Zu Hause beim Nahversorger

23. Oktober 2007, 09:47
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Sie prägen seit jeher das Bild des Pratersterns: Zwischen den Kommenden und Gehenden sitzen die Gestrandeten, meist mit einer Dose Bier, seltener mit einem Lächeln

Gerhard steigt von einem Fuß auf den anderen. Es ist kalt geworden, die grelle Oktobersonne steht tief und der Einkaufscontainer der Billa-Filiale am Bahnhof "Wien Nord" im zweiten Wiener Gemeindebezirk wirft einen langen Schatten. Der Mittdreißiger zieht an einer Zigarette, während er sich mit der linken Hand über das Gesicht fährt, den Schlaf aus den Augen reibt. Es ist spätnachmittags und Gerhard gerade aufgewacht. Er hatte sich am Boden zusammengerollt, den Rücken gegen die Containerwand gepresst, da war seine Freundin zu ihm gekommen und hat ihn aufgerüttelt.

Von Null auf Hundert. Plötzlich steht er auf dem kleinen betonierten Platz der sich zwischen Abgang U1 und Schnellbahnunterführung, zwischen Lassallestraße und Praterstern erstreckt, vor den Containern des Billa und der Bäckerei Felber, inmitten der Baustelle, auf der aus dem alten heruntergewirtschafteten Knotenpunkt ein neuer Bahnhof Wien Nord entsteht: "Was is? Wer wü wos?", schreit er, die Hände zu Fäusten geballt. Seine Augen suchen zornig nach dem Eindringling. "Nix is, hoi di owe", sagt Rudi und Gerhard: "I hab ghert, dass an Wickl gibt". Sein versöhnliches Lächeln entblößt braune Zähne. "Wos wüst wissen?", fragt er.

Das Misstrauen liegt auf beiden Seiten

Gerhard ist so etwas, wie der Sicherheitsbeauftragte hier. Hier unter all jenen, die sich am Rand der Gesellschaft fühlen, ist er ein Großer. Die Gruppe von Männern und Frauen, die ihre Zeit absitzt - sich durch die Stunden trinkt, die Tage, Wochen, Monate und Jahre - fällt den Supermarktkunden, den Kassierinnen und den Passanten, die mit schnellen Schritten vorbeieilen, unangenehm auf. Doch auch sie haben ihrerseits Berührungsängste: Geht man auf die Leute zu, die hier in Grüppchen zusammenstehen, auf den Betonstiegen, den Randsteinen sitzen, ersterben die Gespräche schnell. Man erntet misstrauische Blicke. Reden wolle man nicht. Was habe man schließlich mit den anderen zu schaffen. Fotos? Nicht einmal daran denken. Eine blonde junge Frau schiebt schnell ihren Kinderwagen zur Seite. Darin liegt ein Baby und schläft. Es ist Gerhards Sohn Andreas. Er ist einen Monat alt und hineingeboren in die Gruppe der Außenseiter.

Ein Schuss ins Knie

Die Geschichten, die hier erzählt werden ähneln sich: Gewalt, Kriminalität, Drogensucht, Alkoholismus, Arbeits- und Obdachlosigkeit. Manche haben sich wieder eingegliedert. Erfüllen zumindest die formalen Kriterien: haben eine Wohnung und einen Job. Dennoch fühlen sie sich nirgendwo zu Hause. Am ehesten noch, wenn sie unter sich sind. "Ich scheiß´ auf die Leut´, genauso, wie sie auf mich scheißen", sagt Rudi. Der 49-Jährige Sozialhilfeempfänger lebt in Kaisermühlen, verbringt seine Tage am liebsten hier am Praterstern, denn: "des Anzige, wos zählt, san Freind." Und auf diese Freunde hier könne man sich verlassen. Was sie nur nie machen dürften sei die "He ruafn", die Polizei, denn dann gebe es "was auf die Batterie"

Gerhard lächelt wissend. Er hat beinahe die Hälfte seines Lebens in Haft verbracht: zwei Jahre in der Türkei, zwei Jahre in Deutschland und mehr als zehn in Österreich. Der Zorn sei sein Problem - immer schon gewesen. "I hass die Leut`. I hass die ganze Welt", sagt er. Warum? "Weils so san, wie´s san." Als Gerhard zehn Jahre alt war, hat ihn sein Vater angeschossen. Gerhard hatte sich geweigert, ihn in ein Lokal zu begleiten, da hat sein Vater die Pistole gezogen. Die Kugel blieb im Knie stecken. Viel mehr möchte Gerhard über seine Kindheit nicht erzählen. Dafür über das Gefängnis in der Türkei. Das sei schlimm gewesen: "Das Problem is´ des Wasser. A Becher für sechs Leit in 36 Stund´. Da hast immer Durst." Gut ist, dass er jetzt dafür Türkisch kann, sagt er und lacht. Es ist ein trauriges Lachen, dass schnell wieder erstirbt.

