Kino, jenseits der falschen Spur

23. Oktober 2007, 11:28
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US-Regisseur Gus Van Sant legt mit "Paranoid Park" ein weiteres Meisterwerk vor

"Erschaffen bedeutet nicht, Personen und Dinge zu verformen oder zu erfinden. Es bedeutet, zwischen Personen und Dingen, die existieren und so, wie sie existieren, neue Beziehungen knüpfen."

So Robert Bresson (Pickpocket, Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen), Meister eines transzendentalen Kinos, das der Welt und den Protagonisten, die es ungerührt und bewegend zugleich verfolgt, ihre Geheimnisse nicht entreißen musste, um stets präsent zu halten: Da ist etwas, das über den festgehaltenen Moment hinausgeht, und andererseits ist eben dieser Moment nicht mehr als ein Windstoß, der durch Bäume oder durch Grashalme fährt. "Neue Beziehungen knüpfen" anstatt zu "verformen" hieß bei Bresson dann mitunter: Die Endlichkeit, den Tod mitbedenken, um quasi durch diese Folie einen anderen Blick auf alltägliche Details und Gesten zu gewinnen.

Nichts anderes unternimmt in den letzten Jahren der US-Filmemacher Gus Van Sant - egal, ob er einen Amoklauf in einer Highschool re- und dekonstruiert (Elephant), zwei junge Männer in die Wüste schickt (Gerry) oder Kurt Cobain durch seine letzten Tage und Verwirrtheiten begleitet (Last Days). Paranoid Park, sein jüngster Film ist nun ein schwer überbietbarer Gipfelpunkt in dieser fortgesetzten Auseinandersetzung mit Endgültigkeiten, vor denen und aus denen heraus Alltag eine neue (alb-)traumhafte Qualität gewinnt: das Porträt einer Community von Skatern, ihrem privaten und schulischen Umfeld, bei dem von Sekunde eins an klar ist, dass der zentrale Held (Gabe Nevins) eine Schuld verdrängt, die lange Zeit außen vor bleibt, aber dennoch die Bilder und Wahrnehmungen schleichend infiziert.

Ein Fall von Mord oder Totschlag wird untersucht: Ein Mann ist unter die Räder eines Zuges geraten. Was heißt hier Schuld, was Zufall? Ein junger Mann begibt sich auf den Weg zum ersten Verhör, links und rechts driften die Garderobenspinde für die Schüler auseinander, als hätte er alle Zeit, allen Raum dieser Welt, bevor sich möglicherweise Gefängnistore für immer hinter ihm schließen. Und dazu: Ein Song, den man eher in einem Rock-'n'-Roll-Drama erwarten würde, in dem es um Selbstbefreiung und Ausbruch geht: Billy Swan mit I Can Help ...

Was Gus Van Sant in Augenblicken wie diesem weniger inszeniert als modelliert (die Kamera führte übrigens Wong Kar-wais Mitstreiter Christopher Doyle) - das ist nichts weniger als etwas, das Robert Bresson einmal so beschrieben hat: "Der Tod kann einen bewegen, wenn man ihn nicht zeigt. Das Gleiche gilt für die Liebe."

Es ist unverkennbar Liebe, die Van Sant bei seiner Imaginationsarbeit antreibt: Liebe zu Widerständischen, die den allgemeinen Moral- und Wertekanon auch nicht annähernd berücksichtigen, dabei aber dennoch so etwas wie Ethos entwickeln. Liebe zu einer Schönheit, die zwar Jugend-Moden und -Trends und -Sportarten folgt, aber trotzdem eine zeitlose Eleganz ausstrahlt. Paranoid Park, das ist eines jener raren Meisterwerke, in denen sich realisiert, was auch Bresson eingefordert hat: "Kino, das endlich aus der falschen Spur herauskommt". (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 23.10.2007)

23. 10. Künstlerhaus 6.30; Wh.: 23. 10. Gartenbaukino 21.00; 25. 10. Stadtkino 23.00
  • Unfassbare Präsenz eines möglichen Weltstars der Zukunft: Gabe Nevins in Gus Van Sants Skater-Drama und -Porträt "Paranoid Park".
    foto: stadtkino

    Unfassbare Präsenz eines möglichen Weltstars der Zukunft: Gabe Nevins in Gus Van Sants Skater-Drama und -Porträt "Paranoid Park".

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