"Man spuckt nicht in fremde Suppen!"

30. Oktober 2007, 12:57
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Klaus Bachler arbeitet bereits für seinen nächsten Leitungsjob an der Münchner Staatsoper (ab 2009) vor - Im Interview lässt er Abschiedsgefühle anklingen

Standard: Wird Ihnen dieser Tage nicht herbstlich zumute? Die großen Rangier- und Justierarbeiten als Burgtheaterdirektor sind doch im Wesentlichen erledigt.

Klaus Bachler: Herbstliche Gefühle sind einem bekennenden Romantiker ohnehin immer vertraut. Vieles am Sommer ist mir dafür eher fremd.

Standard: Sie müssen doch schon recht unverwandt nach München blicken und Ihre an der dortigen Staatsoper anfallenden Planungsarbeiten erledigen. Schafft das nicht die Mühsal einer doppelten Buchhaltung im Kopf?

Bachler: Die Energie wächst einem aus den Anforderungen zu, und besondere Energie kommt aus der Überforderung. Der Kollaps ist bis jetzt noch nicht da. Es kommt doch ab einem gewissen Punkt immer weniger auf Karriere und Positionen an. Will man sich wiederfinden in dem, was man tut, muss man danach suchen, was einen erfüllt. Um es klar auszusprechen: Die Sprache, die Musik, die bildende Kunst bilden ganz wesentliche Anteile dessen, was einen mit Befriedigung erfüllt. Die Kiefers, die Nitschs in der Burg waren mir in diesem Sinne ganz wesentliche Anliegen. Und ich arbeite lustvoll am Schauspiel, weil ich so viel mit Musik zu tun habe. Denke ich an Mythen, fällt mir Wallenstein ein, handle ich von Lucia, lande ich bei Shakespeare. Der Verlust in der Kunst liegt doch darin, dass wir das Ganzheitliche der Renaissance verloren haben. Das suche ich jetzt gerade wieder in mir.

Standard: Sie haben immer wieder das Funktionieren der heimischen Zivilgesellschaft eingefordert und diverse Kulturverluste beklagt. Wie gespannt blicken Sie in dieser Hinsicht nach München?

Bachler: Zunächst einmal spüre ich eine zivile Verantwortung dem eigenen Land gegenüber. Ganz einfach, weil es Teil der Biografie ist. Ich erinnere mich an einen Satz meiner Großmutter: "Wenn man wo zu Gast weilt, spuckt man nicht in die Suppe!"

Standard: Was einen aber vor dem Auslöffeln nicht bewahrt.

Bachler: Sicher, aber das hat ja nichts mit Sich-Heraushalten zu tun. Ich sage nur grundsätzlich dann etwas, wenn es mir unter den Nägeln brennt. Ich muss keinen Erreger abgeben. Demgemäß bin ich zunächst einmal Beobachter. Ich beklage allerorten den Niveauverlust: in der Politik, in den Medien, im ORF. Wenn man Menschen immer so banales Futter zumutet, zer-stört man langsam die Gesellschaft. Ich kann München noch nicht in allen Einzelheiten beurteilen, aber ich stelle im Moment zwei Dinge fest: Zum Ersten besitzen die Münchner eine Eigenschaft, die man den Wienern nachsagt, die aber dort viel angebrachter erscheint – sie sind unheimlich stolz auf die Kunst und ihre Theater. Es werden, wie man mit Blick auf neue Intendanten wie Johan Simons feststellen kann, schnelle, mutige Entscheidungen getroffen. Es wird unheimlich expandiert und investiert. München besitzt nicht die imperiale Großzügigkeit Wiens, und es wird wesentlich entspannter agiert. Das Publikum ist neugierig – und wissend. Dennoch bin ich aber mehr Österreicher, als ich es mir oft eingestehe.

Standard: Oder es Ihnen lieb ist?

Bachler: Vielleicht. Natürlich sind die großen Entwürfe und Planungen hier in Wien getan.

Standard: Sind sie das?

Bachler: Ich glaube schon. Nach all den Jahren und den vielen verschiedenen Positionen. Der Mensch braucht Veränderungen und Erneuerungen. Ich habe zum Beispiel ein glückhaft junges Leitungsteam für München aufbauen können. Das allein schon setzt Energien frei. Man muss in Wahrheit alles auf persönlicher Ebene abhandeln – die schönen wie die schwierigen Dinge. Bei jeder Beziehung zu einem Regisseur, zu einem Schauspieler, sogar zu Journalisten – handelt es sich um Persönliches. "Beziehungen" – aus Beziehungsgeflechten kann man auch beruflich am meisten schöpfen, seien die Bekanntschaften auch noch so peripher. Wenn man sich auf die Funktion reduziert, wird es ganz öde. Dann geht es nur noch um Macht ...

