"Wir brauchen massiven Uni-Ausbau"

14. Jänner 2008, 10:11
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Der Präsident der Rektorenkonferenz im STANDARD-Interview über nationalen Selbstschutz und die soziale Öffnung der Unis

STANDARD: Die EU-Kommission verschafft Österreich eine Atempause. Das Verfahren gegen den Uni-Zugang mit den Medizin-Quoten wird für fünf Jahre auf Eis gelegt. Und dann?

Badelt: Das Wort Atempause ist das richtige Wort. Man braucht eine grundsätzliche Lösung dieses Problems, und die kann nur eine politische sein. Da waren schon viele Bestrebungen im Gang, auch andere Länder als Partner zu finden. Ich hoffe, dass das in diesen Jahren geschehen kann._Und dann können wir uns vielleicht bald einmal auf die wirklichen Fragen des Hochschulzuganges konzentrieren.

STANDARD: Welche politische Lösung ist für Sie vorstellbar?

Badelt: Dass die anderen Länder akzeptieren, dass es nicht möglich ist, dass ein Land sozusagen seine Studierenden in das Nachbarland hinüberschickt. Dieses Thema existiert ja nicht nur zwischen Österreich und Deutschland. Politische Lösung heißt für mich, dass die jetzige Quote offiziell akzeptiert wird, oder aber, was sicher eine noch größere Lösung wäre, es kommt zu einer Art Finanzausgleich. Ich neige dazu, dass man versteht, dass es eine Art Selbstschutzmechanismus braucht.

STANDARD: Wenn in fünf Jahren eine Lösung für Medizin gefunden wird, dann ist das ja auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein namens Uni-Zugang.

Badelt: Wir haben immer klargemacht, dass das Problem auch ohne EuGH-Gesetzgebung da gewesen wäre. Wir haben auch für Österreicher nicht ausreichend Ausbildungsplätze für die Medizin, und wir haben in anderen Studienfächern auch Kapazitätsprobleme. Wir brauchen ein massives Ausbauprogramm für Universitäten. Und in einer Übergangsphase, bis man dieses Ausbauprogramm realisiert, wird es eben in den überlasteten Studienfächern entsprechende Zugangsregeln geben müssen. Aber das steht nicht an erster Stelle. An der allerersten Stelle steht der Ausbau.

STANDARD: Massives Uni-Ausbauprogramm heißt konkret?

Badelt: Wir müssen in den nächsten Jahren eine zusätzliche Milliarde mehr, und zwar laufend, für den universitären Bereich schaffen. Ich bin Realist, und weiß, dass das nicht von einem Jahr auf das andere möglich sein wird, aber wir brauchen eine klare Roadmap dazu. Die sollte in den nächsten Monaten vereinbart werden. Man müsste wohl über zwei oder maximal drei Leistungsvereinbarungsperioden, sechs bis neun Jahre, einen solchen klaren Expansionskurs budgetieren.

STANDARD: Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat für sechs Fächer Zugangsbeschränkungen auf weitere zwei Jahre verlängert. Genügt das oder sehen Sie darin eine politische Alibihandlung, die das ganze Problem nur verschiebt?

Badelt: Ich weiß von jenen Unis, wo Pharmazie oder Biologie unterrichtet wird, dass sie ein Ende der Zugangsregelungen von den Laborplätzen und der Infrastruktur her nicht schaffen und daher diese Verordnung brauchen werden – oder sie bekommen zusätzliche Mittel. Dadurch, dass im Gesetz die Zugangsbeschränkungen aufgehoben werden, ist ja kein einziger neuer Studienplatz geschaffen. Diesen Teil des Beschlusses sehe ich kritisch. Insgesamt sehe ich ihn pragmatisch positiv, weil uns diese Zweijahresperiode die legistische Atempause gibt, im Zuge der Unigesetzreform eine dauerhafte Lösung zu finden.

STANDARD: Kann man diesen Expansionskurs auch umlegen in zusätzliche Studienplätze?