Natural Born Schläger

"Kennst des Gfühl, wenn´s immer z´eng is`? I kriag ka Luft. Nur wenn i hinhau, des befreit." Derzeit arbeitet Gerhard als Möbelpacker. "Damit i ned wieder in Häf´n geh", sagt er. Wenn der Zorn kommt, dann tritt er auf die Möbel ein. Das gehe dann als Transportschaden durch, erzählt er. Was er sich für die Zukunft wünscht? "I was ned. Irgendwas muss` ja geben. Owa i glaub`, für des bin i da: für´s Dögeln". Im Hintergrund weint leise sein Baby. Stolz ist er auf seinen Sohn, sagt Gerhard. Andreas ist das einzige seiner drei Kinder, das er noch bei sich hat. Eines ist gestorben und ihren zweiten Sohn hat man ihnen weggenommen. Weshalb wisse er nicht. Seine Mutter hatte auf ihn aufgepasst und als Gerhard und seine Freundin ihn von dort abholen wollten, war ihnen das Jugendamt zuvorgekommen. Auf Anzeige seiner eigenen Mutter hin. "Gerdschi, nimm du dein Buam", ruft die Blonde. Als sie etwas Trockenmilchpulver mit dem kalten Wasser in der Plastikbabyflasche vermischt, streicht sie sich die Haare hinter das Ohr. Um ihr linkes Auge, Jochbein und Wangenknochen werden grüne Schatten erkennbar. Spuren alter Blutergüsse.

Bei Geruchsbelästigung: Lokalverbot

"Tyson! Tyson, hier!", schreit Rudi. Der massige Pitbull mit dem glänzenden schwarzen Fell, benannt nach dem Ex-Schwergewichts-Boxweltmeister Mike Tyson, reagiert nicht einmal ansatzweise, zieht dafür ein etwa 17-jähriges Mädchen hinter sich her, das sich verzweifelt gegen die Leine stemmt. "Schatzl, bring amal den Hund her", ruft Rudi. Aus der Nähe sieht sie deutlich jünger aus. Stark geschminkt und benommen. Vielleicht Schlaftabletten, vielleicht Substitutionsmittel. Rudi küsst sie auf den Mund, nimmt ihr die Leine aus der Hand und schickt sie Biernachschub kaufen.

Die Mitarbeiter der Billafiliale Praterstern sind an diese Klientel gewöhnt. Täglich taumeln Betrunkene und Sedierte durch die Gänge. "Kein Problem", findet Zoran Ster, der seit sieben Jahren die Filiale leitet. Das sei schließlich immer schon so gewesen und seine Mitarbeiter sind daran gewöhnt. "Bei mangelnder Körperhygiene hört es sich aber auf. Deshalb haben auch einige Lokalverbot", sagt Ster. Grundsätzlich könne aber jeder sein Bier, seinen Wein oder Schnaps kaufen – solange er bezahlen kann.

Hauptsache dagegen

Das Reden übernimmt Rudi gerne. "Die ganzen G´stopften glauben sie san was Besseres. Nur weil´s irgendwo da oben san. Daweil gibt´s bei uns gnua Leit, die wos vü gscheiter san. I hab an Intelligenzquotient von 144 oder mehr", während er mit lauter Stimme erzählt, nimmt er immer wieder einen Schluck aus der Gösser-Dose, die Fransen an seiner hellbraunen Raulederjacke wippen. Rudi holt weit aus, erzählt von all den Chancen, die sie gehabt hätten, er und seine Freunde. Ausgeschlagen hätten sie sie. "Wichtig is´, dass es einem selber taugt, was man macht. Wie im Buddhismus", sagt er. Rudi prostet einem Mann mit eingefallenem Mund zu. "Popeye" schickt ein zahnloses Lächeln; er mag etwa Mitte Vierzig sein, hager, hat mit dem namensgebenden Seemann nichts gemein. "Vielleicht woll´ ma a goa ned dazug´hern, gell Popeye?!" sagt Rudi. (Birgit Wittstock, derStandard.at, 22.10.2007)

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