Die missbrauchten Patrioten

23. Oktober 2007, 19:53
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Der Filmemacher, Kameramann und Aktivist Haskell Wexler erzählt im Interview über seine Arbeit und räsoniert über die Frage, was tatsächlich antiamerikanisch sei

Standard: Mr. Wexler, im Zuge des Viennale-Tributes für Jane Fonda ist das Antivietnamkriegsdrama "Coming Home" (1978) zu sehen, bei dem Sie die Kamera führten. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Film?

Wexler: Ich denke da vor allem an die immensen Widerstände, die man überwinden musste, um ihn zu machen und vor allem in die Kinos zu bringen. Heute kann man bei der Betrachtung des Films wohl schwerlich davon absehen, aus welcher Stimmung und aus welchen Bedingungen heraus er entstanden ist. Jane Fonda galt damals als Vaterlandsverräterin, der Krieg war zwar höchst umstritten, aber die Tatsache, dass man unsere Soldaten belog und verriet, als man sie in diesen Krieg auf der anderen Seite des Erdballs sandte, wurde von Regierungsseite konsequent bestritten und verleugnet.

Standard: Wie sahen denn Sie seinerzeit den Pop-Mythos, der sich rund um "Hanoi-Jane" rankte?

Wexler: Na ja, heute ist es eine weltweit übliche Methode, Fotomotive an die Stelle von Tatsachen und ausführlichen Berichten zu stellen. Insofern haben sich da die Bilder von Janes Armeebesuch wohl tatsächlich verselbstständigt. Aber heute ist die aggressive Seite dieses Kriegs unumstritten - auch im Vergleich mit der nicht minder aggressiven Intervention im Irak. Man kann gar nicht oft genug sagen, dass diese Aggression keine "patriotische" ist. Die wahren US-Patrioten, das sind oft einfache Arbeiter und Kleinbürger, die unter Mangelerscheinungen im Sozial- und Bildungssystem leiden, und die haben mit einer Elite, die globale Unterdrückung und Ausbeutung betreibt, nichts zu tun. Ungehemmt wird über die Köpfe der Bevölkerung Geschichte umgeschrieben, intellektuelle Debatten werden - sofern man sie überhaupt zulässt - scheel betrachtet oder unterschlagen: Wir befinden uns in prekären Zeiten.

Standard: Wenn Sie Ihre Handschrift als Kameramann einem breiteren Publikum beschreiben müssten: Was wäre da für Sie essenziell?

Wexler: Die Kamera ist zuallererst ein technisches Hilfsmittel, das sich natürlich zunehmend weiterentwickelt. Was aber unverändert feststeht: Wenn ich von meiner Fähigkeit, Bilder zu kreieren und diese dann einem breiten Publikum zu zeigen, Gebrauch machen kann, dann ist das ein Privileg. Und mit diesem Privileg muss man verantwortungsvoll umgehen.

Ich versuche, unabhängig vom Thema des jeweiligen Films, Bilder zu machen, die nicht "predigen" oder politisieren. Nachher mit Leuten diskutieren, demokratisch Standpunkte auszutauschen: Das ist dann ein großes Glück.

Standard: Wie war das denn beim Doku-Spielfilm "Medium Cool" (1969), den Sie selbst inszenierten und der ebenfalls bei der Viennale zu sehen ist?

Wexler: Man erhält nicht oft die Möglichkeit, einen Film schreiben, inszenieren und drehen zu dürfen. Heutzutage mache ich manchmal Dokumentationen. In meinem Fall begann es mit einem Drehbuch, das bei Paramount herumlag: Concrete Wilderness, eigentlich ein Naturfilm über einen kleinen Jungen in der Großstadt, der mit Tieren spielt. Ich wollte das dann in Chicago überarbeiten. Unterdessen formierte sich aber die Antikriegsbewegung, man hörte von Plänen der Regierung, diese zu unterdrücken. Ich fragte das Studio, ob ich das Script verändern dürfte.

Also schrieb ich Medium Cool, filmte Trainingseinheiten der Nationalgarde, Typen, die Demonstrationen in Hippie-Outfit unterwandern wollten, etc. Wie Coming Home sollte auch dieser Film eine politische Realität wiedergeben, die der Mainstream der Medien unterschlug. Wieder ging es um Fragen des Patriotismus, der Vaterlandsliebe, die auch heute missbraucht wird. Nur vor diesem Hintergrund ist auch seine Form verständlich.

