Eine Agentin mit Hausverstand

20. Oktober 2007, 12:51
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Hal Hartley meldet sich mit einer Art Sequel zurück: In der Thrillersatire "Fay Grim" gerät Parker Posey zwischen alle geopolitischen Fronten

Knapp bemessene Einstellungen, in denen Figuren, deren Vorgeschichte meist ein wenig unklar bleibt, abrupt aufeinandertreffen und sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht viel näherkommen werden: Anfang der 90er-Jahre ist Hal Hartley innerhalb der Riege US-amerikanischer Independent-Regisseure ein Name, mit dem man sofort ganz bestimmte Filmszenen assoziiert. Der augenzwinkernde Ernst, mit dem er seine Welt ausbreitet (und mit Zitaten anreichert), vermittelt sich über einen unverwechselbar artifiziellen Stil, der Nouvelle-Vague-Anklänge mit Pop-Posen vermengt.

Die Filme tragen schöne Titel wie The Unbelievable Truth, Simple Men oder schlicht Trust. 1998 folgt dann noch der ambitionierte Henry Fool, der sich von der Simplizität der früheren Arbeiten ein wenig entfernt; danach wird es merkwürdig still um Hartley. Nun, 10 Jahre später, ist er plötzlich zurück (dazwischen hat er noch den Horrorfilm No Such Thing gedreht) - mit einer Art Sequel zu Henry Fool. Für die, die sich noch erinnern: Die tatkräftige Fay Grim (Parker Posey), die für den Gewinn des Literatur-Nobelpreises ihres Bruders Simon (James Urbaniak) nicht ganz unverantwortlich war, steht jetzt im Zentrum des Geschehens.

Zu Beginn bestimmen noch Alltagsprobleme die Erzählung des Films. Fay hat mit dem schlechten Benehmen ihres Sohnes an der Schule ihre Not, sie befürchtet, dass er nach der Art seines abenteuerlichen Vaters Henry Fool schlägt, der aufgrund subversiver Tätigkeiten die USA verlassen musste und inzwischen für tot gehalten wird.

Gefährliches Tagebuch

Vom Wirken ihres Mannes wird Fay dann allerdings noch auf ganz andere Weise eingeholt. Ein Verleger möchte Fools Tagebuch veröffentlichen, weil er es für literarisch wertvoll hält. Der CIA-Agent Fulbright (Jeff Goldblum) denkt anders darüber. Er will unbedingt den fehlenden Band der Aufzeichnungen ergattern, weil er denkt, dass sich darin verschlüsselte Informationen verbergen, die für die nationale Sicherheit von Belang sind.

Man sieht schon, die Fabel von Fay Grim ist einigermaßen reich an absurden Ideen, parodistischen Genrezutaten und politischen Verweisen. Hat sich Hal Hartley früher selten über filmreferenzielle Spielereien hinausbewegt, so scheint er nun begierig darauf, auch auf die veränderte Weltlage nach dem 11. September zu reagieren. Als Modell dient ihm dabei die paranoide Mechanik des Verschwörungsthrillers. Fay Grim wird eher aus einer Laune heraus zur Agentin, die statt auf besondere Fähigkeiten erfolgreich auf ihren Hausverstand setzt.

Über besonderen Charme verfügt Fay Grim schließlich auch in jenen Momenten, in denen Parker Posey auf unverblümte Art der Suche nach ihrem Mann nachgeht (an dessen Tod sie nicht recht glauben kann) und beispielsweise von einem an einer sensiblen Körperstelle platzierten Handy zu Lauten genötigt wird, die ihrer neuen Rolle nicht unbedingt angemessen sind. Der US-Schauspielerin, deren Karriere zuletzt ziemlich angezogen hat, fordert dieser Film aber auch noch ganz andere komische Fertigkeiten ab.

So schräg wie die Kameraeinstellungen, in denen das Bild förmlich ins Eck zu stürzen droht, sind nämlich auch die weiteren Volten, die die Handlung schlägt. Und der satirische Blick aufs Genre manifestiert sich nicht allein über einzelne Objekte - ein zentrales Gimmick ist ein optisches Gerät, das dem Betrachter eine Orgie vorführt -, sondern auch in der Weigerung, bestimmte Erwartungen hinsichtlich dramatischer Einlagen zu erfüllen: Hartley zeigt Schusswechsel nur in Standbildern.

Fay Grim wirkt zwar stellenweise überspannt - die Auflösung, bei der ein islamistischer Terrorist eine Rolle spielt, erscheint zu bemüht. Andererseits bleibt der Film, trotz der Analogien zum richtigen Leben, ein künstliches Hirngespinst und damit Ausdruck einer Welt, die sich nur popkonspirativ erfassen lässt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 20.10.2007)

20. 10. Metro 16.00; Wh.: 21. 10., Gartenbau 23.00
  • Die Amateurin und der Profi: Die großartige Parker Posey als Fay Grim und Jeff Goldblum als dubioser CIA-Agent in Hal Hartleys Thrillersatire.
    foto: viennale

    Die Amateurin und der Profi: Die großartige Parker Posey als Fay Grim und Jeff Goldblum als dubioser CIA-Agent in Hal Hartleys Thrillersatire.

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