Sie versprechen, sie halten, sie brechen

30. Oktober 2007, 11:15
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"Grüne" Gütesiegel boomen - Ein neues Buch bietet jetzt einen sicheren Weg durch die Welt der undurch­schau­baren Öko-Qualitäten

Im Gespräch mit Andrea Niemann die Zoologin Martina Glanzl, die für die oekodatenbank oesterreich die Recherchen führte und die Ergebnisse im 380 Seiten starken Nachschlagewerk zusammengefasst hat.

derStandard.at: Es gibt kaum ein Produkt zu kaufen, das kein "Qualitätssiegel" trägt. Wieviele konnten Sie bei Ihren Recherchen zusammentragen?

Glanzl: Es sind ungefähr 80 Siegel drinnen, aber auch Marken, die wie Gütesiegel aussehen und gerne mit solchen verwechselt werden. Und dann gibt es noch Gütesiegel, die überhaupt keine sind.

derStandard.at: Gleich ein Beispiel: Der Blaue Engel ist ein sehr bekanntes Gütetesiegel und häufig zu sehen. Hat dieser überhaupt eine Relevanz?

Glanzl: Auf jeden Fall. Der blaue Engel ist das offizielle Deutsche Umweltzeichen, so wie es auch das österreichische gibt. Auf den Blauen Engel kann man sich verlassen. Die Produktionskette wird betrachtet und er muss in allen Bereichen Umwelt-und Solzialauflagen erfüllen. Zusätzlich gibt es auch noch überdurchschnittlich hohe Qualitätsauflagen.

derStandard.at: Ein anderes Zeichen, das fast auf jeder Verpackung zu finden ist, ist der grüne Punkt. Wo ist da der Umweltaspekt?

Glanzl: Der grüne Punkt ist ein berühmtes Beispiel einer Verwechslung. Er wird häufig für ein Umweltsiegel gehalten, hat aber mit Umweltschutz nichts zu tun. Der grüne Punkt ist eine Entsorgungsabgabe. Er garantiert nicht einmal, dass dieser Müll recycelt wird. Also der grüne Punkt hat absolut keine Umweltqualität.

derStandard.at: Sind Gütesiegel ein "freier Markt", so dass jeder seines erfinden kann oder gibt es doch Kriterien, die eingehalten werden müssen?

Glanzl: Prinzipiell kann jeder ein Gütesiegel auf den Markt bringen. Also wenn ich mir als Organisation oder Verein Umweltkriterien überlege, kann ich dafür ein Gütesiegel gestalten. "Bio" hat aber gesetzliche Vorlagen. Ein Biosiegel muss sich mindestens an die EU Mindestverordnungen und an den Österreichischen Lebensmittelkodex halten.

derStandard.at: Gibt es für Konsumenten eine ernst zu nehmende Möglichkeit zwischen Qualitätssiegel und Marketingschmäh zu unterscheiden?

Glanzl: Genau das ist leider ganz schwierig. Das war auch der Grund für das Buch. Denn es ist mittlerweile undurchschaubar geworden. Fast zu jedem der Zeichen gibt es zwar irgendwo eine Website mit mehr oder weniger guten Richtlinien. Manchmal gibt es aber auch keine. Trotzdem bleibt es schwer zu unterscheiden: Was ist nur bunt und hübsch und was ist ernst.

derStandard.at: Wo ist es zum Beispiel schwierig gute Qualität von schlechter zu unterscheiden?

Glanzl: Es gibt Gütesiegel, die in verschiedenen Qualitätsstufen auftreten. Wie zum Beispiel im Textilbereich. Da ist ein Siegel mit dem geringsten Standard und eines, das genauso aussieht aber bestimmte Umweltauflagen einhält. Nur die Farbgebung wird verändert und der Eindruck bleibt verwechselbar.

derStandard.at: Welche haben sie da entdeckt?

Glanzl: Zum Beispiel "Naturtextil" mit den Qualitätsstufen "Better" und "Best". Oder das Ökotex Zeichen mit den Standards 100, 1000 und 100plus. Man kann bei den Abstufungen nicht sagen, dass eine schlecht wäre. Aber nur eine Qualitätsstufe nimmt soziale und Umweltkriterien mit hinein. Konsumenten sollten einfach wissen, dass diese Kriterien nur bei Ökotex 100plus erfüllt werden und nur bei "Naturtextil-Best".

derStandard.at: Sind auch irreführende Produktbezeichnungen möglich?

Glanzl: Ja bei den Marken ist da viel möglich. Da finden Sie sehr viel im Lebensmittelbereich. Schleichwege wie: "Aus kontrollierter Landwirtschaft", aus "kontrolliertem Anbau" oder "aus naturnahen Anbau". Das suggeriert "Bio", ist es aber nicht.

derStandard.at: Gibt es in der Naturkosmetik Siegel, auf die man sich verlassen kann?

Glanzl: In diesem Bereich ist es noch schwierig. Die Bezeichnung Naturkosmetik ist geschützt, allerdings wird an einheitlichen Richtlinien gearbeitet. Heute beziehen sich die Richtlinien auf den alten Lebensmittelkodex und da ist vieles nicht drinnen. Viele Produkte haben das Problem, dass sie diesem dadurch nicht entsprechen. Deshalb ist auch ein Wildwuchs entstanden.

derStandard.at: Gibt es ein empfehlenswertes Qualitätssiegel, ohne Tierversuche, mit biologischen Inhaltsstoffen und aus fairem Handel?

Glanzl: Das marktführende Siegel wäre das BDIH. Es kommt aus der Wirtschaft und entspricht relativ gut. Es könnte aber auch besser sein. Es ist aber noch das Beste, das es momentan gibt. (nia, derStandard.at, 23.10.2007)

Das Buch der 7 Siegel

ISBN 3-9501837-4-0
Oekodatenbank Oesterreich
€ 9,90

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Zum Buch der 7 Siegel

  • Artikelbild
    cover: das buch der 7 siegel/oedat
  • Der Blaue Engel - ein ernst zu nehmendes deutsches Qualitätssiegel
    foto: blauer-engel.de

    Der Blaue Engel - ein ernst zu nehmendes deutsches Qualitätssiegel

  • Qualitätsunterschied durch Farbkennzeichnung bei Naturtextil
    foto: naturtextil.com

    Qualitätsunterschied durch Farbkennzeichnung bei Naturtextil

  • Beispiel Öko-Standard100 von Öko-Tex
    foto: öko-tex

    Beispiel Öko-Standard100 von Öko-Tex

  • Der Grüne Punkt ist kein Umweltgütezeichen, sondern eine Entsorgungsabgabe
    foto: grüner punkt

    Der Grüne Punkt ist kein Umweltgütezeichen, sondern eine Entsorgungsabgabe

  • Das Naturkosmetiksiegel des BDIH
    foto: bdih

    Das Naturkosmetiksiegel des BDIH

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