Standard: Wie funktioniert dieser Missbrauch?

Wexler: Es gibt diese typische pionierhafte amerikanische Grundhaltung: Zurückschlagen, wenn man angegriffen wird. Damit hat man etwa auch die Auslöschung der Indianer gerechtfertigt - historisch ebenso wie später im Kino. Cowboys gegen Indianer: Damit bin ich als Jugendlicher aufgewachsen. Die Cowboys waren natürlich die Guten. Dass man in solchen Filmen einen Genozid verklärte, war öffentlich kein Problem. Viel diskutiert wurde im Movie-Business hingegen die Frage der Tierschutzvereine, ob man die Pferde nicht besser behandeln sollte ... Für den Mainstream gilt: Es gibt gute Gewalt (wenn man sich verteidigt) und böse Gewalt. Und damit spielt die Regierungspropaganda auch heute.

Standard: Ein US-Regisseur, der heute wiederholt diese Propaganda- und Western-Attitüden unterwandert, ist John Sayles. Wiederholt haben Sie in den letzten Jahren mit ihm gearbeitet. Wie kam es dazu?

Wexler: John Sayles ist ein ungewöhnlich bedachtvoller Mensch, der in seinem Leben schon viel gearbeitet hat. Ich weiß nicht, wahrscheinlich bin ich altmodisch, aber ich halte Erfahrung in unterschiedlichen Arbeitsbereichen für menschlich wesentlich. Man entwickelt darüber Beziehungen und Verbindungen, die die sogenannten Profis einfach nicht haben.

Als er 1987 an Matewan arbeitete, einem Film über Immigranten, hab ich mich ihm als Kameramann angeboten. Er sagte: "Fine." Bezahlt kriegt man bei ihm nur minimale Kollektivlöhne, aber jeder ist mit Herz und Seele dabei. Großartig.

Übrigens, haben Sie schon die neue CD von Bruce Springsteen gehört?

Standard: Ja? Wieso?

Wexler: Er hat kürzlich ein Interview für die berühmte Talkshow 60 Minutes gegeben. Und da sagte er auf die Frage, wie er damit umgehe, dass er vielleicht als antipatriotisch verdammt werden würde:

"Ich denke, dass wir seit sechs Jahren Vorgänge mitbeobachten, von denen wir vorher niemals gedacht hätten, dass sie sich in den USA ereignen könnten. Wenn Menschen früher an Amerika dachten, assoziierten sie damit nicht Folter, illegale Abhörmethoden, gebrochene Rechte: Denn es sind doch gerade diese Dinge antiamerikanisch."

Diese Haltung ist in den USA weiter verbreitet, als es uns die Medien einreden wollen. Sie als Europäer sollten das wissen, und ich als Amerikaner muss es mir bewusst halten und weitererzählen. Die Wahrheit darüber, was Amerika ausmacht und wie wir scheinbar funktionieren: Sowohl Medium Cool als auch Coming Home haben sich an dieser Wahrheit abgearbeitet.

(Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 23.10.2007)

"Medium Cool": 30. 10. Gartenbaukino 23.00, "Coming Home": 24. 10. Urania 13.30

Zur Person:
Haskell Wexler, geboren am 6. Februar 1922 in Chicago ist einer der bedeutendsten Kameramänner in der Geschichte des amerikanischen Kinos. Insgesamt zwei Oscars erhielt er für Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (1965) und die Woody-Guthrie-Biografie Bound for Glory (1976). Er stand unter anderem auch hinter der Kamera für Norman Jewisons Thomas Crown ist nicht zu fassen (1968), George Lucas' American Graffiti, Milos Formans Einer flog über das Kuckucksnest (1976), Hal Ashbys Coming Home (1978), Terrence Malicks Days of Heaven (1978) und Dennis Hoppers Colors (1987). Sein erster eigener Spielfilm Medium Cool (1969) ist ein Schlüsselwerk des New Hollywood, eine radikal die gängigen Vorgaben und Drehbedingungen im Studiokino unterwandernde Gratwanderung zwischen Fiktion und Dokumentation. (cp)
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