Politisch durchschaubarer Alarmismus - Von Peter Huemer

11. Jänner 2008, 15:17
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Der Publizist und Mitinitiator von "SOS ORF" antwortet ORF-Reform-Kritiker Franz Morak

Wenn Franz Morak sich in seinem Kommentar Sorgen macht um die ORF-Zukunft, so ist ihm zuzustimmen. Ebenso bei seiner Frage: "Wollen wir einen ORF, der zunehmend die Strategien Privater kopiert?" Nein, wollen wir nicht. Daher meint Morak zu Recht, die Zukunft des ORF könne nur "in einem starken, selbstbewussten öffentlich-rechtlichen Selbstverständnis liegen". Bravo! Aber warum erst jetzt? All das hatte schon SOS ORF gefordert. Daher ist rätselhaft, warum Morak von "politisch durchschaubarem Alarmismus à la SOS ORF" spricht und die Bürgeraktion mit der FPÖ in einen Topf wirft. Hier liegt ein Missverständnis vor. Wenn wer freien Auges von der FPÖ kaum mehr unterscheidbar ist, dann doch wohl die Morak-ÖVP.

Morak spricht von "brutalem Quotenkurs" und weist auf den Montagabend auf ORF1 hin. Kann ihm wirklich entgangen sein, dass es sich hier um ein unerfreuliches, leider nicht beseitigtes Erbe der Lindner-Ära handelt? Und er greift die Information an. Ist ihm entgangen, wie die in der Lindner-Zeit war? Hätte er damals auch nur ein einziges Mal seine Stimme dagegen erhoben, er wäre heute glaubwürdiger mit seiner Kritik.

Franz Morak spricht von "Kampagnen-Journalismus" im Fall Arigona. Versteht er nicht, wie Fernsehen funktioniert? Keine TV-Anstalt der Welt in einem freien Land hätte sich diesen Fall entgehen lassen - zumal am Fall Arigona die Frage nach dem Bleiberecht paradigmatisch dargestellt werden konnte. Das Fernsehen braucht konkrete Beispiele, mit Abstraktion tut es sich schwer. Der Fall Arigona ist ein Exempel für die herrschende Praxis. Daher wird er in den Medien dargestellt.

Deswegen ist der ORF noch lange nicht die elektronische Ausgabe der Zeitung "Österreich". Mit größerem Recht ließe sich fragen, ob die ÖVP die Grundlinien ihrer Fremdenpolitik aus der Kronen Zeitung bezieht und deswegen den ORF in dieser Frage kritisiert.

Dass der für die Entscheidung im Fall Arigona allein zuständige Minister zur Diskussion darüber nicht ins Studio gekommen ist, ist selbstverständlich sein gutes Recht. Dass die Gestalter der Sendung anstelle des Ministers einen leeren Stuhl hingestellt haben, ist deren gutes Recht.

In der Sorge um die Zukunft des ORF ist Franz Morak zuzustimmen. Der ORF wäre allerdings schlecht beraten, wenn er sich am politisch durchschaubaren Alarmismus à la ÖVP orientieren wollte. Ein selbstbewusster öffentlich-rechtlicher Sender sollte extrem misstrauisch werden, wenn Politiker anfangen, sich um ihn Sorgen zu machen. Egal, welcher Couleur. (Peter Huemer, DER STANDARD; Printausgabe, 23.10.2007)

Von Peter Huemer, Publizist und Mitinitiator von SOS ORF

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  • Will Moraks Sorgen nicht haben, auch wenn er einige davon teilt: Peter Huemer
    foto: standard/corn heribert

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