Badelt: Dieser Expansionskurs würde sich auf zwei Bereiche auswirken. Wenn ich das Geld nehme, dann würde es wohl darum gehen, in den naturwissenschaftlichen Fächern die Infrastrukturausstattung zu verbessern, und in den „bücherwissenschaftlichen“ Massenfächern das Personal auszubauen. In beiden Fällen würden sich die Studienbedingungen sowohl quantitativ als auch qualitativ verbessern.

STANDARD: Studienplatzfinanzierung, die Sie wollen, scheint in weiterer Ferne denn je.

Badelt: Für die großen Fächer, das ist entscheidend, gilt: Jedes Jahr früher ist besser als später, weil wir erst dann zu einer realistischen Kalkulation kommen. Das Problem wird sich nicht stellen an den Kunstuniversitäten oder an den Technischen Unis, aber es wird sich in den Massenfächern stellen. In Wahrheit stellt es sich schon jetzt, denn wenn man zum Beispiel sagt, wir wollen in Biologie oder Pharmazie mehr Ausbildungsplätze, dann wird man das nur kriegen können, wenn man dort in die Infrastruktur investiert, und das wird was kosten – und damit ist man schon bei der Studienplatzfinanzierung.

STANDARD: Sie kritisieren, dass beim Uni-Zugang die Matura im Vordergrund steht. Die Noten haben immer weniger Aussagekraft. Alternative dazu?

Badelt: Ein schematisches Zuordnen finde ich nicht gut. Es wäre einer von mehreren Punkten einer sozialen Öffnung der Universität, den Unis noch mehr Rechte zu geben, Personen ohne Matura zu nehmen. Aber bitte anders als das jetzt in der Diskussion der Qualifikationsrahmen diskutiert wird. Das gilt nur, wenn’s die Unis entscheiden können. Aber es geht nicht, dass irgendeine Behörde außerhalb sagt, wenn ich so und so viele Praxisjahre im Beruf habe, habe ich das Recht, auf die Uni zu gehen. Das ist eine ganz andere Betrachtungsweise.

STANDARD: Sie sagen, die Unis kranken auch an mangelnder Verbindlichkeit. Ein Vorwurf Richtung Studierende, die sich für viele Seminare oder Prüfungen anmelden und dann fernbleiben. Nur leider hat die Uni dafür halt schon die Stadthalle angemietet. Welchen Ausweg sehen Sie da, wenn man nicht die Verschulung der Unis will?

Badelt: Ich will nicht die Freiheit der Studenten beschränken, ihre Lehrveranstaltungen selbst zusammenzustellen. Ich sage, weil wir die Studienbedingungen verbessern müssen, müssen wir auch die Quellen der Ineffizienz ausschalten. Eine ist diese Beliebigkeit. Ich würde die Studiengebühren mit dem Recht verbinden, eine bestimmte Zahl von ECTS-Punkten, die man für eine Prüfung oder ein Seminar bekommt, zu erwerben. Ich zahle dann nicht pauschal für ein Semester, sondern für eine bestimmte Zahl von Punkten, und da habe ich dann auch einen Platz. Das müsste dann die Wechselseitigkeit sein. Wer nur drei Seminare im Semester machen will oder kann, zahlt auch nur für diese drei. Ich glaube, das würde zwei Fliegen auf einen Streich treffen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2007)

Zur Person: Christoph Badelt (56), Volkswirtschafter mit Schwerpunkt Sozialökonomie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, ist seit 2002 Rektor der WU Wien.
  • Österreich und die EU sollen eine politische Lösung für das Medizin-Studium finden, sagt Rektorenchef Christoph Badelt: "Und dann können wir uns vielleicht bald einmal auf die wirklichen Fragen des Hochschulzugangs konzentrieren."
    foto: corn

    Österreich und die EU sollen eine politische Lösung für das Medizin-Studium finden, sagt Rektorenchef Christoph Badelt: "Und dann können wir uns vielleicht bald einmal auf die wirklichen Fragen des Hochschulzugangs konzentrieren."

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