Jane Fonda: "Du hast wirklich Talent"

23. Oktober 2007, 10:38
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Viel Getöse herrschte am Wochenende in Wien rund um Jane Fonda - der US-Superstar im STANDARD-Interview

Fonda beehrte die Eröffnung der Viennale. Neben einer Pressekonferenz gab sie nur wenige Interviews: Das einzige für eine österreichische Zeitung ging an Claus Philipp.


Standard: Mrs. Fonda, beginnen wir mit einer Frage, mit der der US-Journalist Lawrence Schiller mitunter Prominente zum "Selbstporträt" verführt: Wenn Sie Ihr bisheriges Leben mit einem bekannten Kunstwerk vergleichen müssten - welches fiele Ihnen da ein?

Fonda: Vorerst einmal Klimts Kuss. Das Gemälde ist meine aktuelle Obsession: Sinnlich, mutig, voll von Widersprüchen, Kontrasten und Originalität. Andererseits: Wirklich vergleichen kann ich mein Leben damit nicht. Der Kuss symbolisiert eher etwas, das ich mir immer gewünscht habe. Guernica wiederum ... nein, das wäre zu hart.

Standard: Jim Carrey meinte auf die Frage einmal: "Der Schrei" von Munch ...

Fonda: Für ihn ist das sicher die perfekte Auswahl. (lacht) Nein bei mir wäre es wohl eher eine Abfolge von "Bildern einer Ausstellung". Mein Leben ist von so vielen völlig unterschiedlichen Facetten bestimmt. Da wäre also ein junges Mädchen, mit weit geöffneten Augen, gemalt von Renoir: Bin das wirklich ich? Oder: Vielleicht wirklich Der Schrei ...

Standard: Bei der Viennale-Galaeröffnung mit Alan Pakulas "Klute" meinten Sie, dass Sie den Film über 40 Jahre nicht gesehen hätten. Vermeiden Sie es, sich selbst auf der Leinwand zu beobachten?

Fonda: Ich finde es furchtbar, geradezu beängstigend. In dem Fall ist aber der Film immerhin derartig gut, dass er mir das Gefühl gab, jemand anderem zuzusehen. Und dann gab's natürlich auch wieder Szenen, wo ich mich erinnert habe, wie die entstanden sind. (Simuliert den Konsum eines Joints und singt eine protestantische Hymne.) "We gather together ..." Das stand damals nicht im Drehbuch. Es ist mir einfach so eingefallen. Und ich finde das, ganz unbescheiden gesagt, großartig.

Auch die Szene, wo ich mit Donald Sutherland Obst kaufen gehe, nebenher einen Apfel mitgehen lasse und mich schließlich spielerisch an Sutherlands Jackett festhalte: Das war alles improvisiert. Die Arbeit mit Pakula - das war wie Wiener Walzer, man konnte sich öffnen, mit ganz einfachen Gesten Gefühle vermitteln. Pakula ließ die Kamera immer einen Deut länger laufen als eigentlich notwendig. Und solche Momente ereigneten sich nicht selten gerade in dieser "überschüssigen" Zeit.

Standard: Als Tochter der Holywoodlegende Henry Fonda - hatten Sie da jemals eine Chance, Kino naiv und anders wahrzunehmen denn als Job, der dann bestenfalls ein anderes Publikum verzaubert?

Fonda: Mein Vater hat zuhause nie über die Arbeit geredet. Er vermittelte auch nie den Eindruck, als ginge er einer freudvollen Tätigkeit nach. Er war ein launenhafter Mann, und wenn er abends nachhause kam, war er oft schlechter Laune. Wir haben ihn auch nur selten auf Sets besucht.

Ich wollte nicht Schauspielerin werden. Definitiv nicht, dafür war ich viel zu schüchtern. Aber dann wurde ich 21, 22 Jahre alt, man hatte mich grad in einem Job als Sekretärin gefeuert, irgendwie musste ich wohl weiterhin meinen Unterhalt verdienen. Da hat mich Lee Strasbergs Tochter Susan eingeladen, doch einen Kurs in der Schauspielschule ihres Vaters zu belegen.

Einen Monat saß ich eher desperat in so einer Klasse herum, bis ich einmal eine Szene vorführen sollte. Strasberg meinte: "Du hast wirklich Talent." Es war, als höbe sich meine Schädeldecke und heraus flögen Vögel. Als wäre ich Besitzerin von New York City. Alles hatte sich verändert. Seither habe ich so hart wie möglich daran gearbeitet, mein Bestes zu geben.

Standard: Wie war es übrigens, den eigenen Vater im Kino zu sehen?

Fonda: Damit hatte und habe ich kein Problem. Er selbst hat sich nie einen Film angesehen, in dem er mitgespielt hat. Deswegen war es auch sehr bewegend, als er zum ersten Mal ... (mit Tränen in den Augen) ich vermisse ihn noch immer ... jedenfalls, er kam zu einem Testscreening zu On Golden Pond, seinem letzten Film, den ich produzierte und in dem wir auch gemeinsam gespielt haben. Und da ist er nachher zum Regisseur Mark Rydell hingegangen und hat ihn umarmt: "Danke." Fünf Monate später ist er gestorben.

