STANDARD-Interview: "Wir wollen Emotion, aber keine Wertung"

24. Oktober 2007, 18:47
1 Posting

Hans Walter Hütter, Chef des "Hauses der Geschichte der Bundesrepublik" in Bonn, über echte Objekte, Museumsdidaktik und den Leitgedanken seiner Institution

STANDARD: Die drei grauen Kunststoff-Hüte von Erich Honecker - sind die echt ?

Hütter: Die sind echt. Die gehörten zur Ausstattung des SED-Politbüros. Die hatten auch einheitliche Regenmäntel. Auch die Sitzgruppe aus Baumstämmen, auf denen Gorbatschow, Kohl und Genscher im Kaukasus die deutsche Vereinigung sozusagen fixierten, sind echt.

STANDARD: Diese Unzahl von Objekten - ist das der Kern des Hauses ?

Hütter: Unsere Aufgabe ist auch das Sammeln. Wir haben 450.000 Objekte, davon sind in den ständigen Ausstellungen in Bonn und Leipzig 7000 bzw. 3000. Natürlich sind nicht alles Originale. Aber wenn anhand der Exponate unter den Besuchern ein Gespräch entstehen kann, zwischen Kulturen und Generationen, dann reicht das in der Nacharbeit weit über den eigentlichen Besuch hinaus. Das ist das Wesentliche eines modernen Museums, dass der Besucher nicht rezeptiv hindurch schlendert, sondern zum aktiven Nutzer wird. Warum nicht auch mal Emotion wecken.

STANDARD: Zur Museums- Didaktik: Die Texte zu den Objekten sind äußerst knapp.

Hütter: Für uns sind die Objekte, auch die Ton-und Filmdokumente, die Hauptträger. Allerdings müssen die Ausstellungsgegenstände kontextualisiert werden. Das Objekt muss in einen Gesamtzusammenhang eingebettet sein. Selbst wenn ein Objekt wie der VW-Käfer erkannt wird, was soll es aussagen? Der Käfer kann für wachsende Mobilität oder für das Wirtschaftswunder stehen.

STANDARD: Die Führung der Ausstellung ist aufsteigend. Von den Trümmern 1945 bis zur Wiedervereinigung. Absicht ?

Hütter: Das ist eine reine Architekturidee gewesen, die wir schon angetroffen haben. Aber gleichwohl ist das Bild stimmig.

STANDARD: Wie ist die Abgrenzung zum Deutschen Historischen Museum in Berlin ?

Hütter: Wir beschäftigen uns mit der deutschen Geschichte seit 1945, das DHM mit den letzten beiden Jahrtausenden. Im Rahmen dieses chronologischen Durchganges seit dem Sieg der Germanen über die Römer im Teutoburger Wald stellt die Geschichte seit 1945 einen kleinen Teil dar, bei uns ist es die zentrale Zeitachse. Die Objekte in unserer Ausstellung sind stärker in Szene gesetzt, als das in Berlin der Fall ist. Es ist doch spannend, dass man zwei Bundesmuseen erleben kann, die durchaus unterschiedliche Stile pflegen.

STANDARD: Bei der Ausstellung werden Wertungen sehr sparsam eingesetzt.

Hütter: Wir wollen ganz bewusst keine Wertung vorgeben, sondern Informationen geben, dass der Besucher sich sein Bild machen kann, wir bieten die Materialien auch zu gegensätzlichen Meinungen an. Das ist unsere wesentliche Funktion: zur eigenen Meinungsbildung anzuregen.

STANDARD: Die Frage nach der deutschen Identität wird hier so nicht gestellt.

Hütter: Das ist nicht die Leitfrage hier in Bonn. Die Virulenz der Frage hat sich nach der Wiedervereinigung etwas gelegt. Die Dauerausstellung wurde nicht errichtet, um Identität zu schaffen.

STANDARD: Was würden Sie gern in einem Haus der Geschichte der Republik Österreich sehen?

Hütter: Ich kann mich auf die Empfehlung des Europarates berufen: Den Mitgliedsstaaten wird dort empfohlen, Museen nach dem Vorbild des Hauses der Geschichte in Bonn zu errichten. Aber grundsätzlich: Es sollte ein Kommunikationsort sein, besucherorientiert angelegt und erlebnisorientiert. Dahin gibt es viele Wege. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 10. 2007)

  • Der "Käfer" in Aufwärtsfahrt symbolisiert im Bonner "Haus der Geschichte der Bundesrepublik" den wirtschaftlichen Wiederaufstieg.
    foto: hdg

    Der "Käfer" in Aufwärtsfahrt symbolisiert im Bonner "Haus der Geschichte der Bundesrepublik" den wirtschaftlichen Wiederaufstieg.

Share if you care.