Rauschende Feste, rituelle Morde

26. Oktober 2007, 17:31
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"¡Viva la Muerte!" in der Kunsthalle Wien

Wien – Wir gedenken zu Allerheiligen all jenen, von denen außer Gott niemand weiß, dass sie heilig sind (und wir selbst vielleicht, dass sie es sicher zu Lebzeiten nicht waren). Jedenfalls wird traditionell viel geschwiegen am 1.November auf den Friedhöfen hierzulande. Einzig die Pelzmode kommt bisweilen auch laut zu Wort.

Ganz anders in Südamerika. Dort werden die Toten rauschend gefeiert. Der Día de los Muertos (Tag der Toten) ist einer der wichtigsten mexikanischen Feiertage: Die Vorbereitungszeit beginnt Mitte Oktober, gefeiert wird in den Tagen vom 31. Oktober bis zum 2. November, denn da kommen die Seelen kurz zurück, und dafür werden die Friedhöfe grellbunt ausstaffiert, werden Skelette und Totenschädel in Zucker und Schokolade gegossen, gilt Totenbrot als Leckerei, getanzt wird, gesungen und ausgiebig getrunken.

So etwas kann natürlich an der bildenden Kunst auch nicht spurlos vorbeigehen. Dem Verhältnis der Lateinamerikaner zum Tod wird eben in der Kunsthalle Wien nachgegangen: Die Totenkulte, die Ritualmorde der Drogenkartelle, die Bestialität diverser Diktatoren, die Foltermethoden der Militärs, alles erscheint verdichtet in einem Theater der Grausamkeit.

Octavio Paz wurden die Klammern zur von Gerald Matt und Thomas Mießgang kuratierten Schau entlehnt: "Unser Totenkult ist ein Lebenskult, wie die lebenshungrige Liebe Sehnsucht nach dem Tod ist." Und: "Für die Nordamerikaner scheint die Welt etwas zu sein, das man vervollkommnen kann, für uns aber ist sie etwas, das man erlösen kann."

Blutige Fußspuren

In ¡Viva la Muerte! finden sich etwa die Boulevard-Fotografien von Unfällen, Morden und Katastrophen des Mexikaners Enrique Metinides genauso wie der höhnisch grinsende Clown Skull des Brasilianers Vik Muniz oder die Performances der Exil-Kubanerin Ana Mendieta, die rituelle Praktiken aus Mexiko und Kuba mit den Ansätzen westlicher Avantgarden verknüpft. Der Mexikaner Ivan Edeza zeigt ein kaum bearbeitetes Snuff-Video, in dem Männer zu sehen sind, die aus einem Helikopter heraus Indios erschießen. Regina José Galindo markiert den Weg zum Präsidentenpalast in Guatemala City mit blutigen Fußspuren.

"Das Leichenschauhaus ist der Ort, der mich ermutigt, die verstörenden Bilder und die verrückte Irrealität, die ich jeden Tag sehen kann, künstlerisch zu bearbeiten," sagt Teresa Margolles. "Es gibt mir auch die Kraft, die Rolle einer Mediatorin in Bezug auf die Gesellschaft einzunehmen. Die Machtlosigkeit und Bitterkeit, die ich mit den Familien der Opfer teile, findet in der Kunst ein Ventil und verwandelt sich in Zementblöcke, Luft und Seifenblasen."

Das Wasser, um die Bubbles zu blasen und den Zement anzurühren, ist Brauchwasser aus den Leichenhäusern. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 24.10.2007)

  • Regina José Galindo markiert den Weg zum Präsidentenpalast in Guatemala City mit Blutspuren.
    foto: kunsthalle wien

    Regina José Galindo markiert den Weg zum Präsidentenpalast in Guatemala City mit Blutspuren.

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