Mobilkom will Handys Öko-Image verpassen

25. Oktober 2007, 08:55
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Neue Telekom-Dienste sollen Europa laut WWF 50 Mio. Tonnen CO2 ersparen - Andere warnen: Ein Second Life-Bewohner braucht so viel Strom wie ein Brasilianer

Nach Landwirtschaft, Handel, Energiewirtschaft und Autoindustrie will jetzt auch die IT und Telekommunikation mit einem umweltfreundlichen Image punkten. Für eine nicht weiter genannte Rekordgage hat Österreichs größter Mobilfunker Mobilkom Austria am Mittwoch den früheren US-Vizepräsidenten und Umweltaktivisten Al Gore zu einem Blitzbesuch nach Wien gebracht. Kolportiert wird eine Gage für den einstündigen Auftritt von knapp 200.000 Euro.

Lösungen gegen den Klimawandel

Gore, der für seine Klima-Initiativen vor zwei Wochen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, sitzt auch im Aufsichtsrat des Computerherstellers Apple und zählte zu Beginn der 90er Jahre zu den prominentesten Befürwortern einer schnellen weltweiten Verbreitung des Internet. Bei seinem Auftritt beim "mobile.futuretalk 07" der Mobilkom wird sich Gore nicht nur mit dem Klimawandel beschäftigen, sondern vor allem auch mit der Frage, wie neue Technologien - Video-Konferenzen, Online-Rechnungen oder mobile Kommunikation - Lösungen gegen den Klimawandel bieten können, weil die Menschen dann weniger reisen oder Autofahren müssen, so die Theorie.

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"Gerade die Telekommunikationsbranche kann mit ihren Services einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Verringerung des CO2-Aufkommens leisten", erklärte der Gastgeber, Mobilkom- und Telekom Austria-Chef Boris Nemsic. Die Mobilkom hat vor dem Besuch Gores gleich eine ganzen Reihe von Studien veröffentlicht, die diese These bestätigen sollen.

Einer vom WWF gemeinsam mit dem EU-Verband der Telekombetreiber ETNO erstellten Studie zufolge birgt der Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) alleine Europa bis 2010 ein jährliches Einsparungspotenzial von CO2-Emissionen in Höhe von 50 Mio. Tonnen. Videokonferenzen könnten zwischen 5 bis 30 Prozent der Geschäftsreisen einsparen, das brächte eine CO2-Reduktion von 5,6 bis 33,5 Mio. Tonnen. 10 Millionen Kunden, die von Papier auf eine Online-Rechnung umsteigen, brächten eine Einsparungen von 10.000 Tonnen CO2 und 10 Millionen Flexi-Workers, die ein bis zwei Tage von zu Hause aus arbeiten, würden eine Reduktion von 11 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr bringen, heißt es.

Teleworking

Schon durch einen Tag Teleworking pro Woche könne ein einzelner Pendler bei einem Arbeitsweg von 20 Kilometern 295 Kilogramm CO2 im Jahr einsparen, errechnete auch der Verkehrsclub Österreich (VCÖ), bei einem Arbeitsweg von 71 Kilometer seien es schon knapp 1.200 Kilo CO2, die wegfallen würden. Zwischen zwei und 3,5 Tonnen CO2 entstünden bei Dienstreisen nach Nordamerika, eine Geschäftsreise nach Australien verursache sogar Emissionen von mehr als 5 Tonnen pro Person. Alle österreichischen Geschäftsreisen zusammen würden im Jahr Emissionen von rund 750.000 Tonnen CO2 produzieren, so der VCÖ.

Mit einer bei Market in Auftrag gegebenen Umfrage unter 33 österreichischen Firmenchefs will die Mobilkom außerdem belegt haben, dass bereits jetzt ein Drittel der Topmanager überzeugt ist, dank der mobilen Kommunikationsmöglichkeiten weniger Dienstreisen zu unternehmen als noch vor einigen Jahren - auch wenn über 80 Prozent von ihnen Videokonferenzen derzeit noch selten bis nie nützen und für rund ein Drittel E-Mail am Handy und Datenkarten noch kein Thema ist, so die Umfrage.

"Es wird heiß - Technik für den Klimaschutz"

Auf den Öko-Zug sind auch schon andere IT-Unternehmen aufgesprungen. Siemens titelt die Aktuelle Ausgabe seines Firmenmagazins mit "Es wird heiß - Technik für den Klimaschutz" und will unter anderem seine gesamte Schnurlostelefon- und WLAN-Modem-Palette auf "ökologisch" - sprich vor allem energiesparend - umstellen. Auch die Netzwerkfirma Cisco preist ihre Videokonferenzsysteme mit dem Argument an, die eingesparten Reisen reduzierten die CO2-Emissionen ihrer Kunden um 10 Prozent. Und Intel liefert sich mit AMD ein Wettrennen um die besten Ökoprozessoren.

Ganz unwidersprochen bleibt diese Euphorie aber nicht. "Die Klimadebatte ist voll von Heilsversprechen, die auf den ersten Blick überzeugend sind", sagt Bernhard Obermayr von Greenpeace Zentral- und Osteuropa unter Verweis auf das Beispiel Bio-Sprit, dessen Produktion aus Sicht der Umweltorganisation mehr CO2 verbraucht als einspart. "Auch beim Internet scheint dieser zweite Blick ernüchternd zu sein", so Obermayr.

Die "New York Times" hat kürzlich errechnet, dass schon eine einzelne Suchanfrage bei Google so viel Strom wie eine Energiesparlampe in einer Stunde verbraucht. Und auch der Autor Nicholas Carr, ein bekannter Blogger, hat laut der deutschen "Zeit" einmal die Energiebilanz der Avatare im Internetspiel Second Life aufgestellt, wonach jeder dieser virtuellen Menschen so viel Strom wie ein echter Durchschnitts-Brasilianer verbraucht - laut Nemsic allerdings vernachlässigbar: "Die weltweite IKT-Branche verursacht heute 2 Prozent der globalen CO2-Emissionen", so sein Argument.(APA)

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