen Coen-Filmen völlig zu Recht ausgelebt wird, hier aber, im alttestamentarischen Cormac-McCarthy-Country, einiges an Finsternis verschenkt.

McCarthys Witz, auch im Roman unüberlesbar: Er ist bestimmt von einer bärbeißigen, finsteren Lakonie. In der Verfilmung kippt das, getragen von einem kaugummiartigen Slang, aber immer wieder in den Bereich der Parodie: So, als wolle man den tatsächlich atemberaubend drastischen und bizarren Plot nicht recht ernst nehmen.

Das verringert aber die Fallhöhe, und letztlich ist es dann auf der Leinwand ziemlich egal, wer dann wem wie den blutigen Garaus macht. Schade um eine (amüsant) vergebene große Chance. (Claus Philipp / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.10.2007)

25. 10. Künstlerhaus 23.30
27. 10. Gartenbaukino 20.30
  • Josh Brolin im neuen Film der Brüder Joel und Ethan Coen, "No Country for Old Men", einer Adaption des gleichnamigen Romans von Cormac McCarthy.
    foto: universal

    Josh Brolin im neuen Film der Brüder Joel und Ethan Coen, "No Country for Old Men", einer Adaption des gleichnamigen Romans von Cormac McCarthy.

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