Molotowcocktails zum ungarischen Revolutionstag

2. Jänner 2008, 18:54
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Rechtsextreme lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei - Antisemitische Parolen - Autos in Brand gesteckt

Rechtsextreme Demonstranten riefen zunächst antisemitische Parolen und lieferten sich dann Straßenschlachten mit der Polizei. Der 51. Jahrestages der Revolution von 1956 stand ganz im Zeichen der neuen Gewalt.

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Rund 1000 Neonazis und Rechtsradikale haben sich am Montagabend unweit der Budapester Oper Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Am Vorabend des Tages, an dem des Ausbruchs der ungarischen Revolution gegen die sowjetische Herrschaft am 23. Oktober 1956 gedacht wurde, warfen die Demonstranten mit Molotowcocktails und kippten Autos um. Die Ordnungshüter setzten Tränengas und Wasserwerfer ein. Neun Menschen, unter ihnen 14 Polizeibeamte, erlitten zumeist leichte Verletzungen, 20 Personen wurden vorläufig festgenommen, berichtete der ungarische Polizeipräsident József Bencze am Dienstagmorgen bei einer Pressekonferenz in Budapest. Einer der _Rädelsführer, der Rechtsradikale László Toroczkai, der auch als „Ehrenpräsident“ der obskuren „Jugendbewegung 64 Burgkomitate“ firmiert, wurde in Ordnungshaft genommen.

Ausgegangen war die Randale von einer genehmigten Kundgebung der Rechtsradikalen auf dem Budapester Freiheitsplatz. Unter den Demonstranten befanden sich auch Mitglieder der rechtsextremen „Ungarischen Garde“. Vom Freiheitsplatz zogen die Demonstranten, viele schwarz gekleidet und teilweise vermummt, mit ihren rot-weiß-gestreiften Árpád-Fahnen – jene mittelalterliche Flagge, die im 2. Weltkrieg von den faschistischen Pfeilkreuzlern verwendet wurde – in Richtung Oper. Dort stand nämlich am Abend ein Festakt für das Gedenken an die Revolution auf dem Programm, mit dem sozialistischen Premier Ferenc Gyurcsány als Hauptredner.

Bereits auf dem Freiheitsplatz hatte sich der Mob mit „Dreckiger Jude!“- Sprechchören auf das ihm unerreichbare Hassobjekt eingestimmt. Denn die in massiver Übermacht angetretene Polizei ließ den aggressiven Demonstranten keine Chance. In der Nagymezö-Straße, noch gut 200 Meter von der Oper entfernt, trieb sie die Menge auseinander.

Ein weiterer Anlauf der Radikalen, die Regierung Gyur_csány zu „stürzen“, verlief somit im Sand. Während vor knapp mehr als einem Jahr, nach Bekanntwerden von Gyurcsánys berüchtigter „Lügenrede“, noch das Fernsehgebäude brannte und die rechte Opposition unter Viktor Orbán noch gewisse Hoffnungen in den „gerechten Volkszorn“ setzte, scheinen die Radaubrüder heuer eher ein isoliertes Phänomen zu sein. Die Fidesz verurteilte die Ausschreitungen auch. Allerdings sprach Lajos Kósa, stellvertretender Vorsitzender der Fidesz, von Ähnlichkeiten zwischen dem kommunistischen Regime Ungarns 1956 und der heutigen Regierung. Beide hätten „ihre Legitimation verloren“ und hätten ihre Macht „auf Lügen aufgebaut“. Am Dienstag gedachte die Regierung offiziell des Aufstands. Die Fidesz veranstaltete ihre eigenen Feierlichkeiten und rief zu Protestkundgebungen auf. (Gregor Mayer aus Budapest, DER STANDARD, Printausgabe 24.10.2007)

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    Déjà-vu in Budapest: Ein Jahr nach den Ausschreitungen in Ungarns Hauptstadt gab es erneut schwere Krawalle. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein.

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    Die Demonstranten steckten Autos in Brand und errichteten Straßensperren.

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