Orpheus kehrt zurück

23. Oktober 2007, 11:44
posten

Stephen Kijaks nerdige Dokumentation "Scott Walker: 30th Century Man" will einem großen Verschwundenen und vor allem auch unbeachteten Visionär der Popmusik nachspüren

Der US-Poptragöde lässt sich allerdings nur ungern in die Karten blicken.

* * *


Dem alten Mythos vom die Götter wie die Menschen mit seiner Musik betörenden Orpheus, der in die Unterwelt hinabstieg, um seine Frau Eurydike zurück ins Leben zu singen, haftet ein entscheidender Nachteil an: Die Sache geht schief. Weil sich Orpheus nicht an die Vereinbarung mit Unterweltgöttin Persephone hält, blickt sich Orpheus beim Wiederaufstieg in die Oberwelt zu seinem geliebten Weib um, weil diese ihn berührt - und Eurydike muss zurück im Totenreich bleiben.

Der seit den frühen 60er-Jahren in Großbritannien lebende US-Sänger Scott Engel alias Scott Walker besang 1967 auf dem Höhepunkt seiner Karriere mit den damals den Beatles kommerziell ernsthafte Konkurrenz machenden, zugegeben dunklen Teenie-Idolen Walker Brothers (The Sun Ain't Gonna Shine Anymore) in der frühen Eigenkomposition Orpheus diesen für ihn in Folge geradezu exemplarischen Mythos. Und Walker machte sich bald auch jahrzehntelang auf, um dieselben Abgründe zu erforschen und sich immer weiter von gefällig-pathetischen Orchester-Popballaden in Richtung sperrige, beklemmende, albtraumhafte Avantgarde zu begeben.

Vor allem aber mystifizierte sich Walker als großer geheimnisvoller wie von unsagbaren privaten Traumata umgebener Unsichtbarer des Pop. Er tauchte zuletzt seit 1984 nur mehr alle elf Jahre mit einem neuen, immer noch verstörenderen Album aus der selbstgewählten Isolation auf. Mit ihnen wurden auch noch die letzten Fans seiner früheren Kunst verprellt. Tilt (1995) und The Drift (2006), härtere und intensivere, an der Schnittstelle von Avantgarde und Songformat visionäre Arbeiten sind im Grenzland-Pop kaum zu finden. Scott Walker wird heute am ehesten noch von Musikern verehrt.

Der von Cinemania, einer Dokumentation über New Yorker Kinofreaks, bekannte US-Regisseur Stephen Kijak stellt am Anfang seiner ebenfalls nach einem alten Walker-Song benannten Arbeit Scott Walker: 30th Century Man als Kamerazeuge während der Studioarbeiten zu Walkers aktuellster Arbeit, dem monumentalen The Drift, die richtige Ausgangsfrage: "2006 Orpheus has returned from the underworld. But what happened on his journey?"

Gar nicht so schrullig

Die 94 folgenden Minuten bleibt Kijak dann aber während der Zuspielung viel zu kurzer historischer Fernsehauftritte, vor allem während Interviews mit als Talking Heads abgefilmten Bewunderern wie Radiohead, Jarvis Cocker, Brian Eno oder dem den Film mitproduzierenden David Bowie Antworten schuldig. Die hätte ihm bei entsprechender Nachfrage eventuell auch der zu einem ausführlichen Interview bereite und gar nicht so schrullig wirkende Walker selbst geben können.

Nachdem die Walker Brothers 1967 erstmals auseinandergegangen waren und Scott Walker seine künstlerischen Neigungen auf vier hervorragenden Soloalben dokumentierte, entdeckte er im Rahmen einer Playboy-Party in London nicht nur ein deutsches Bunny als neuen "Love Interest". Zu Hause bei der Dame fand er auch Platten von Jacques Brel. Diese machte er im Englischen bald ebenso populär, wie er sich von seinen Fans mit Songs über Selbstmord, Bergmans Das siebente Siegel oder Neo-Stalinismus entfremdete. Schließlich verlor er sich gut 20 Jahre lang "in Albträumen" und wohl auch psychischen Problemen.

Der Humor ist trotz Walkers Unerbittlichkeit, wenn es um seine zwischen Dissonanz und harmonischen Resten wütende Musik geht, dennoch zu finden. Wenn er für den Perkussionsspieler eine Holzkiste bauen oder eine Schweinehälfte ins Studio kommen lässt, damit dieser daraus Sounds für eine den Tod Mussolinis streifende Komposition dreschen kann, kommt auch beim Fürst der Finsternis selbst kurz Freude auf: "Ha, ha! Sounds great!" Wie meint sein Tonmeister einmal: "It sounds mad - but it works." (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 23.10.2007)

24. 10. Urania 23.30; Wh.: 25. 10., 18.30
  • Einer der wenigen intensiven und bewegenden Momente von "Scott Walker: 30th Century Man": Der Meister während der Gesangsaufnahmen zu seinem aktuellen, aus 2006 datierenden Album "The Drift".
    foto: viennale

    Einer der wenigen intensiven und bewegenden Momente von "Scott Walker: 30th Century Man": Der Meister während der Gesangsaufnahmen zu seinem aktuellen, aus 2006 datierenden Album "The Drift".

Share if you care.