Digitale Gedächtnisübung

23. Oktober 2007, 20:35
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Werden künftige Generationen das heute produzierte elektronische Erbe noch entschlüsseln können?

Archive und Bibliotheken arbeiten zusammen mit Wissenschaftern an Strategien, um kurzlebige Multimedia-Formate und digitales Kulturgut langfristig zu archivieren.

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Wir blenden ins Jahr 2087: Das Enkerl findet beim Stöbern am Dachboden eine Schachtel mit der Aufschrift "Fotos". Darin haben Oma und Opa ihre CD-ROMs verstaut, die sie mit den Bildern ihrer ersten Digitalkamera gefüttert haben. Auf die Aufregung folgt die Ernüchterung: Die Foto-Files lassen sich mit den aktuellen Programmen nicht öffnen – sofern es überhaupt noch ein kompatibles Laufwerk gibt. Noch wahrscheinlicher ist, dass die selbstgebrannten Scheiben längst der Oxidation zum Opfer gefallen ist.

Um die Problematik vom Verpuffen des digitalen Erbes zu illustrieren, reicht auch ein Blick in die jüngste Vergangenheit: Schon jetzt ist es fast unmöglich, ein Floppy-Disk-Laufwerk zu finden, um erst wenige Jahre alte Daten abzurufen, und selbst dann wird es schwierig, sie in ein anderes Format zu transformieren. Gar nicht zu sprechen von Super-8-Filmen oder Daten auf einem Atari-Computer. Oder von Minidiscs, die nach kürzester Zeit der digitalen Versenkung anheimgefallen sind. Oder den rasant wechselnden Videoformaten.

Datenfriedhof

Was für Privatpersonen eine mittlere Krise bedeuten kann, ist für Unternehmen, wissenschaftliche Einrichtungen, Bibliotheken, Archive, und Museen eine Katastrophe. Gefeit vor dem digitalen "Gedächtnisverlust" ist niemand: Die Nasa, die bereits seit 1966 das älteste digitale Archiv betreibt, stellte Mitte der 1990er-Jahre fest, dass mehr als 1,2 Millionen Magnetbänder mit Daten aus dreißig Jahren Raumfahrt, speziell der frühen Mondmissionen und der Pioniersonden, nicht mehr lesbar sind. Nicht nur zerstörten schlechte Lagerbedingungen viele Bänder, es waren schlicht keine Magnetbandgeräte mit entsprechend niedriger Schreibdichte vorhanden.

Fest steht: Während Keilschriften als Tontafeln mehrere tausend Jahre erhalten geblieben sind und Bücher immerhin mehrere Jahrhunderte überdauern, sind digitale Datenträger immer kurzlebiger. Um nicht darauf angewiesen zu sein, einen Friedhof von nicht mehr aktueller Hard- und Software zu pflegen, müssen die Daten rechtzeitig in aktuelle Formate übergeführt werden, und zwar regelmäßig, darin sind sich EU, Unesco, und Regierungen einig.

"Man muss damit rechnen, die Daten alle fünf Jahre in ein neues Format zu migrieren. Oder man versucht mittels Emulation, die alten Systemumgebungen zu reproduzieren", erklärt Ross King, operativer Leiter des Studios Digital Memory Engineering der Research Studios Austria, die zwei Ansätze, welche die Forschung zur digitalen Langzeitarchivierung verfolgt.

Automatisierte Archive

Im Rahmen des EU-Programms Planets (Preservation and Long-term Access through Networked Services) arbeiten die Research Studios derzeit an Software-Tools, um die Verwaltung, Migration und Archivierung der exponentiell ansteigenden Datenmengen zu automatisieren – und einheitliche Standards auszuarbeiten. "Die Präservierung muss gleich bei der Erzeugung der Daten integriert werden, sonst können wir den Verlust digitaler Daten nicht aufholen", warnt King, der schätzt, dass in Europa jährlich mindestens zwei Millionen wertvolle Dokumente im Wert von sechs Mio. Euro verlorengehen. Wobei weitgehend ungeklärt ist, was in der digitalen Welt archivierungswürdig ist.

An ambitionieren Vorhaben fehlt es nicht: Ab 2008 wird die Österreichische Nationalbibliothek, die bereits große Summen in die Digitalisierung ihrer Bestände investiert hat, zweimal jährlich die Inhalte aller Websites, die eine ".at"-Domain haben, mittels eines "Crawlers" automatisch speichern, um die virtuelle Alltagskultur Österreichs für künftige Generationen festzuhalten. Quasi als Gegenprojekt zu den Digitalisierungsvorhaben von Büchern von Google und Microsoft versucht die EU mit der "European Digital Library" digitales Kulturgut länderübergreifend im Internet verfügbar zu machen. Vergangene Woche haben Unesco und der US-Kongress beschlossen, in einer "digitalen Weltbibliothek" Handschriften, Karten, Dokumente, Bücher, Partituren, Fotos und Filme kostenlos ins Web zu stellen.

Die Bewahrung audiovisueller Inhalte steht im Gegensatz zu Texten noch am Anfang – worauf am 27. Oktober erstmals der World Day for Audiovisual Heritage der Unesco aufmerksam machen will. Gerade die verlustfreie, unkomprimierte Digitalisierung von Videoaufnahmen ist aufgrund des enormen Speicherplatzbedarfs noch sehr aufwändig und kostenintensiv. "Durch die datenreduzierte Abspeicherung gehen viele Informationen verloren, die für die künftige Kulturwissenschaften von Bedeutung sein könnten", weiß Dietrich Schüller, als Direktor der Phonogrammarchivs Hüter über 9000 Stunden Audio- und Videomaterials.

Den Archivaren droht die Zeit davonzulaufen, um die Datenarchäologen der Zukunft nicht zu enttäuschen: Mehr als 90 Prozent der Gegenwart sind digital auf magnetischen Datenträgern abgespeichert, der Berg an Informationen wächst jedes Jahr um 30 Prozent. Und jeder, der einmal einen fatalen Computerabsturz hatte, weiß, was digitale Amnesie bedeutet. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2007)

  • Analoges Kulturgut digitalisieren: Die Sorgen enden damit nicht. Der dauerhafte Bestand der digitalisierten Datei muss gesichert werden.
    illustration: der standard/fatih

    Analoges Kulturgut digitalisieren: Die Sorgen enden damit nicht. Der dauerhafte Bestand der digitalisierten Datei muss gesichert werden.

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