Wo sich Prostituierte und Penner "Gute Nacht" sagen

22. Oktober 2007, 18:23
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Vom heruntergekommene Pendlerbahnhof zum Glaspalast - Die Lebenswelten rund um den Wiener Praterstern haben sich kaum verändert

Einst war er der eigentliche Hauptbahnhof Wiens. Heute erinnert nichts mehr an jene Zeiten, in denen der zwischen 1859 und 1865 erbaute Bahnhof „Wien Nord“ Wien mit Prag, Brünn und Warschau verband. Im zweiten Weltkrieg zerbombt, danach an Bedeutung verloren: der Eiserne Vorhang legte die Routen der Nordbahn beinahe völlig lahm. Die braungekachelte Halle am Praterstern im zweiten Wiener Gemeindebezirk, zwischen Prater, dem Karmeliter- und dem Volkertviertel, war über die Jahrzehnte immer mehr heruntergekommen, die gelben Neonröhren betonten ihre Schäbigkeit.

Über 70.000 Fahrgäste - Wiener und Pendler aus dem Wiener Umland, die mit Schnell- und Regionalbahnen in die Stadt fuhren - drängten täglich durch geborstene Schwingtüren, über abgetretene Stiegen. Vorbei an Pizza-, Kebab-, Hotdogständen. Bereits in der Früh den Geruch von Frittierfett in der Nase. Die dunklen Ecken wurden von Obdachlosen als Quartiere benutzt.

"Wien Nord" neu

Heute wird der Praterstern, gewöhnlich vom Verkehrslärm der mehrspurigen großen Durchzugsstraßen, der Ausstellungsstraße, Lassallestraße, Heinestraße und Praterstraße, die er verbindet bedröhnt, vor allem von Presslufthämmern und Bohrmaschinen beschallt. Seit Mitte 2004 arbeitet man daran, den Bahnhof „Wien Nord“ neu zu erfinden. Erster Schritt war damals die Errichtung eines Containerdorfes.

Bis zum Winter 2005 waren sämtliche Geschäfte von der Halle in die Container übersiedelt. Für die Obdachlosen wurde es Zeit, sich nach neuen Schlafgelegenheiten umzusehen. Die Bahnhofshalle wurde geschleift. Drei Jahre später, im Sommer 2007 eröffneten bereits einige Geschäfte in der neue Halle der ÖBB. Lediglich die Firmen Billa und Felber besiedeln noch das Containerdorf. Auch Zoran Ster, Billa-Filialleiter am Praterstern hofft auf einen baldigen Umzug. Geplanter Eröffnungstermin für die neue Bahnhofsgeschäftsstelle ist der 5. März 2008.

Der Praterstern als Ziel 2-Region

Der Praterstern fällt in jenes Gebiet um Stuwer-, Volkertviertel, Nord- und Nordwestbahnhof, sowie den Teilen des zwanzigsten Wiener Gemeindebezirks Augarten und Wallensteinstraße, die als Ziel 2-Region gelten. Als strukturell unterentwickelte Gebiete, die mittels der Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Europäischen Sozialfonds (ESF) zwischen 2001 und 2006 mit jährlich 18,8 Millionen Euro unterstützt worden waren um an die infrastrukturelle, wirtschaftliche und soziale Situation von Rest-Wien angeglichen zu werden. Ab 2008 ist der Prater nicht nur an die U1, sondern zusätzlich an die U2 angebunden, wird von fünf Schnellbahn- und zwei Regionallinien angefahren. Dazu von diversen Bussen und Straßenbahnen. Der neue Glaspalast "Wien Nord" erhebt sich in der Mitte des Verkehrsknotens, noch nicht ganz fertig gestellt, glänzt er in der Sonne.

Alles beim Alten

Rundum scheint jedoch alles beim Alten: die Obdachlosen warten nach wie vor darauf, dass sich die Glasschiebetür des Billas um sechs Uhr morgens öffnet, ein paar Straßen weiter prostituieren sich abends junge Afrikanerinnen und Polinnen, der Discosound der Fahrgeschäfte hallt aus dem Wurstelprater und auf der Hauptallee jagen Läufer, Inlineskater und Radfahrer einander hinterher.(Birgit Wittstock, derStandard.at, 22.10.2007)

  • PratersternJuli 2005: Der Bahnhof ist in der Abrissphase
    photo: derstandard.at/graf

    Praterstern

    Juli 2005: Der Bahnhof ist in der Abrissphase

  • PratersternInnenansicht der Bahnhofshalle: Es war einmal ein Kebab-Stand
    photo: derstandard.at/andy urban

    Praterstern

    Innenansicht der Bahnhofshalle: Es war einmal ein Kebab-Stand

  • Am Ende des Tunnels ist ein Billa
    foto: bruckner/derstandard.at

    Am Ende des Tunnels ist ein Billa

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