Warten, dass nichts passiert

23. Oktober 2007, 11:34
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Independent- Nachwuchs aus den USA: Chris Fullers beiläufiges Jugenddrama "Loren Cass"

St. Petersburg in Florida erwacht. Man kann sich dort offenbar morgens mitten auf die Straße legen, und es passiert einem nichts. Während Väter und Mütter wie Statisten, als Teil der Möblage in Wohnzimmern sitzen, stehen ihre halbwüchsigen Kinder auf, verlassen das Haus, setzen sich in ihre Autos und fahren zur Schule.

Ganz am Ende des Films wird man erfahren: "This is their story and it's all a motherfucking lie." Loren Cass heißt das Langfilmdebüt des 25-jährigen Chris Fuller. Das besagte St. Petersburg im US-Sonnenstaat, die Heimatstadt des Regisseurs, war Schauplatz von Unruhen, nachdem im Winter 1996 ein weißer Polizist einen 18-jährigen schwarzen Autofahrer erschossen hatte.

Angeblich hat Fuller bereits unmittelbar danach, als Teenager, mit der Arbeit an einem Drehbuch begonnen. Und vielleicht hat es mit der langen Zeit, die bis zur Realisierung des Projekts dann vergangen ist, zu tun, dass diese Vorkommnisse nun als eine Art irritierender, atmosphärischer Hintergrund Eingang in den Film gefunden haben.

Pflicht und Kür

Vordergründig konstruiert Loren Cass rund um drei Hauptfiguren - Jason (Travis Maynard), Cale (verkörpert vom Regisseur) und Nicole (Kayla Tabish) - eine fragmentarische Erzählung. Entworfen wird darin ein Teenagerdasein zwischen Pflicht und Kür beziehungsweise zwischen Schule, McJob, Elternhaus und kleinen Eskapaden, die nicht selten exzessiv enden. Manchmal kommt es quasi aus dem Nichts zu Prügeleien. So schnell wie die Kontrahenten aufgetaucht sind, so schnell sind sie auch wieder verschwunden.

Auf verbale Erläuterungen wartet man vergebens, ebenso wenig wird ein psychologisches Profil der Figuren entwickelt - neben den drei Protagonisten firmieren sie im Abspann funktional als "The Punk Kid", "The Silent Kid" oder "The Suicide Kid" - die Bezeichnungen geben einen Eindruck von den jeweiligen Szenen, die sich um sie herum entspinnen.

Und das soziale Umfeld wird weniger über ein Elternhaus vermittelt als über Jugendsubkulturen, deren Modecodes, Musikvorlieben und Gruppenrituale immer wieder beiläufig ins Bild rücken.

Bei all dem entwickelt Loren Cass ein ganz eigentümliches Zeitgefühl: Die Zeit vergeht nämlich in Routinen und Leerläufen weniger, als dass sie sich vielmehr in Momenten verdichtet. Dieser Effekt wiederum ist nicht zuletzt der visuellen Organisation der Geschichte geschuldet. Zum einen inszeniert Fuller betont statisch. Der Großteil der auf 16mm-Film gedrehten Aufnahmen wirkt wie vom Stativ gefilmt (und geschwenkt), nur tendenziell kommt Handkamera zum Einsatz. Die Einstellungen sind meist großformatig, die Figuren bleiben so in ihre Umgebung - Originalschauplätze wie Schnellrestaurants, Straßen, Bungalows, Parkplätze - eingebunden.

Es gibt ganze Sequenzen, die wie ein Fotofilm wirken: etwa die Detailaufnahmen aus dem (menschenleeren) Schulgebäude, die nicht zuletzt an Gus Van Sants Elephant denken lassen. Und schließlich setzt Fuller auch noch die Tonspur aus - was einer nächtlichen Prügelei einen eigentümlichen Anstrich gibt - und er montiert "fremde" Tonspuren zum Geschehen: teils offenbar Tondokumente, die sich auf die Riots in St. Petersburg beziehen, aber auch ein Gedichtfragment von Charles Bukowski.

Und so erinnert man am Ende ganz eigentümliche Bilder: die Schuhe ekstatischer Tänzer bei einem Hardcore-Konzert. Zwei Paar Füße unterm Tisch am Beginn einer Liebesgeschichte. Oder den stummen Fall des Suicide Kid. Gelogen vielleicht, aber brillant erfunden. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 20.10.2007)

20. 10. Stadtkino 15.30; Wh.: 21. 10. Urania 23.30
  • Manchmal kommt ein Auto und holt einen ab, manchmal auch nicht: Travis Maynard als Jason in Chris Fullers sehenswertem Spielfilmdebüt "Loren Cass".
    foto: viennale

    Manchmal kommt ein Auto und holt einen ab, manchmal auch nicht: Travis Maynard als Jason in Chris Fullers sehenswertem Spielfilmdebüt "Loren Cass".

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