"Behandlung ohne Ausbildung"

28. April 2008, 13:52
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Parodontologie wird erst seit 2000 gelehrt: Zahnärzte, die schon praktizieren, will Corinna Bruckmann nachschulen - Ein STANDARD-Interview

STANDARD: Wie stark ist Parodontitis tatsächlich verbreitet?

Bruckmann: Es gibt für Österreich leider keine Daten, das ist ein Versäumnis. Eine deutsche Studie an etwa 5000 Zahnarztpatienten zwischen 35 und 45 Jahren kommt zum Ergebnis, dass 50 Prozent der Menschen dieser Altersgruppe mittelschwere Parodontitis haben. Je älter, desto mehr.

STANDARD: Die gehen zum Zahnarzt. Der hat aber keine Ahnung, weil er Parodontologie nicht studierte. Und dann?

Bruckmann: In Wien wird das Fach seit 2000 im Rahmen des Zahnmedizinstudiums in vergleichsweise hoher Stundenzahl verpflichtend gelehrt. So können unsere Studierenden jene Basiskenntnisse erwerben, die heute für jeden Zahnarzt ein Muss darstellen.

STANDARD: Von diesen Studenten sind erst wenige fertig. Und die, die schon praktizieren?

Bruckmann: Die Österreichische Gesellschaft für Parodontologie hat mit der Med-xUni Wien einen postgraduellen, zweijährigen, berufsbegleitenden Lehrgang für Zahnärzte aufgebaut. Ab März 2008 gibt es universitäre Weiterbildung in Form eines Curriculums Parodontologie.

STANDARD: Und welcher Zahnarzt soll sich das dann antun? Erstens hat jeder schon sein Jus practicandi, zweitens geht die Zeit dafür zulasten seiner Praxis, und drittens müsste er die Ausbildung selbst bezahlen.

Bruckmann: Ganz so pessimistisch bin ich nicht, immerhin gibt es auch einen gewissen internationalen Druck in der Fachwelt, nicht den Anschluss zu verlieren. Und die Patienten werden immer mündiger und kritischer. Wir sehen in der täglichen Praxis an der Zahnklinik Patienten, deren parodontale Probleme nicht fachgerecht diagnostiziert, geschweige denn behandelt wurden. Sie haben schon Recht: Derzeit kann jeder Zahnarzt parodontologische Prophylaxe und sogar chirurgische Behandlung anbieten, auch wenn er dafür weder ausgebildet wurde, noch sich freiwillig weitergebildet hat.

STANDARD: Und wie kann man oder die Kammer das ändern?

Bruckmann: Mit Qualitätskontrollen, Qualitätsstandards, Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Anerkennung, Ausweisung und Förderung von Spezialisten. Heute gibt es noch nicht einmal Qualitätsstandards für zahnärztliche Mundhygiene. Helferinnen, die eine solche durchführen, haben häufig keine oder im internationalen Vergleich zu geringe Ausbildung dafür. (Andreas Feiertag, MEDSTANDARD, 22.10.2007)

  • Zur Person
Corinna Bruckmann (46) absolvierte eine dreijährige postgraduelle Ausbildung in Parodontologie in den Niederlanden, ist Oberärztin an der Wiener Universitätszahnklinik, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie und Administrative Leiterin des Hochschullehrganges "Paromaster" an der Med-Uni Wien.
    foto: bruckmann

    Zur Person

    Corinna Bruckmann (46) absolvierte eine dreijährige postgraduelle Ausbildung in Parodontologie in den Niederlanden, ist Oberärztin an der Wiener Universitätszahnklinik, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie und Administrative Leiterin des Hochschullehrganges "Paromaster" an der Med-Uni Wien.

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