Günstlingswirtschaft

24. Oktober 2007, 19:00
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Bevor K. mich auffliegen lässt, gestehe ich lieber selbst: Ich habe eine Anzeige planieren lassen

Es war vor vielen Jahren. Aber jetzt möchte ich mich stellen. Weil K. keine Ausnahmen machen wird. Erstens wegen der Gerechtigkeit. Zweitens wegen des Prinzips. Und drittens weil er ja sich selbst unglaubwürdig machen würde, wenn er – der große Aufdecker der Freundschaftsdienste der Exekutive für Privilegierte – jemanden aussparen würde, nur weil er mit ihm jahrelang im selben Zimmer gesessen hat.

K. war bei mir im Fernsehen zu Gast. Als wir uns danach in der Garderobe die Schminke aus den Gesichtern wischten und wieder per Du sein konnten, referierte er minutiös über kleine Gefälligkeiten, die Menschen, die es eigentlich nicht nötig haben sollten, wegen ein paar Euro jammern zu gehen, sich erbeten hätten: Unternehmer, Künstler, Fußballer, Politiker, Funktionäre, Journalisten – kaum ein Name der da fiel, war nicht mindestens zwei Dritteln der im Raum Befindlichen geläufig. Und meist ging es um banale Kleinigkeiten.

Vergönnt

Natürlich grinsten alle. Schließlich, sahen wir angesichts der Namenslist, träfe es ja niemanden, der ein bisserl Gezaustwerden nicht verdiene. Oder dem wir es nicht gönnen würden. Und natürlich ging es uns da nur um Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz – nicht um Neid. Ganz bestimmt nicht.

Irgendwann fiel dann bei mir der Groschen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis K. in seinen minutiösen Recherchen auch auf meinen Namen stoßen würde. Obwohl ich nie Mitglied irgendeines Vereins gewesen war. Und bevor K. mich da öffentlich an den Pranger stellen konnte, wollte ich lieber die Flucht nach vorne antreten. Daher: Ich gestehe – ich habe einmal ein Strafmandat weginterveniert. Erfolgreich – und zu Unrecht.

Nobody

Ich war damals 20 Jahre alt. Vielleicht auch 21. In Clubs scheiterte ich damals noch regelmäßig an der Gesichtskontrolle. ViP-Listen kannte ich nicht einmal aus der Ferne. Aber meine Freundin hatte ein Auto – und das stellte sie vor dem Haus ab. In einer Ladezone. Und weil ein paar Tage zuvor irgendjemand die Halteverbotstafel umgefahren hatte, stand da nun ein mobiles Verkehrszeichen.

Als Herzdame wutschnaubend mit dem Strafmandat vor mir stand, forderte sie: "Mach was!" Ich rief den Bezirksvorsteher an. Den kannte ich auch nur von einmal Händeschütteln im Wahlkampf – aber auf dem Kugelschreiber war seine Nummer gestanden. Mit der Aufforderung, ihn bei Problemen formlos zu kontaktieren.

Lüge

Ich log. Dass das Halteverbotsschild über Nacht gewandert sei. Entweder, weil jemand anders vor uns die Ladezone rechtswidrig verkleinert habe – oder dass der Betrieb sie bösartig vergrößert hätte. In jedem Fall sei meine Freundin schuldlos. Der Bezirksvorsteher hörte zu und sagte dann, er werde mal schauen. Versprechen könne er nix – aber er sei heute eh im zuständigen Kommissariat. Und als meine Freundin einen Tag später zum Nachfragen dort anmarschierte, hieß es: "Das ist erledigt – der Bezirksvorsteher hat sich persönlich drum gekümmert. Gratuliere."

Nachdem ich vor K. und den Kollegen gestanden hatte, war mir besser. Der Aufdecker sah mich streng an: Ob das wirklich alles sei? fragte sein Blick. Fast hätte ich noch "Gott ist mein Zeuge, nach bestem Wissen und Gewissen" geflüstert. Als ich dann mit dem Rad heimfuhr, hielt mich ein Polizist auf. Zu Recht: Ich war zwar bei Null Verkehr, aber eben doch bei rot rechts abgebogen. Er kenne mich, sagte der Beamte. Und seufzte dann: Genau das sei jetzt nämlich ein Problem.

Weil, setzte er fort, er es nämlich sonst mit einer strengen Abmahnung auf sich beruhen gelassen hätte. Aber weil es schon auch und gerade derzeit darum gehe, jeden Anschein zu Vermeiden, dass manche Tiere vor den Augen des Gesetzes gleicher seine, käme ich um ein Organmandat nicht herum. Ich tat so, als hätte ich dafür vollstes Verständnis. Und beschloss, K. nicht mehr zu mögen.(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 25.9.2007)

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