Katharine Hepburn, die im Film seine Frau spielte, war da ganz anders: Die hat sich im fertigen Film wiederholt studiert. Obwohl: Während der Dreharbeiten wollte sie auch kein belichtetes Material sehen. Einmal sagte sie zu mir: "Jane, als ich Ein Löwe im Winter drehte, hab ich das getan. Das einzige was ich sah, waren meine Falten. Ich war unfähig, mich darauf zu konzentrieren, was gut für den Film wäre."

Standard: Wenn Sie zurückblicken auf die verschiedenen Images, die Sie hatten - von "Barbarella" über "Hanoi Jane" bis zu Ihren Aerobic-Videos, wie bringen Sie die heute für sich auf einen Nenner?

Fonda: Um diese Frage zu beantworten, habe ich meine Memoiren geschrieben: Ist da ein "Ich", eine Verbindung zwischen all den öffentlichen Bildern? Wer bin ich? Mit 60 schon hatte ich meine Tochter eingeladen, einen kleinen Film über mein Leben zu drehen. Sie sagte damals zu mir: "Mum, am besten wäre es, wir lassen einfach ein Chamäleon über die Straße krabbeln."

Standard: Sie haben ja gewissermaßen vorweggenommen, was Popstars wie Madonna heute durchexerzieren: Permanent sich neue Rollenbilder und Images erfinden ...

Fonda: ... mit einem keinen Unterschied. Bei Madonna geht's nur um die Oberfläche: Mode, Haarschnitt, etc. Bei meinen Veränderungen ging's weniger um Optik als darum, dass mit schöner Regelmäßigkeit eine völlig neue Person auf den Plan trat. Irgendwann kam ich beim Schreiben meiner Memoiren aber drauf, dass es da sehr wohl ein durchgängiges "Thema" gibt. Immer stellte ich die Frage: Was tue ich hier eigentlich? Warum bin ich hier?

Standard: Denken Sie, dass so etwas für Amerikaner schwieriger zu beantworten ist?

Fonda: Nein. Wieso?

Standard: Als da wären - weniger Kultur und Geschichtsbewusstsein als in Europa?

Fonda (lacht): Ja, schon, aber dafür haben wir unsere eigene "From birth to death culture"! Ich habe deswegen aber auch länger in Frankreich gelebt: weg von den eigenen Wurzeln, endlich eine andere Sprache sprechen, eine andere Kultur kennenlernen, um mehr über mich selbst zu erfahren. Aber das ist letztlich auch nur ein Teil des Weges.

Standard: Zuletzt haben Sie in Interviews immer wieder betont, dass Sie sich verstärkt als Christin sehen. In Zeiten, in denen Religion und jede Art von Fundamentalismus misstrauisch beäugt werden - ist das nicht etwas riskant?

Fonda: Es ist tatsächlich ziemlich schwer, als fortschrittlich denkender Mensch und als Feministin "Christin" zu sagen. Ich bin als Atheistin aufgezogen worden, und verspürte, ebenfalls mit 60, irgendwann den Wunsch, dass sich das ändern sollte. Ich dachte auch bald: Uh, da hast du jetzt einen furchtbaren Fehler gemacht.

Aber dann las ich die Bibel-Apokryphen, vor allem das Thomas- und das Maria-Evangelium. Und das hat mir ein anderes Bild von Jesus ermöglicht: Das war ein Feminist, er hatte keine Angst, Frauen als vollwertige Menschen zu respektieren. Er war ein Revolutionär, der die Armen unterstützte und dazu aufrief, doch von den eigenen Interessen abzusehen. Es gibt aber auch andere Manifestationen von göttlicher Präsenz: Mohammed, Buddha ... und wenn ich nicht in Amerika aufgewachsen wäre, mit unserer spezifischen christlichen Kultur, dann wäre ich jetzt vielleicht Buddhistin oder Muslimin. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.10.2007)

Zur Person:
Jane Fonda, 1937 in New York als Tochter des US-Filmstars Henry Fonda und seiner damaligen Frau Frances Fonda geboren, wurde 1964 mit dem Western Cat Balou und nachher mit Barbarella (1967) weltberühmt. Zu ihren bekanntesten Filmen zählen weiters Klute (1971), Coming Home (1978), Der elektrische Reiter (1978), Das China-Syndrom (1979), Am goldenen See (On Golden Pond, 1981) in dem sie, kurz vor dessen Tod, erstmals mit ihrem Vater auftrat, sowie Old Gringo (1989, mit Gregory Peck). Von ihren Aerobic-Workout-Vide-os verkaufte sie Mitte der 80er-Jahre mehr als 17 Mio. Stück.
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  • "Wäre mein Leben ein Kunstwerk..."

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  • Jane Fonda über den Film "Klute"

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