Standard: Das bleibt Ihnen doch nicht erspart, oder?

Bachler: Ich muss es immer weniger. Das Funktionale ist das Materialistische: die Funktion, der Vertrag. Das befördert nicht wirklich etwas.

Standard: Wie weit ist die "Kontinentaldurchquerung" in Sachen Shakespeare Ihrer Meinung nach gediehen? Es ist ja auch genug Eklektisches im Einzelfall herausgekommen.

Bachler: Man muss diesen Komplex auf zwei Ebenen beschreiben. Zum einen kann man sich vor Augen halten, wie dieses Theater angelegt ist: die "Republik Burgtheater", zum anderen kann man sich an Shakespeare selbst erinnern. Für mich kommt am stärksten heraus, und darin erhält dieser Entwurf im Nachhinein recht: Die Unternehmung demonstriert, warum so ein großes Gebilde überhaupt noch existiert. Der Anspruch der Großzügigkeit und Großflächigkeit erzeugt natürlich auch die realistische Option der Beliebigkeit. Die ist immanent. Deswegen habe ich die Burg immer mit einer Universität verglichen. Wenn man sich der Größe nicht stellt, ist man hier fehl am Platze. Standard: Da Sie ja keine Beliebigkeit meinen, nehme ich an: Sie sprechen von "divergierenden Ästhetiken"? Bachler: Ästhetiken, die unter Umständen auch völlig auseinanderdriften. Da darf man auch nicht schwindeln! Die stehen mit unter unverbunden nebeneinander. Aber Shakespeare ist mit all seiner Divergenz die Basis unseres Berufes. Daher resultiert alles Rüde, Assoziative – alles Geschmacklose und Fragmentarische aus einer solchen hybriden Beschäftigung.

Standard: Gelegentlich also auch Dünnbrettbohrerei?

Bachler: Wie uns alle Shakespeare-Forscher bestätigen, kommen auch kilometerweise Läppischkeiten in diesem Werk zum Vorschein. Darum schreckt es mich auch nicht, wenn man den Finger da drauf hält. So gesehen war auch die Rezeption von Romeo und Julia aufschlussreich. Es zeigen sich Schwierigkeiten des Theatermachens und des Zuschauens.

Standard: Aber Sie haben schon einige Einwände gegen Sebastian Hartmanns Regie-Arbeit nachvollziehen können?

Bachler: Sie selbst haben das doch beschrieben: Hartmann ist einer, der so etwas "hinkotzt". Der gibt nichts zum "Einpendeln". Auf der anderen Seite kann einem ein solcher Widerhall nur mit diesem Stück passieren. Denn jenseits aller Grauenhaftigkeitsvorwürfe fühlt man sich in dieser klassischsten aller abendländischen Liebesgeschichten in seiner Besitzstandswahrung gestört. Wenn es ein "Ab-stractum" der Liebe gibt, dann Romeo und Julia. Nur: Wie kommt man an diesen Kern der Unbedingtheit heran? Also gleicht diese Aufführung einer Geröll nach sich ziehenden Felswanderkletterung.

Hartmann hat keine Entblößung gescheut in der Feststellung: Liebe ist etwas Absolutes – so absolut, dass sie überhaupt nicht "lebendig" werden kann. Zeffirelli hat das halt klein geschnitten, sodass man sagen konnte: Ist ja eine herzige Courths-Mahler-Geschichte! Den Versuch Hartmanns muss man in seiner Unbedingtheit schon würdigen.

(Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 23.10.2007)

Zur Person:
Der gebürtige Fohnsdorfer Klaus Bachler (56), ein gelernter Schauspieler, leitet nach Chefpositionen am Berliner Schillertheater, bei den Wiener Festwochen und an der Volksoper seit 1999 das Burgtheater. Er übernimmt 2008/2009 die Intendanz der Bayerischen Staatsoper München. In Wien beerbt ihn Matthias Hartmann.
  • Burg-Herr Klaus Bachler sieht sein Haus als "Universität" an – und glaubt sich im direkten Konflikt mit "verdum-mender" Konkurrenz wie dem ORF.
    foto: corn

    Burg-Herr Klaus Bachler sieht sein Haus als "Universität" an – und glaubt sich im direkten Konflikt mit "verdum-mender" Konkurrenz wie dem ORF.

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