Der Verteidiger in der Schurkenrolle

23. Oktober 2007, 11:36
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Filmporträt: "L'avocat de la terreur"

Der französische Rechtsanwalt Jacques Vergès ist seit Hotel Terminus von Marcel Ophüls auch eine Figur des Kinos. Seine Verteidigung von Klaus Barbie, dem "Schlächter von Lyon" während der nationalsozialistischen Besatzung, stieß in den Achtzigerjahren auf weitgehendes Unverständnis, sein selbstbewusstes Auftreten ließ ihn prädestiniert erscheinen für weitere Schurkenrollen.

Diese bekommt er nun in dem Dokumentarfilm L'Avocat de la terreur von Barbet Schroeder gar nicht zugewiesen. Stattdessen erscheint Vergès, der Freund eines Terreuristen wie Pol Pot und eines Terroristen wie "Carlos", als eine zutiefst von der eigenen Sache überzeugte Figur, über die Schroeder das Urteil erst sehr spät - wenn überhaupt - spricht. Was aber war die Sache, die es erlaubte, Nazis und Befreiungskämpfer, Bombenleger und Diktatoren vor Gericht zu verteidigen?

Für Jacques Vergès ist Frankreich in jeder Hinsicht eine Kolonialmacht. Er kam in Südostasien als Sohn eines französischen Beamten (aus Réunion) und einer Vietnamesin zur Welt. Seine prägende Zeit als Anwalt erlebte er während des Algerienkriegs, als er die Verteidigung von Djamila Bouhired übernahm, einer schönen Frau, die an Sprengstoffanschlägen beteiligt war. Sie wurde zu einer Symbolfigur des algerischen Freiheitskampfs und für ihre Begnadigung von der Todesstrafe marschierten Demonstranten in aller Welt.

Vergès und Djamila Bouhired wurden ein Paar, die Revolution nach maoistischem Muster machten sie sich später quasi zu eigen. Selbst für einen dicht gearbeiteten und weitausholenden Dokumentarfilm wie den von Schroeder ist das Leben von Jacques Vergès nicht einmal in Ansätzen einzuholen. Dabei ist erstaunlich, wie viel L'Avocat de la terreur immer noch herausholt aus den komplizierten Zusammenhängen der antikolonialen Kämpfe - die palästinensische Sache wurde nach 1970 zum Dreh- und Angelpunkt, auch für Vergès, der später Barbie vor allem deswegen verteidigte, weil es ihm auch hier darum ging, Frankreich als Terror- und Foltermacht bloßzustellen, die der Gestapo nicht nachsteht.

Schroeder organisiert seinen Film als vielstimmigen Chor, aus dem sich allmählich doch eine Art Moral herausbildet: Vergès, in diesem Chor die prominenteste Stimme, gerät durch das präsentierte Material immer mehr unter Druck, irgendwann werden (plausible) Motive und Geltungsbedürfnis unterscheidbar (ein profanes Motiv wie Geld spielt auch eine Rolle). L'Avocat de la terreur mag wie eine konventionelle Reportage ungewöhnlichen Umfangs wirken, ist aber doch eine genuine filmische Recherche, die beinahe bis an die Gegenwart eines neuen islamistischen Terrorismus heranführt. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 23.10.2007)

23. 10. Künstlerhaus 13.30; Wh.: 24. 10. Gartenbau 13.00
  • Anwalt Jacques Vergès: Regisseur Barbet Schroeder zeichnet das Porträt einer kontroversiellen Persönlichkeit.
    foto: viennale

    Anwalt Jacques Vergès: Regisseur Barbet Schroeder zeichnet das Porträt einer kontroversiellen Persönlichkeit.

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