Nachhaltigkeit ganz oben

23. Oktober 2007, 20:15
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Der Klimawandel im Alpenraum war Thema einer Konferenz in Innsbruck - Eine der diskutierten Strategien: Anreize für Touristen, nicht mit dem Auto anzureisen

Diskutiert wurden dabei auch Strategien, die die globale Erwärmung verlangsamen könnten: Niedrigenergiehäuser in Höhenlagen und Anreize für Touristen, nicht mit dem Auto anzureisen.

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"Auch Tina Turner kann den Schnee nicht ersetzen", meint Hans Elsasser. Denn Winterurlauber kommen zum Skifahren, so der Geograf von der Uni Zürich. Doch von der weißen Pracht gibt es immer weniger, denn der Klimawandel wird den heute noch "natürlich schneesicheren Skigebieten" künftig zusetzen, insbesondere in niedrigen Lagen. Da hilft auf Dauer auch kein Après-Ski-Programm mit Popstars. Dennoch, so beruhigte Elsasser auf der Konferenz "Managing Alpine Future" vergangene Woche in Innsbruck, gebe es "kein generelles Bedrohungsszenario" des Wintertourismus in den Alpen – obwohl bei einer Erwärmung von zwei Grad nur noch 61 Prozent der heutigen Alpen-Skigebiete schneesicher wären. Laut einer OECD-Untersuchung soll es im Jahr 2100 in der Steiermark und in Oberösterreich sogar keine schneesicheren Skigebiete mehr geben.

Der Druck auf die Tourismusindustrie steigt – schließlich fordern viele Gäste nach wie vor eine Schnee-Garantie während der schönsten – und oft auch teuersten – Wochen im Jahr. Kunstschnee erlaubt in jenen Regionen, die sich den kostspieligen Betrieb von Schneekanonen leisten können, vermutlich auch in den kommenden Jahrzehnten noch ausgedehnte Saisonen. "Bei der Anpassung an den Klimawandel stehen die technischen Maßnahmen im Zentrum", sagte Elsasser. Allerdings mangelt es an strategischen Maßnahmen zur Förderung des Sommertourismus oder spezieller Verkehrskonzepte. Nach wie vor reist das Gros der Skitouristen mit dem Auto und kurbelt damit die Schneeschmelze weiter an. Hans Elsasser: "Was der Tourismus selbst tun kann, um die Klimaerwärmung zu verlangsamen, wird kaum diskutiert."

Dabei ließe sich das Treibhausgas CO2 in keinem anderen Bereich so einfach einsparen wie durch eine den alpinen Verhältnissen angepasste Architektur, argumentierten Forscher von Climalp, einem Projekt der Internationalen Alpenschutzkommission (Cipra), auf der Konferenz zur Zukunft der Alpen, die vom Zentrum für Naturgefahrenmanagement alps, von der Akademie der Wissenschaften und von der Uni Linz veranstaltet wurde. In Passiv- bzw. Niedrigenergiehäusern aus regionalen Rohstoffen könne der Energieverbrauch um satte 70 bis 90 Prozent gedrosselt werden. Selbst in Vorarlberg, einem "Paradies für Passiv- bzw. Niedrigenergiehäuser" werde nur eine von tausend neuen Wohneinheiten im energieeffizienten Baustil errichtet. Im deutschen, französischen, italienischen und slowenischen Alpenraum ist der Anteil noch geringer. "Der Passivhausstandard sollte", so forderte Felix Hahn von Climalp, "für Neubauten die Norm sein."

Ökogebäude

Dass "Ökogebäude" auch unter extremen Bedingungen funktionieren, zeigt eine "Berghütte mit Leuchtturmfunktion" in mehr als 2100 Meter Höhe, das Schiestlhaus auf dem Hochschwab. Rund um diesen Gipfel dokumentieren Vegetationsforscher der Uni Wien, dass selbst hochalpine und an extreme Bedingungen angepasste Pflanzen unter dem Klimawandel leiden (der Standard berichtete). Die steigenden Temperaturen in den Alpen treiben nicht nur die Vegetationszonen in die Höhe – Experten führen das zuletzt vermehrte Auftreten von Lawinen, Hangrutschen, Steinschlag und Überflutungen auf die Erwärmung zurück. Um diese Naturgefahren besser bewältigen zu können, sind nicht nur computergenerierte Klimaszenarios gefragt, sondern auch das Know-how der Einheimischen.

Eine Kultur der mündlichen Weitergabe von Erfahrungen existiert in vielen Dörfern nicht mehr. "Im Alpenraum geht viel an konkretem Umweltwissen verloren", so Werner Bätzing. Der Kulturgeograf erforscht den Strukturwandel in der Valle Stura di Demonte (Piemont) und im Gasteiner Tal: "Die alten alpinen Gemeinschaften haben nachhaltig gedacht. In der Landwirtschaft sind Flächen über Hunderte von Jahren genutzt worden – ohne sie zu zerstören."

Trotz aller Bedrohungen für die Alpen und ihre Bewohner sieht Wolfgang Schobersberger von der Tiroler Privatuni für Gesundheitswissenschaften im Klimawandel auch eine Chance: eine neue Form des Gesundheitstourismus. "Schon im Rekordsommer 2003 gab es in Österreich rund 660 Hitzeopfer", bilanziert der Bergmediziner. Wenn Orte in Tallagen bzw. Urlaubsregionen im Süden durch die Hitze unattraktiver werden, verspricht die Sommerfrische in den Alpen wahre Erholung. Darüber hinaus würden bereits mehr als 20 Prozent der Europäer an Allergien und Atopien (z.B. Asthma, Neurodermitis oder Heuschnupfen) leiden. Auch sie könnten künftig in den Alpen Linderung suchen. Allergieauslösende Pollen, Hausstaubmilben und Schimmelpilzsporen sind in Lagen von 1500 Metern und darüber kaum vorhanden. Schobersberger hofft auf das Produkt "allergikergerechter Urlaub".

Über derartige Tourismuskonzepte hat sich Ehsan ul-Haq noch keine Gedanken gemacht. Der Ökonom aus Islamabad arbeitet als Spezialist für Entwicklungsfragen für die UNO. "Ich komme aus der Hochgebirgsregion Chitral. Dort würde man niemals darüber nachdenken, Kunstschnee zu produzieren." Als Teil des Hindukuschgebirges im Nordwesten Pakistans sind Teile von Chitral aufgrund der Schneemassen sechs Monate lang von der Außenwelt abgeschnitten. Weil die Berghänge abgeholzt sind, werden alternative Energiequellen zum Heizen und Kochen benötigt, ebenso wie Konzepte zur Entwicklung von Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und Gesundheitswesen.

Trotz der Abgeschiedenheit der Bergdörfer, berichtete ul-Haq, seien auch hier die Folgen des Klimawandels deutlich geworden: heftige Schneefälle zu früh im Jahr, Bergrutsche, Überschwemmungen und Lawinen. Der UN-Mitarbeiter ist zur Alpenkonferenz in Innsbruck gekommen, um Kontakte zu knüpfen. Er hofft auf die Unterstützung durch engagierte Wissenschafter. (Julia Harlfinger/DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2007)

  • Experten führen auch das verstärkte Auftreten von Hangrutschen und Steinschlag auf den Klimawandel zurück.
    grafik: der standard/köck

    Experten führen auch das verstärkte Auftreten von Hangrutschen und Steinschlag auf den Klimawandel zurück.

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