Stars zum Angreifen

4. Juli 2007, 18:00
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Jane Fonda bewies, was Michael Madsen erklärt hatte: Auffällige Bodyguards braucht man meist nur, um Trubel, der ohne sie gar nicht entstände, zu kontrollieren

Es war am Freitag. Da hätte ich Jane Fonda fast über die Haare streicheln können. Nicht nur einmal: Fonda saß bei der Viennale-Eröffnung drei Reihen vor mir. Im Gartenbaukino. Und zwar stundenlang. Jedenfalls so lange, bis der Film vorüber war.

Das ist, meinte M., bemerkenswert. Und zwar nicht nur, weil man doch eigentlich glauben sollte, dass Frau Fonda den Viennale-Eröffnungsfilm schon kannte: "Klute" stammt aus dem Jahr 1971 – und sogar wenn Fonda damals die Premiere versäumt haben sollte (was sie nicht hat), sollte sich seither wohl die eine oder andere Gelegenheit ergeben haben, einen Film, in dem sie die weibliche Hauptrolle spielt, zu sehen.

Red-Carpet-Tour

Andere Stars, wissen M. und ich, sind da nämlich anders. Ganz anders. Wenn die für die "echten" Premieren ihrer Filme auf PR-Red-Carpet-Tour geschickt werden, sind sie meistens schon wieder aus dem Kino draußen, bevor sich die Augen des Publikums an die Dunkelheit im Saal gewöhnt haben. Und auch wenn das dem Publikum manchmal weh tut, können M. und ich schon auch verstehen, dass man einen Film auch dann nicht täglich zweimal sehen wollen muss, wenn der eigene Name fett im Vorspann steht.

Aber Frau Fonda blieb im Gartenbaukino. Bis zum Schluss. Und erfüllte ihre Stargastpflicht danach auch bei der Gala im Rathaus ganz anders, als wir das sonst oft erleben: Während wir aus Erfahrung mit einem Winke-Winke-Kurzauftritt hinter einer Wand von Bodyguards gerechnet hatten, saß da eine elegante Dame mitten im großen Festsaal des Rathauses, plauderte und aß – und war für jeden, der wollte ohne Weiteres erreich- und ansprechbar. Und wurde in Ruhe gelassen.

Partyinventar

Dabei war Fonda nach außen hin schutzlos: Die unübersehbar unauffälligen starken Wiener Buben, die M. und ich (so wie jeder, der beruflich auf mehr als drei Promievents war) mittlerweile fehlerfrei in jeder Menschenmenge erkennen können, weil sie als private Personenschützer zum Wiener Partyinventar gehören, waren weder an den Nachbartischen noch sonst wo im Saal zu sehen. Und auch im Gartenbaukino war Frau Fonda (fast) ganz ohne Hilfsmuskel ausgekommen: Lediglich den Weg durch die Fotografen hatte man ihr sichern müssen.

Den Grund dafür hatte M. und mir einmal ein Kollege von Fonda erläutert: Michael Madsen hatte uns zum Interview in einer Suite eines Wiener Hotels empfangen – und als ich ihn fragte, für wie gefährlich er Wien denn halte, weil da am Gang fünf Muskeln im Anzug herumgestanden waren, hatte der Filmbösewicht geseufzt, dass "von ein paar Ausnahmen abgesehen, kein Schauspieler diesen Blödsinn braucht."

Versicherungsfrage

Die Wächter, so Madsen, gehörten aber trotzdem dazu: Offiziell, weil die Versicherungen sie den Filmfirmen in die Verträge hineindiktierten. Tatsächlich aber "weil es sonst ja passieren könnte, dass man zu seiner Premiere kommt, da reingeht – und keiner kriegt es mit." Aber mit drei bis fünf Männern in schwarzen Anzügen, so Madsen, schaue das schon wieder ganz anders aus: "Da weiß dann jeder, dass der in der Mitte wichtig ist. Und sogar die, die nie hingedrängelt hätten, machen einen Schritt in diese Richtung."

Manchmal, gab der Schauspieler zu, sei es natürlich tatsächlich wichtig, ein paar starke Schultern im Rücken zu haben. Weil ("aber Wien ist da ein wenig anders, kommt mir vor") mitunter das Journalisten-Gedrängel ein wenig beengend werden könne. Aber "das ist dann eben die Frage, ob Henne oder Ei zuerst da waren." Und andererseits, so Madsen, könne man sich die Erwartung des großen Auftritts ja auch zunutze machen: "Weil niemand glaubt, dass Stars ohne Bodyguards, Sonnenbrille oder Kappe einkaufen gehen, erkennt einen auf der Straße dann auch kaum je jemand –keine Verkleidung ist oft die beste Verkleidung, um in Ruhe gelassen zu bleiben."

Jogginghose

Am Freitag saß Jane Fonda dann zuerst im Kino drei (oder vier) Reihen vor mir. Und danach aß sie wie ein ganz normaler Mensch mitten im Rathaus. Sie nicht zu erkennen, meinte auch M., wäre zwar in diesem Setting unmöglich gewesen – aber "es gibt eben Menschen, die haben von sich aus genug Klasse: die schaffen den großen Auftritt ohne jedes Beiwerk, weil sie genug Ausstrahlung haben. Vermutlich sogar im Jogginganzug."

Doch während wir Fonda aus drei Tischen Entfernung bewunderten, stand neben uns die Society-Schreiberin eines etwas anders positionierten Blattes. Und beneidete uns: "Ihr habt ja eh recht – aber für mich ist die Frau eine Katastrophe: die ist so unprätentiös und unkompliziert, dass ich nicht weiß, was ich schreiben soll. Ein Star, der keine Allüren hat und nur nett ist, gibt zu wenig her. Wen interessiert es, wenn die da sitzt, isst und intelligente Gespräche führt?"

Zwei Stunden später standen M. und ich dann beim Ausgang des Rathauses und wollten gehen, als Frau Fonda die Stiegen herunter kam. Mit Begleiter und Stadtrat, aber ohne Bodyguards. Neben mir standen Promotion-Mädchen, die Zuckerln verteilten. Eine trat an Jane Fonda heran: "Wollen sie ein paar Zuckerln? Die garantieren einen frischen Atem", spulte sie ihr Satzerl runter. Fonda winkte im Vorbeigehen ab. Als die Schauspielerin weg war, klärte M. die Promotorin auf. Zuerst glaubte sie uns nicht. Dann wurde sie rot. "Gott, ist das peinlich! Aber wie hätte ich sie denn erkennen sollen? Die schaut ja aus, wie ein ganz normaler Mensch!" (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 22.10.2007)

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