Neuseeland zu wenig pragmatisch"

27. Oktober 2007, 14:52
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Renée Carmine-Jones, Trainerin des heimischen Frauen-Nationalteams, und Andreas Schwab, Präsident des RC Donau, plaudern über ihre Eindrücke von der abgelaufenen WM

derStandard.at: Wie intensiv haben Sie die WM verfolgt?

 

Schwab: Sehr. Ich habe mir extra die entsprechenden Fernsehprogramme besorgt. Tickets sind ja abartig teuer, aber für das Finale hat sich dann doch etwas ergeben.

Carmine-Jones: Ich habe mir mit meinen Mädls (dem österreichischen Frauen-Nationalteam, Anm.) Neuseeland gegen Italien im Stadion angesehen. Als Belohnung für die gute Saison davor.

derStandard.at: Was ist sportlich hängen geblieben?

Schwab: Auffällig waren die Fortschritte der sogenannten Second Tier Nations, also der nicht ganz so starken Mannschaften. Die haben mit knappen Ergebnissen aufgezeigt. Portugal zum Beispiel, das sind reine Amateure. Immerhin haben sie gegen Neuseeland 13 Punkte gemacht.

Carmine-Jones: Besonders Fiji hat alle überrascht, das Wales in der Gruppenphase ausgeschaltet hat. Nur Japan und Namibia sind wirklich abgefallen.

derStandard.at: Dabei gibt es ja Überlegungen im Internationalen Rugby Verband (IRB), das Teilnehmerfeld von 20 auf 16 zu reduzieren, weil das Gefälle so eklatant sei.

Schwab: Noch steht die Entscheidung nicht, wie viele Mannschaften 2011 in Neuseeland tatsächlich dabei sein werden. Ich glaube, das hängt weniger mit einem Gefälle zusammen, als damit, dass die Neuseeländer offenbar logistische Probleme haben ein Turnier mit 20 Teilnehmern zu organisieren.

derStandard.at: Und die Lage in Europa? Können nach Italien auch andere Länder mittelfristig den Anschluss an die Weltklasse schaffen?

Schwab: Das ist oft eine Frage des Geldes. Ich würde sagen, am ehesten Georgien und Rumänien. Die sind körperlich sehr stark und ihre Topleute spielen in der französischen Profiliga. Man muss dort versuchen, dass Strukturen geschaffen werden, damit Rugby auch im eigenen Land hochkommt. Riesenpotenzial gibt es in Russland, wo man eine Profiliga etablieren möchte.

Carmine-Jones: Bei den kleinen Ländern spielt die Motivation auch eine sehr große Rolle. Sonst könnten, was die Einwohnerzahl betrifft, auch Fiji, Samoa oder Tonga nicht so gut mithalten. Obwohl die einen recht großen Spielerpool aufgrund der vielen Expats in Neuseeland oder Australien haben.

derStandard.at: Was war am Turnierverlauf aus Ihrer Sicht besonders bemerkenswert?

Schwab: Es war interessant zu sehen, dass die klassischen Favoriten nicht so weit gekommen sind. Stattdessen hat es eine Mannschaft wie England, die man eigentlich abgeschrieben hatte, doch bis ins Endspiel geschafft. Eine Entwicklung, die ich nicht so positiv finde, war die Art des Rugby, die insbesonders ab der K.O.-Phase gespielt wurde. Da wurde nichts mehr riskiert. Man hat auf Raumgewinn gekickt und dann mit den großen starken Leuten, das Spiel der Gegner so stranguliert bis die Fehler machen. Das ist nicht schön anzuschauen, vor allem für Leute, die sich nicht sehr intensiv mit Rugby befassen. Bewundernswert war die Disziplin der Mannschaften.

Carmine-Jones: Spektakuläres Spiel fehlt manchmal bei der Weltmeisterschaft. Es geht um soviel, dass in erster Linie die Punkte zählen und nicht das schöne Spiel. Bei Matches zwischen den Klubs, bei denen die großen Stars spielen, ist das oft ganz anders.

derStandard.at: Ist das mit ein Grund für das Scheitern von Neuseeland, das sich offenbar nicht zu einem effektiven Stil durchringen kann?

Schwab: Neuseeland spielt sicher zu wenig pragmatisch und manchmal taktisch unklug. Sie haben vier Jahre auf das Turnier hingearbeitet und dabei den Schwerpunkt darauf gelegt, viele Spieler auf hohes Niveau zu bringen. Sie hatten dann zwar einen großen Pool, aber keine eingespielte Mannschaft. Das Gegenstück dazu ist in dieser Hinsicht Argentinien, die genau deshalb so weit gekommen sind.

derStandard.at: Sie scheinen sich besonders offensiv verbessert zu haben...

Schwab: Argentinien ist jetzt auf allen Positionen gut besetzt und dazu noch diszipliniert. Damit hatten sie früher oft Probleime. Außerdem spielen fast alle Spieler in Frankreich.

Carmine-Jones: Das erklärt wohl auch zum Teil, warum Frankreich immer gegen Argentinien verliert.

