Geistesblitz: Arbeitsplatz Ausgrabung

23. Oktober 2007, 20:21
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Der Anthropologe Bence Viola sucht nach Hominiden - Sein Spezialgebiet ist der Übergang vom vormodernen zum modernen

Der deutsche Paläoanthropologe Friedemann Schrenk fand 1991 in Malawi einen Jahrmillionen alten Unterkiefer, von dem ein Viertel einer Zahnkrone fehlte. Im Jahr darauf schickte er drei Studenten auf die Suche, die binnen acht Wochen 90 Tonnen Sediment siebten, um am letzten Tag das diagnostisch wichtige Teil zu finden: "Leute, die so etwas tun, müssen fasziniert und motiviert sein", so Bence Viola, der im Berufsbild Forscher mit Arbeitsplatz Ausgrabung seine Interessen vereint sieht. Zwölf Jahre gräbt der Forschungsassistent vom Institut für Anthropologie der Uni Wien nun selbst: In Äthiopien (mit zwei der erwähnten Eifrigen), Ungarn, Sibirien, Usbekistan, vier Stellen in Frankreich und rund 15 in Österreich. Sein Spezialgebiet in der Evolution ist der Übergang vom vormodernen zum modernen Menschen.

Für seine Dissertation arbeitet er gerade Funde von Hominiden aus Usbekistan und Sibirien auf, wo eine mögliche Migrationsroute des modernen Menschen verlief. Aus Afrika, so die Hypothese, gelangte der moderne Mensch nach China und Australien. Auch wenn es manche Forscher nicht wahrhaben wollen: "Wir haben DNA-Spuren und morphologische Hinweise, dass es vormoderne Menschen in der Gegend gab", so der gebürtige Budapester. Bis er seine Diskussionsbeiträge publizieren kann, wird es aus drei Gründen noch dauern: Er arbeitet in vielen Projekten parallel, lehrt reichlich und ist extrem neugierig: "Wenn ich aber weiß was los war, bin ich zufrieden und habe wenig Bedürfnis das allen mitzuteilen."

Die genaue Datierung von Proben kostet zudem viel Zeit, Geld und Nerven. Dass die Motivation dennoch oft gelingt, zeigt seine beachtliche Publikationsliste. Den vergangenen Sommer verbrachte Viola wieder in Willendorf, wo die berühmte Venus vor hundert Jahren geborgen wurde. Im südlichen Niederösterreich liegt eine Schlüsselstelle für das Auftauchen des modernen Menschen in Europa. Das Jubiläum wird 2008 gigantisch gefeiert. Mittel für Grabungen muss das Team aber seit Jahren "zusammenschnorren".

Adrenalinspiegel

Die Australopithecus-Dame Lucy ging bereits durch seine Hände, aber nichts schlägt den Adrenalinspiegel beim Aufspüren eines "eigenen" Fossils. Sein bedeutendster Fund bisher: ein mehr als vier Millionen alter Oberschenkelknochen. Er erinnert sich, dass seine Kollegen glaubten, eine Schlange habe ihn gebissen, "weil ich schrie und herumsprang".

Seinen Schreibtisch bedecken – wie im Klischee – Schädelknochen, die er für Vergleiche mit Funden aus Äthiopien braucht. Sein Mitbewohner "Pinocchio", hat inzwischen am Institut ein Zuhause gefunden. In seinen Anfangsjahren bekam Bence Viola das Skelett zur Bearbeitung und lagerte es mangels Stauraums unter dem Bett: "Mit so jungen Dingern gebe ich mich heute gar nicht mehr ab. Pinocchio lebte 2000 vor Christus", sagt der Dreißigjährige. Als Grabungsleiter empfindet er eine Runde Schaufeln und Scheibtruhefahren stets als sehr meditativ. "Wenn man etwas ausgräbt, zerstört man es unweigerlich", so der Steinzeitforscher.

Seine Aufgabe besteht also auch im zeitlichen Einordnen, Vermessen und Dokumentieren der Objekte in ihrem Kontext, weil dieser ganz viel verrät. Nach der Arbeit interessiert ihn weniger die Entwicklung der Menschheit als die seines fünf Monate alten Sohnes. Außerdem kocht Viola gerne und liest viel – egal ob auf Grabung oder zuhause. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2007)

  • Bence Viola beschäftigt sich mit Hominiden aus Usbekistan und Sibirien.
    foto: der standard/privat

    Bence Viola beschäftigt sich mit Hominiden aus Usbekistan und Sibirien.

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