Ein Land ohne Boden

23. Oktober 2007, 16:19
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Im amharischen Hochland in Äthiopien zerstören Hitze und Überschwemmungen Ernten, Böden und eine ganze Lebensweise

Vor 60 Jahren war das Hochland noch zu 43 Prozent bewaldet, heute sind es nur mehr zwei Prozent. Schuld ist der Klimawandel.

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Ato Mulualem Birhane und seine Frau hocken auf ihrem Feld und rupfen Unkraut aus. Mit gezieltem Griff entfernen sie die Halme, die sich zwischen dem Tef breitgemacht haben. Tef wird viel angebaut im amharischen Hochland, die Getreidesorte wächst kaum irgendwo sonst auf der Welt. Die Ernte könnte gut werden in diesem Jahr, sagt der 48-jährige Mulualem. Wenn das Wetter mitspielt.

"Früher gab es einmal im Jahr eine feste Regenzeit, aber seit ein paar Jahren kommt sie, mal kommt sie nicht, dann regnet es zu stark oder zur falschen Zeit." Hinter den beiden Eheleuten, die seit 1991 hier im Dorf Dembecha gut 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba ihre Farm betreiben, türmen sich dunkle Wolken auf. In der Ferne donnert es.

Extreme Wetterereignisse erleben die Bauern immer öfter. In diesem Herbst wurden eine Autostunde von hier 42.000 Bewohner obdachlos, weil die Überschwemmungen so schlimm waren. 2006 kamen 900 Menschen ums Leben, Hunderttausende verloren in den schlimmsten Fluten seit Jahrzehnten ihren ganzen Besitz. Mulualem ist sich sicher: "Dass das Wetter so verrücktspielt, das liegt am Klimawandel." Selbst wenn der Himmel blau ist, habe sich vieles verändert: "Früher hatten wir hier im Hochland moderate Temperaturen, aber inzwischen ist es heiß, zu heiß."

Afrikaweit steigende Temperaturen und eine Zunahme extremer Wetterereignisse sind Teil der Voraussagen der Klimaforscher vom gerade erst mit dem Friedensnobelpreis bedachten Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaveränderung, IPCC. Doch was das konkret bedeutet, erfahren Mulualem und die Bewohner von Dembecha längst am eigenen Leib. In Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Welt, sind praktisch alle Bauern auf die Geschicke des Wetters angewiesen, um eine lohnende Ernte einfahren zu können. "Ich habe bei der Hungerkatastrophe Mitte der 80er-Jahre gesehen, was eine Missernte bedeuten kann", erinnert sich Mulualem und schaudert. Damals hat er sich entschieden, zurück aufs Land zu gehen und als Bauer dazu beizutragen, die Ernährungssituation im Land zu verbessern.

Die Auswirkungen des Klimawandels treffen auf eine ausgelaugte Natur, die sich kaum noch zur Wehr setzen kann. Vor 60 Jahren, so ein Beamter des lokalen Umweltamts, war das amharische Hochland noch zu 43 Prozent bewaldet. Heute sind weniger als zwei Prozent Wald. "Weil keine Bäume mehr stehen, spülen die inzwischen so heftigen Regenfälle den fruchtbaren Mutterboden weg." Und oft auch mehr: Quer durch Dembecha zieht sich ein zwei Meter breiter und genauso tiefer Graben. Die Regenfälle der letzten beiden Jahre haben ihn geschaffen. Wer von der einen zur anderen Dorfseite will, muss durch die nach Regenfällen reißenden Fluten am Boden des Grabens waten. Erosion ist überall im amharischen Hochland ein gängiges Bild: Berghänge rutschen ab, Weiden werden unterspült.

Mulualem und seine Frau Wubalem versuchen seit Jahren zu retten, was zu retten ist. Sie pflanzen Bäume, und Wubalem baut Energiesparöfen, auf denen die aus Tef-Mehl gemachten Injerafladen mit weniger Feuerholz als üblich gebacken werden können. So hofft Wubalem auch, ein paar Traditionen retten zu können, obwohl immer mehr Jugendliche Dembecha verlassen. "Die Böden geben nichts mehr her, deshalb gehen die jungen Leute in die Stadt und verkaufen Lotterielose - und im schlimmsten Fall ihren Körper", weiß die dreifache Mutter. (Marc Engelhardt aus Dembecha, DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2007)

  • Die Erosion infolge der immer stärkeren Regenfälle hat den Boden quer durch die Felder Dembechas aufgerissen.
    foto: standard

    Die Erosion infolge der immer stärkeren Regenfälle hat den Boden quer durch die Felder Dembechas aufgerissen.

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