Schwab: Viele Trainer wissen nicht, wie sie ihre Mannschaft gegen Frankreich einstellen sollen, weil man einfach nicht weiß was sie tun. Oft wissen sie das wohl selbst auch nicht. Die Argentinier kennen Frankreich auswendig.

derStandard.at: Das Problem der Argentinier ist ja auch mangelnde Spielpraxis, weil sie weder bei keinem Turnier wie dem Six Nations oder dem Tri Nations dabei sind.

Schwab: Es herrscht eigentlich Einverständnis, dass sie irgendwo mitspielen sollten. Die Frage ist, wie das realisiert werden kann. Bei den Six Nations ist das Problem die Tradition. Das Dreinationen-Turnier (Australien, Neuseeland, Südafrika) wird aus logistischen und finanziellen Gründen ebenfalls schwierig, weil Argentinien einfach so weit von allem entfernt liegt.

derStandard.at: Neuseeland und Australien sind gegen Frankreich und England ausgeschieden. Wie ist nun das Kräfteverhältnis zwischen Nord und Süd einzuschätzen?

Schwab: Der Klasse-Unterschied ist sicher nicht so groß, wie vor dem Turnier kolportiert. Dazu kommt, dass Neuseeland und Australien taktisch einfach nicht gut gespielt haben. Australien hat etwa seit Jahren keine Erste Reihe - das sind die kleinen Dicken ganz vorne im Gedränge. Sie können oder wollen nicht akzeptieren, dass man ohne die einfach nicht spielen kann, weil man keine Bälle gewinnt.

Die Vernachlässigung des Scrum hat sicher auch mit den Umweltbedingungen zu tun. In Australien hat man es meist mit trockenem harten Boden zu tun, und forciert darum das Passspiel. In England wird oft bei schlechtem Wetter gespielt, es kommt öfter zu Fehlern und damit auch zu mehr Scrums als Mittel zur Fortsetzung des Spiels. Die Engländer, aber auch Frankreich und Argentinien zelebrieren den Scrum fast mit besonderem Stolz.

Carmine-Jones: Frankreich hat gegen Neuseeland umgestellt und fast "englisch" gespielt. Das hat die All Blacks sicher überrascht. Frankreich hat in der zweiten Halbzeit keinen einzigen Penalty verschuldet und waren im Tackling unglaublich gut.

Schwab: Es wird auch argumentiert, dass die Europäer mit Druck besser umgehen können. Hier gibt es in den Klubbewerben Auf- und Absteiger. Im Gegensatz zu den Super 14, wo australische, neuseeländische und südafrikanische Provinzteams gegeneinander antreten. Deshalb sind Europäer eher in der Lage, auch während einer Partie umzuschalten, wenn es darum geht schiach zu spielen, aber zu gewinnen.

derStandard.at: Es ist doch überraschend, das die spielerisch begabte Mannschaften nicht in der Lage sind, starke Defensiven zu überwinden. Warum ist das so?

Schwab: Die Spieler sind mittlerweile körperlich so stark, dass sie in der Lage sind, den Druck über ein gesamtes Spiel zu absorbieren. Die Defensive bricht einfach nicht. Außerdem wird in Rucks und Mauls so aggressiv attackiert, dass der Gegner nur schlechte Bälle bekommt. Das zehrt an den Nerven. Diese physische Dominanz macht auch mental müde.

derStandard.at: Ist Doping im Rugby ein Thema?

Schwab: Absolut. Während der WM wurden extrem viele Tests durchgeführt. Die Strafen sind außerdem enorm.

derStandard.at: In Südafrika soll nun durch eine Quotenregelung der Anteil der farbigen Spieler im Nationalteam erhöht werden. Der richtige Weg?

Carmine-Jones: Ich finde, dass Sport nichts mit Politik zu tun haben sollte. Ich glaube, dass hier viel von außen ins Rugby hineingetragen wird. Das Team soll ja auch einen neuen Namen bekommen und künftig nicht mehr Springboks heißen. Im Gespräch ist "Protea", nach der südafrikanischen Nationalblume, die im Wappen des Teams oberhalb der Antilope zu sehen ist.

Schwab: Eine ganz schwierige Frage. Ich finde Quoten problematisch, weil sie ja auch die Position der farbigen Spieler im Team untergräbt. Die wollen ja auch wegen ihrer sportlichen Qualitäten dabei sein und nicht aufgrund einer Quote. Außerdem werden über die Provinzteams ohnehin vermehrt farbige Spieler herangeführt. Das dauert aber seine Zeit. Hätte Südafrika das Finale verloren, würde die Diskussion aber wahrscheinlich noch intensiver geführt. (Mit Reneé Marie Carmine-Jones und Andreas Schwab sprach Michael Robausch; derStandard.at, 22.10. 2007)

 

  • Reneé Marie Carmine-Jones (li) ist beim Österreichischen Rugby-Verband für die Entwicklung des Frauenbereichs zuständig und trainiert zudem das Frauen-Team beim Wiener Klub RC Donau. Andreas Schwab ist dort ihr Präsident.
    foto: robausch

    Reneé Marie Carmine-Jones (li) ist beim Österreichischen Rugby-Verband für die Entwicklung des Frauenbereichs zuständig und trainiert zudem das Frauen-Team beim Wiener Klub RC Donau. Andreas Schwab ist dort ihr Präsident.

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